Mittwoch, 5. August 2015

Es war einmal: Bob Dylan 2011





Während seiner über fünfzig Jahre währenden Karriere wurde Bob Dylan immer wieder als Folk-  und Protestsong-Legende oder auch als ewiges Chamäleon bezeichnet. Die Zuordnungen und Klischees verblassen, wenn sich der Musiker im Hamburger Stadtpark zusammen mit seiner fünfköpfigen, wie stets in gleichfarbige Anzüge uniformierten Band auf einem Höhepunkt seiner Bühnenkunst zeigt. Unter sonnig-blauem Himmel wirkte Dylan am 26. Juni 2011 seinem Werk hautnah. Kaum eine Strophe, die sich nicht auch in mimischen Zuckungen, einem Mitleiden und Miterleben auf dem Gesicht des amerikanischen Musikers reflektierte. Auch beim Hämmern auf dem Keyboard zeigt Dylan seine Spielfreude, lacht und gestikuliert. Immerhin zweimal greift er zur Gitarre und spaziert gern nur mit Mikro und Mundharmonika in Händen über die Bühne. Der Hut bleibt fast immer auf dem Kopf.

Das Keyboard wurde inzwischen von einem Piano abgelöst

Nicht der Klang der Instrumente zieht am meisten in den Bann – Dylans oft kritisierte Stimme meistert die Show auf der Freiluftbühne. Die Arrangements sind zurückgefahren, die früher oft orchestralen Inszenierungen gestrafft, um das jubilierende, krächzende, in düstere Tiefen tauchende und dann wieder schalkhafte Vokalorgan in den Mittelpunkt zu rücken. Das gelingt genial. „Ballad Of A Thin Man“ wird gleichsam zum  Theaterstück, in dem Dylan verschiedene Rollen, Fragen und Perspektiven parodistisch einnimmt und dem armen Protagonisten des Songs entgegenschleudert. „Tangled Up In Blue“ hört sich an, als ob Dylan die bizarren Wege des Schicksal, die er in diesem Lied seit 1975 besingt, nie so deutlich vor Augen gehabt hätte wie in diesem Augenblick. Auch „Visions Of Johanna“ – eine Komposition, aus dem sich eine Symphonie machen lässt – wirkt in dieser auf den Text konzentrierten Version sehr stark.

Neuerdings spielt Bob Dylan bei seinen Shows nicht mehr Gitarre. Allenfalls beim Soundcheck

In weniger spektakulären Liedern wie „Tryin' To Get To Heaven “, die selbst von eingefleischten, jeden Song notierenden Dylan-Enthusiasten nicht leicht erkannt werden, glänzt Dylan mit zarter, anrührender Intonation. Manchmal an diesem Abend klingt sogar der seelenvoll-helle, sich emphatisch aufschwingende Ton junger Jahre an. Die Stimme spielt die Band glatt an die Wand. Umso mehr kommen einige originelle instrumentale Einfälle zur Geltung. Etwa ein kleines Pling-Pling-Duett zwischen Keyboarder Dylan und Leadgitarrist Charlie Sexton, das kurz ein Jazzkonzert zitiert.
Zu Beginn dieser Sommer-Tour gab es eine kleine Sensation. In Tel Aviv spielte Dylan exakt die gleichen Stücke wie im vorherigen Konzert in London. Das war seit 1992 nicht mehr geschehen. Auch musste sich das Publikum mit zwei Songs weniger als üblich begnügen. Die Besorgnis, pünktlich mit dem 70. Geburtstag könnten Dylans Kräfte schwinden, hat er nun eindrucksvoll zerstreut. Die gewohnte Vielfalt ist wieder da und sichtlich bemüht hat sich der Künstler, die wenigen Lieder aufzupeppen, die er fast immer aufführt. Verzögerungen, neue Melodieführungen oder Heavy-Metal-Rhythmen und Ruhe an Stellen, wo früher Aufregung herrschte: So werden Werke wie „All Along The Watchtower“ und „Like A Rolling Stone“ zu neuen Hörerfahrungen. Das Hamburger Publikum lauscht konzentriert, aber zugleich beschwingt zur Musik, die durchaus mit Kalkül Widerstände brechen und unmittelbar in Beine und Blut gehen soll. Dylan hat offensichtlich keine Lust, als musealer Pop-Greis bestaunt zu werden. Kreativ zelebriert er seine Kunst, die es mal wieder schafft, Festlegungen und Bedeutungsstarre zu entgehen. Das Gefühl von Lebendigkeit – das bleibt nach einem Dylan Konzert im Sommer 2011.




