Donnerstag, 7. Januar 2016

Peter Collins: Changing Ideals in Modern Architecture

Europäische Metropolen sind schwer zu verstehen. Es herrschen 
Donaukanal, Wien
  Ordnung und Chaos, Denkmalschutz und forsche Erneuerung. Architekturstile treten mal 
einheitlich wie in Kolonien auf, mal bunt durcheinander. Moderne Gebäude stehen neben barocken oder gründerzeitlichen, Paläste nahe funktionalen Wohnkomplexen. Der Spaziergänger weiß, dass die Bauten jeweils Kinder ihrer Zeit und Moden sind. Welche von ihnen seit wenigen Jahrzehnten oder seit über 100 Jahren existieren, lässt sich ganz gut einschätzen. Weniger klar ist, was ihre Besonderheit begründete. So wie die Farben und Formen in der Natur keine bloße Bekleidung der Pflanzenwelt darstellen, sondern aufgrund komplizierter Anpassungsprozesse entstanden, so sind auch die architektonischen Erscheinungsformen kein bloßes Design, das sich mit einem zufälligen Wechsel der Mode ändert.
In seinem zuerst 1965 erschienenen Buch "Changing Ideals in Modern Architecture" beschreibt der kanadische Architekturhistoriker Peter Collins (1920-1981), welche Überlegungen
Behörde für Stadtentwicklung, Hamburg
dem Bau eines erheblichen Teils unserer Stadtlandschaften vorausgingen. Er zeigt, wie folgerichtig und organisch sich die Ideen entwickelten. Folgerichtig, jedoch nicht alternativlos. Was wir täglich vor  Augen haben, wenn wir das Haus verlassen, sind mögliche Varianten des architektonischen Sehens und Planens. Sie wurden uns von Baumeistern vorgesetzt, die sich durchsetzen konnten. Andere hätten es anders gemacht. Doch davon wissen wir nichts.
Collins schildert den Wechsel der
Römisches Theater, Orange
architektonischen Ideen ab dem Jahr 1750, das er - im Ausklang von Barock und Rokoko - als Beginn  einer neuen, der "modernen" Phase der Baugeschichte ansieht. Deren Originalität besteht allerdings  über viele Jahrzehnte in der Liebe zum Uralten. Vor allem die Baustile der Antike übten eine Faszination aus, die für eine eigenständige Architektur kaum Freiheit ließ. Griechisch-römische Säulentempel wurden als Ausdruck des ewig Guten, Wahren und Schönen angesehen. Sie lieferten die Muster, denen sich viele Architekten des späten 18. und des 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlten. Damit verbunden gab es einen ausgesprochenen Hang zum Romantischen und Malerischen. Für die Wohlhabenden wurden Villen, Palais und Gartenanlagen konzipiert, die wie Gemälde verzaubern und Phantasien wecken sollten. Es kam in Mode, künstliche Grotten und Ruinen anzulegen.                                                            
Klassizistisches Schloss, Wörlitz
Pseudoantikes Heiligtum, Wörlitz
anzulegen. Folgt man Peter Collins, wurden aber gerade die Vertreter des Klassizismus und Historismus zu Wegbereitern eines radikalen Umdenkens. Ihre in Fachzeitschriften und Büchern ausgetragenen Debatten – von denen Collins interessante Kostproben bietet –  wirken im Kontext der damaligen Zeit stichhaltig und engagiert. Konservative Revival-Anhänger wünschten eine enge Anlehnung an die antiken Vorbilder. Progressivere forderten, diese modernen Erfordernissen anzupassen, statt sklavisch zu kopieren. Heimatverbundene Rückwärtsgewandte fanden, es sollten in Nordeuropa noch mehr Gebäude im mittelalterlich gotischen Stil errichtet werden, da sie für kühle Länder besser geeignet seien als Mittelmeer-Architektur. Auch ein Renaissance-Revival gab es – die Wiederbelebung einer Stilepoche, die sich ihrerseits im 15. Jahrhundert an antiken Bauformen orientiert hatte. Von allem ein bisschen wünschten die Eklektizisten: Sie verstanden Architekturgeschichte als Baukasten, dem je nach Bedarf Stilelemente entlehnt werden durften, um sie neu zu kombinieren. Das Beste aus allen Epochen sollte die beste Gegenwartsarchitektur garantieren. Es ging um Konzepte –  weniger um die konkreten Bedürfnisse der Menschen. Bei zahlreichen Bauwerken wurde viel Wert auf den äußeren Schein gelegt, aber es war ungemütlich, in ihnen zu wohnen oder zu arbeiten. Die schlimmen Lebensumstände in englischen Armutsvierteln des 19. Jahrhunderts sind bekannt. Überliefert ist auch, wie Schreibkräfte in engen, von schlecht belüfteten Heizungsanlagen verpesteten Innenräumen neugotischer Prachtbauten der Londoner City litten. Es musste zu einer Gegenbewegung kommen.
Abbruchhaus, Wien
Die industrielle Revolution, die wachsenden Städte und ihre Probleme erzwangen neue Lösungen. Die besten Architekten wollten Gebäude schaffen, die wie maßgeschneidert zu den Anforderungen der Gegenwart passen. Ihre Denkweise war rationalistisch geprägt, aber keineswegs frei von Idealen. Wie im Klassizismus suchte man nach mustergültigen Formen – nicht mehr im Vergangenen, sondern im vermeintlich Universellen. Um alle Bauaufgaben unter einen Hut zu bringen – die stimmige Anordnung von Gebäuden, ihre gute Nutzbarkeit, ökologische und ökonomische Aspekte, Komfort, Lebensqualität –  schien die Orientierung an elementaren Prinzipen zweckmäßig. Zu neuen Vorbildern wurden etwa die Strukturen der Natur, die Logik, der klare Mechanismus von Ursache
Kubushaus, Rotterdam
und Wirkung.                                  

