Mittwoch, 1. Juli 2015

Vom Glück der Basisweine

 
Weine zum Preis von unter, bzw. deutlich unter 10 Euro schmecken oft weichgespült und gefällig. Umso glücklicher macht es, wenn einer mit Charakter ins Glas gelangte. Diesen Mehrwert, eine monetär begründete Erwartungshaltung zu übertrumpfen, bieten teure Kreszenzen selten. Raffinesse ist bei ihnen eingepreist und kein Zugewinn.
Ein weiterer buchstäblich unbezahlbarer Vorzug von Basisweinen: Sie sind meist weniger vielschichtig und komplex als Mittelklasse- oder Premiumabfüllungen. Entspannt kann man sich ihren elementaren Reizen hingeben. Aber wie die Augen in einer kargen Ebene begeistert jedes Pflänzchen bestaunen, sucht auch der Gaumen im einfachen Wein hochmotiviert nach Details. So kommt es, dass ein Basis-Wein mitunter intensiver geschmeckt wird als ein Premier Cru.


Am Ende der Rheingauer Weinberge


Der Gutswein Riesling Steillage trocken 2012 vom Rheingauer Weingut Friedrich Altenkirch aus Lorch schmeckt auf den ersten Schluck aufregend individuell. Die Aromatik ist „eigen“ und schwer einzuordnen. Eine Mitprobiererin sagt, „wie selbstgemacht“, aber sie meinte es nicht lobend.
Zuerst keine Fruchtimpulse, sondern kräutrige und erdige Noten. Es fallen nicht sofort Vergleiche ein und scheint eher so, als habe man einen neuen Geschmack entdeckt. Was wiederum zum schönen Verdacht verleitet, in sensorischer Fühlung mit etwas Authentischem aus dem Weinberg zu sein.
Daneben prägt sich bald eine deutliche Pfirsichnote aus. Während mich der erdige Ton neugierig nachschmecken lässt und auf positive Weise irritiert, erscheint mir die Fruchtnote zu plakativ und aufdringlich. Meine Distance zum Wein überwiegt, aber er ist interessant, hat mich noch lange beschäftigt und macht Lust, trinkerisch mehr herauszufinden über die Lorcher Terroirs. 


Fähre nach Lorch
  
Altenkirchs Riesling Grauschiefer trocken 2012 besitzt nach dem Öffnen für mich eine zu einnehmende Fruchtnote, die den Wein beherrscht und anderen Aromen wenig Raum lässt. Falsch wäre es aber, sie als zu dick, zu üppig oder plump zu bezeichnen. Sie wirkt wie ein stramm aufgezogenes Etwas, von dem man nicht weiß, wieviel Substanz darin steckt. Reminiszenzen an die Fruchtnote vom Riesling Steillage kommen auf, beim Grauschiefer schmeckt sie aber feiner und wird nach einigen Stunden auch durchlässiger. Der Wein erhält mehr Relief, Schmelz und vermehrt steinige, schiefrige und andere nicht-fruchtige Noten. Die Frucht spielt mit ihnen und sorgt für gute Kontraste. Mit zunehmender Luftreife neigt der Wein zu einer saftigen Geschlossenheit, die ihn aber auch eindimensionaler macht.



 

Geradezu idealtypisch spielt der Riesling Bodental-Steinberg trocken 2013 vom Lorcher Weingut Weil mit den Erwartungen. Beim ersten Probieren ein wenig überraschender, solider, straffer und citrusfrischer Wein. Trockener schmeckend als seine Werte von 10, 5 % Vol. bei einem Zucker-/Säuregehalt von 7,3 zu 8,0 vermuten lassen. Zarte Gelbfruchtimpulse beleben das geradlinige Geschmacksbild. Im Verlauf, und wenn sich der Wein erwärmt, setzt sich Süße deutlicher durch. Aber es bleibt ein Ringen mit klarer, säuregeprägter Frische.