Aus den Kulissen wird Bob Dylan bei seinem Konzert aufmerksam beobachtet



Letzter Blick auf den Applaus


Mittwoch, 1. Juli 2015

Vom Glück der Basisweine

 
Weine zum Preis von unter, bzw. deutlich unter 10 Euro schmecken oft weichgespült und gefällig. Umso glücklicher macht es, wenn einer mit Charakter ins Glas gelangte. Diesen Mehrwert, eine monetär begründete Erwartungshaltung zu übertrumpfen, bieten teure Kreszenzen selten. Raffinesse ist bei ihnen eingepreist und kein Zugewinn.
Ein weiterer buchstäblich unbezahlbarer Vorzug von Basisweinen: Sie sind meist weniger vielschichtig und komplex als Mittelklasse- oder Premiumabfüllungen. Entspannt kann man sich ihren elementaren Reizen hingeben. Aber wie die Augen in einer kargen Ebene begeistert jedes Pflänzchen bestaunen, sucht auch der Gaumen im einfachen Wein hochmotiviert nach Details. So kommt es, dass ein Basis-Wein mitunter intensiver geschmeckt wird als ein Premier Cru.


Am Ende der Rheingauer Weinberge


Der Gutswein Riesling Steillage trocken 2012 vom Rheingauer Weingut Friedrich Altenkirch aus Lorch schmeckt auf den ersten Schluck aufregend individuell. Die Aromatik ist „eigen“ und schwer einzuordnen. Eine Mitprobiererin sagt, „wie selbstgemacht“, aber sie meinte es nicht lobend.
Zuerst keine Fruchtimpulse, sondern kräutrige und erdige Noten. Es fallen nicht sofort Vergleiche ein und scheint eher so, als habe man einen neuen Geschmack entdeckt. Was wiederum zum schönen Verdacht verleitet, in sensorischer Fühlung mit etwas Authentischem aus dem Weinberg zu sein.
Daneben prägt sich bald eine deutliche Pfirsichnote aus. Während mich der erdige Ton neugierig nachschmecken lässt und auf positive Weise irritiert, erscheint mir die Fruchtnote zu plakativ und aufdringlich. Meine Distance zum Wein überwiegt, aber er ist interessant, hat mich noch lange beschäftigt und macht Lust, trinkerisch mehr herauszufinden über die Lorcher Terroirs. 


Fähre nach Lorch
  
Altenkirchs Riesling Grauschiefer trocken 2012 besitzt nach dem Öffnen für mich eine zu einnehmende Fruchtnote, die den Wein beherrscht und anderen Aromen wenig Raum lässt. Falsch wäre es aber, sie als zu dick, zu üppig oder plump zu bezeichnen. Sie wirkt wie ein stramm aufgezogenes Etwas, von dem man nicht weiß, wieviel Substanz darin steckt. Reminiszenzen an die Fruchtnote vom Riesling Steillage kommen auf, beim Grauschiefer schmeckt sie aber feiner und wird nach einigen Stunden auch durchlässiger. Der Wein erhält mehr Relief, Schmelz und vermehrt steinige, schiefrige und andere nicht-fruchtige Noten. Die Frucht spielt mit ihnen und sorgt für gute Kontraste. Mit zunehmender Luftreife neigt der Wein zu einer saftigen Geschlossenheit, die ihn aber auch eindimensionaler macht.



 

Geradezu idealtypisch spielt der Riesling Bodental-Steinberg trocken 2013 vom Lorcher Weingut Weil mit den Erwartungen. Beim ersten Probieren ein wenig überraschender, solider, straffer und citrusfrischer Wein. Trockener schmeckend als seine Werte von 10, 5 % Vol. bei einem Zucker-/Säuregehalt von 7,3 zu 8,0 vermuten lassen. Zarte Gelbfruchtimpulse beleben das geradlinige Geschmacksbild. Im Verlauf, und wenn sich der Wein erwärmt, setzt sich Süße deutlicher durch. Aber es bleibt ein Ringen mit klarer, säuregeprägter Frische.





Sonntag, 5. April 2015