Sonntag, 29. März 2015

Um Salon-de-Provence kennenzulernen,


kann es hilfreich sein, den Mistral mit Windböen von über 70 Stundenkilometern zu erleben






Macht er doch müßiges Spazierengehen unmöglich und zeigt, dass eine Stadt errichtet wurde, weil sie notwendig war. Die Fassade, die der Blick lässig streift, ist eine Notwendigkeit. Es gelingt dir nicht, sie richtig zu würdigen, du solltest sie nicht umarmen. Lass den Wind machen







 



Die Stadt besitzt wunderbare, geheimnisvolle Orte, die mitten im Freien windgeschützt sind. Gutgebaute Orte






Teilweise geschützt. Der Wind fordert zum Weiterlaufen auf







In engen Gassen entgeht man ihm nicht. Er pustet durch jedes Loch, um aus irgendeinem Grund eine Bank in einem Park auszulassen.
Und wieder hinein in den Wind, Salons Spürenswürdigkeit


















Sonntag, 8. März 2015

Samuel Beckett, "Glückliche Tage" oder Regie: Katie Mitchell


Die frühen Beckett-Romane wie Watt und Molloy lesen und dann sein weit später entstandenes Theaterstück Glückliche Tage  - das ist, wie aus der Wildnis auf Wanderwege geraten. Ein Theaterstück folgt anderen formalen Prinzipien als ein Roman, ein arrivierter Autor Anfang der 1960er Jahre schreibt anders als ein sich verbissen durchkämpfender Nobody in der Zeit während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Was vor allem Watt fehlt –  eine kompakte "Sinngebung" erleichternde Struktur – , das besitzt Glückliche Tage zur Genüge.
Hauptfigur Winnie befindet sich in einer klar definierten Lage: Im Sand versinkend und auf ihren frei beweglichen Ehemann einredend, als sei ihr Untergang Alltag. Seine Aufmerksamkeit ist ihr wichtig, während sie feststellt, dass die Dinge nicht besser, wahrscheinlich aber schlechter werden, intime Sorgen und Gedanken mitteilt, ihre exakte Tagesroutine einhält, Zähne putzt und Haare kämmt.
Seit der Uraufführung gehen die Debatten darüber auseinander, ob sich Beckett in seinem Stück mit Religion, Endzeit oder dem ganz normalen Wahnsinn beschäftigt. Wer sich für eine der jeweiligen Sinngebungen entscheidet, kann sich relativ widerspruchslos durch das Stück gleiten lassen. Es entwickelt die "absurde" Ausgangslage schlüssig aus der Perspektive der weiblichen Hauptfigur. Ihre Erinnerungen, Sehnsüchte, Alltagsgedanken und ihre Angst sind gewissermaßen die Autobiographie einer Frau in einer Situation – einer Welt – die entweder als Unfall oder als repräsentativ betrachtet werden kann.
Die Stringenz und fast literaturbürgerliche Geschlossenheit ist, hat man noch die Prosa im Kopf, mitunter ein Schock. Die Romane verwerfen literarische Regeln, sie zeigen, dass sie mit Konventionen nicht leben können. Die abgründigen Erfahrungen ihrer Helden – körperliche Störungen, Kriechen durch Wälder, Schlafen in Straßengräben, Gewalttaten; vor allem aber die Empfindung eines Dissenz mit der natürlichen und gesellschaftlichen Umgebung des Menschen, einer gelebten  Negation – werden nicht bloß dargestellt. Die Darstellung selbst ist ein Abgrund.