Es entstanden Häuser, die wie Moleküle oder Zellgebilde aussahen, sich streng nach dem rechten Winkel orientierten oder wie Maschinen alles Überflüssige vermieden. Dies bedeutete nicht, dass keinen Wert mehr auf Ästhetik gelegt wurde, im Gegenteil. Der Schönheitsbegriff weitete sich aus
Hochhaus, Rotterdam
über alles, was einen authentischen und wahrhaftigen Eindruck machte. Man musste sich die passenden Vorbilder bloß herauspicken: ob Pflanzen, Hüttendörfer, Blutkreisläufe. "Schönheit" im landläufigen Sinne des Symmetrischen und Harmonischen, des Malerischen oder Wohlgefälligen hatte ausgedient. Die größte Faszination und Durchsetzungskraft besaß eine einfache Formel: Schön ist, was nützlich ist.
Im Funktionalismus fand die Architektur des 20. Jahrhundert ihre selbstbewusste architektonische Identität und schuf neben Meisterwerken zahllose nüchtern-nichtssagende Gebäude. Peter Collins sieht sie jedoch auf dem richtigen Weg, aufgesetzte Künstlichkeit abzustreifen und durch Orientierung an Mensch und Gesellschaft zu sich selbst zu finden. Nicht Technokratie hält er für die größte Gefahr der Moderne, sondern dass sie durch Selbstbezogenheit ihren Auftrag vernachlässigt. Kritisch sieht er Neubauten, die der eitlen Selbstdarstellung vor allem großer Konzerne dienen und beziehungslos im Raum stehen.
Peter Collins Buch erschien vor 50 Jahren, erweitert aber auch beim heutigen Stadtspaziergang den Blick. Kein Bauwerk basiert auf den Designideen seiner Zeit. Es ist das Ergebnis langer historischer  und kreativer Prozesse. Die von Collins beschriebenen Konflikte
Oko-Bau, Hamburg
zwischen dem Wunsch, vermeintlich ideale Muster zu bewahren und der Erkenntnis, dass jedes Ideal nur so gut ist, wie es in seine Zeit passt, lassen sich leicht in spätere Jahrzehnte übertragen. Oder hat sich bereits ein neuer Trend ausgebreitet, der schleichend Formen annimmt und erst übermächtig wird, wenn es für eine Umkehr zu spät ist? Eine Architektur, die sich nach allen Seiten absichert und durch ökologische und energieeffiziente Bauweise die besten Argumente stets auf ihre Seite zu ziehen versucht. Moderne Bauherren werden von den demokratischen Institutionen mehr oder weniger genötigt, ihre Projekte harmonisch in die Umgebung einzubetten, für ausreichend Grün und Verkehrsoptimierung zu sorgen, hinsichtlich Rohstoff- und Energieverbrauch vorbildliche Normen zu erfüllen. Das moderne Bauwerk muss beweisen, moralisch einwandfrei zu sein. Wird daher die Frage weniger wichtig, wie das Gute aussieht? Ist es nicht sehr schwierig, demokratisch vereinbarte Erfordernisse - also das Durchschnittliche - mit kühnen, künstlerisch "umwerfenden" Entwürfen zu vereinbaren? Fällt es umgekehrt gedacht Investoren leichter, eine
Wohnlandschaft
durchschnittliche, kitschig-protzige, pragmatisch-profitorientierte, wenig inspirierende Architektur durchzusetzen, sobald sie den ethischen Normen einer Gesellschaft entspricht? Der Spaziergang durch die modernen Großstädte liefert zu diesen Fragen reiches Anschauungsmaterial. Peter Collins erforscht in seinem Buch die Bauideen bis 1950. Sie haben sich weiterentwickelt und es ist am Spaziergänger, sie und damit die Zukunft zu entdecken.
Hafen-City, Hamburg