Während die psychischen und körperlichen Deformationen der Romanfiguren Watt und Molloy komplementär zu den Zumutungen der Welt erscheinen, geradezu wie die passende Antwort, wirkt Winnie deutlicher wie ein Opfer. Die Männer (!?) leiden am Sein und Beckett schickt sie auf Wanderschaft. Das Problem von Winnie ist die Zeit und sie bewegt sich nicht vom Fleck (Beckett beschrieb sie einst in seiner Regieanweisung übrigens als Frau Mitte 40). Jeder Satz in Glückliche Tage wird gestimmt dadurch, dass sie im Sand feststeckt, während man weiß, dass sie früher gehen konnte. Dies allein genügt, um den Zuschauer zu irritieren, sobald sie meint, heute werde wieder ein glücklicher Tag. Aber auch, weil Winnies Erinnerungen an frühere, noch nicht festgesessene Zeiten den Charakter eines feierlichen, wie gebetshaften Rituals bekommen.
Die Zumutungen von Winnies Existenz sind wie ein Los, das ihr das Schicksal zugeteilt hat. Sie kreist um sie wie um Himmelskörper. Molloy oder Watt hingegen adaptieren alles Haarsträubende, verkörpern es buchstäblich. Es ist ihr Leben, das keine glücklichen Tage, aber Glücksmomente kennt.
Man sollte Winnie nicht nur lesen, sondern das Stück live im Theater erleben. Katie Mitchell bringt mit ihren Darstellern Julia Wieninger und Paul Herwig den Text zurzeit im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses zum Blühen, lässt den Teig erst richtig aufgehen. Ohne ihm etwas aufzuzwängen oder das Werk einzuengen. Obwohl sie Becketts Regieanweisungen, die er bis ins Kleinste respektiert sehen wollte, im Großen übergeht: Bei ihr steckt Winnie nicht in einer Sandwüste, sondern im Wasser eines überfluteten, gutbürgerlichen Wohnhauses. Die Idee beeindruckt und man fragt sich, ob sie nicht die bessere ist.
Obwohl Winnie fast alleine redet, verfolgt man meist gebannt ihre Sätze und Gesten. Becketts Formulierungen gehen weit über den durchschnittlichen literarischen Sprachgebrauch hinaus. Es weht der Wind des Genialischen. Das Stück hat aber auch Längen, die vorstellbar machen, warum der Autor, als er sich nach seinen frühen wilden Texten in der ordentlichen Publikumsdisziplin des Theaters eingerichtet und eine Saturiertheit wie in Glückliche Tage erreicht hatte, auch von hier wieder wegmusste hin zum mehr Minimalistischen, Gestischen, Formbetonten. Es kommt auch der Verdacht, dass er stark auf seine Idee der halbbegrabenen Frau setzte, die im zweiten Akt sogar bis zum Hals in die Erde rutscht. Auslöser für das Schreiben des Stücks, so soll er der allerersten Darstellerin erklärt haben, war die Vorstellung, am Einschlafen permanent durch einen Klingelton gehindert zu werden, ohne den Ort des Martyriums verlassen zu können. So beeindruckt das Stück mit Ideen, die allein durch ihre Bildhaftigkeit funktionieren und beziehungsreich sind. Manche Textpassagen erwecken dabei den Eindruck, vor allem eine dienende Funktion für die dramatische Architektur zu erfüllen.

Wo die Romane ausufern, sich in Wiederholungen und Spielereien ergehen, bewegen sie sich gleichwohl nervös ins Unbekannte, sind wilder Strom. Glückliche Tage will etwas demonstrieren, das Leben einer ganz normalen Frau ausleuchten. Kurios und genial dabei: Gerade das Wasser oder der Sand, in dem Winnie steckt, zeigt, dass ihr Drama ein Alltägliches ist. Winnies Situation ist allgemeingültig und es braucht für den Zuschauer kein Unglück, keine Katastrophe, um wie sie zu empfinden. Glückliche Tage führt dies in einer Geschlossenheit vor Augen, die melodramatisch anmutet, wenn es zu meinen scheint: Glück erhält seinen größten Wert, wenn es erhofft wird oder vergangen ist. Daher wirft es immer wieder auf die wilde, verzweifelte, einsame Konstruktion eines diffusen Selbst zurück.
Katie Mitchells "Glückliche Tage" ist eine der Inszenierungen, die wie etwas wirken, was man selbst erlebt oder geträumt hat. Becketts Poesie funktioniert. Winnie befasst sich mit Leben und Tod, ohne große Worte machen zu müssen. Die absurde Situation der Frau, die bis zum Hals in ihrem Leben steckt, macht große Dinge spürbar, indem sie zeigt, was sie im Kleinen bedeuten. Wie sonst? Jedoch handelt es sich nicht um absurdes Theater.