Montag, 5. Mai 2014

Schreiben ist unmöglich. Samuel Beckett und Augusto Roa Bastos


"Ich denke, dass jedes Abbild – egal ob in einer Serie oder in einem Einzelbild – 
immer schon ein Trugbild ist, das nur an der Oberfläche hängen bleibt 
und nicht zum Kern vordringt. Das Abbild ist eine Fata Morgana. 
Fotograf Stefan Heyne im Gespräch 
mit Lyle Rexer. PHOTONEWS 5/14                                                               



Die Schriftsteller Augusto Roa Bastos aus Paraguay und Samuel Beckett aus Irland erklären in ihren Büchern nicht, was die Welt bedeutet. Sie entwickeln Szenen, die dem Eindruck von Realität nachgehen. Immer weiter, tiefer und sinnlicher. Da die Realität komplex und widersprüchlich ist, ermöglichen auch ihre Werke vielschichtige Eindrücke und Deutungen. Die Autoren erlebten den Zwiespalt, eine Einsicht in die Realität zu besitzen und zugleich das Gefühl zu haben, sie schwer ausdrücken zu können. Roa Bastos schreibt in seinem 1992 erschienenen Roman Die Nacht des Admirals, dessen Rohfassung über 40 Jahre zuvor entstand:
"Das geschriebene Wort, der Buchstabe, ist immer gestohlen, weil niemand zu der Leere vordringen kann, die dem letzten, allerletzten und ersten Wort vorausliegt, nach dem alle übrigen Worte gestohlen waren und auch alle künftigen Worte bis zum letzten, allerletzten und endgültigen, das man auf Erden schreibt, gestohlen sein werden."
Für einen Schriftsteller ist diese Einsicht bitter.
Da er Bücher schreibt, ergibt sich manches Problem:
"Die Worte und Sätze, die ich aus den Büchern gestohlen habe, die wiederum aus anderen Büchern gestohlen waren, stehen auf den Blättern und haben ihren ursprünglichen Sinn eingebüßt."
Doch wer hier so jammert, ist nicht der Schriftsteller Roa Bastos selbst. Er lässt eine seiner Romanfiguren so denken, die zugleich eine reale Figur darstellt: Amerika-Entdecker Christoph Columbus im Roman Die Nacht des Admirals.


Nachbau von Columbus Flaggschiff auf der Insel La Palma
                          

Auch Samuel Beckett demonstriert seine "Schreibprobleme" im Essay Dante...Bruno. Vico..Joyce von 1929 nicht in eigener Sache, sondern als Interpret der genannten Klassiker.
"Beide bemerkten wie abgenutzt und fadenscheinig die konventionelle Sprache literarischer Federfuchser war."        (über Dante und Joyce)
"Als die Sprache noch Gebärde war, waren Gesprochenes und Geschriebenes identisch.(...) Bequemlichkeit machte sich erst in einem viel fortgeschritteneren Studium der Zivilisation in Form des Alphabetismus geltend."
                                                    

 Roa Bastos legt Columbus ähnliche Ansichten in den Mund:
"Das gesprochene Wort sagt immer die Wahrheit, selbst wenn es sie nicht sagt; es sagt sie mit der Art, wie es etwas sagt, die durch ihre Art vielsagend ist. Es erhebt sich im freien Flug. Die Schrift wurde erfunden, um zu lügen. Sie kristallisiert in der Tinte den dunklen Teil der Wahrheit, die Unendlichkeit des Universums in ein paar dutzend Lettern heraus, deren Kombinationsmöglichkeiten sehr begrenzt sind." 
Samuel Beckett und Augusto Roa Bastos suchen nach einem Ausweg aus der Schreibkrise des modernen Menschen, nach einer wahrhaftigen Quelle des schöpferischen Wortes.

Beckett:
"Dichten war das erste Wirken des menschlichen Geistes, ohne das es kein Denken geben konnte."                                                                                
"Wenn ein Mensch ,See' sagen wollte, zeigte er auf die See. Mit der Ausbreitung des Animismus wurde diese Gebärde durch das Wort ,Neptun' ersetzt."                                             
"Die Wurzel eines jeden Wortes kann zurückverfolgt werden zu irgendeinem vorsprachlichen Symbol. Das Kind überträgt die Namen der ersten vertrauten Gegenstände auf andere fremde Gegenstände, bei denen ihm irgendeine Analogie auffällt."
                                                
Wie es möglich sein kann, Wahrheit auszudrücken und die eigenen Vorstellungen authentisch mitzuteilen, wird in der Nacht des Admirals so beschrieben:
 "Sprache und Schrift sind immer und unvermeidlich dem gesprochenen Wort entlehnt, einem Sprechenden, der seinen Gedanken gerade in artikulierte Laute umsetzt. Wir können uns nur auf dieser archaischen Grundlage verständigen. So ist der ursprüngliche Diebstahl beschaffen, der endlos weitergeht und aus jedem, der ein ,Schöpfer' sein will, lediglich einen wiederholenden Anfänger macht. Außer wenn dieser dem gestaltlosen Stoff der Wiederholungen seine geistige Ordnung aufprägt, der fremden Stimme seinen eigenen Tonfall gibt und sie mit seinem Blut durchtränkt, um das Eigene aus dem Fremden zu gewinnen."



Es genügt also, mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein? Roa Bastos scheint zu erkennen, dass der tiefe Dissenz, den er entdeckt hat, so einfach nicht zu lösen ist. Dem Subjekt des Autors stellt er das Subjekt des Lesers gegenüber, um zu einer höheren, die Bedingtheiten des schriftlichen Ausdrucks ausgleichenden Ebene zu gelangen. Eindeutige Wahrheit gibt es nicht. Möglich ist nur eine relative Wahrhaftigkeit, die sich im Zusammenspiel wacher Geister entwickelt:
"Ein geborener Leser liest immer zwei Bücher zugleich: das geschriebene, das er in der Hand hat und das lügenhaft ist, und das andere, das er mit seiner eigenen Wahrheit schreibt."
Der Ausweg liegt in einem dialektischen Prozess. Das Bemühen des Autors, sich mit Haut und Haar seiner Sache zu verschreiben, ist nur eine Seite der Medaille. Es schützt ihn nicht davor, formelhafte und von anderen – der Kultur – vorgedachte Sprachschöpfungen zu benutzen. Ein vom Menschen erschaffenes, pragmatisches Instrument mit vielen Zwecken. Viel zu beschränkt, manipuliert und instrumentalisiert, um die ganze Geschichte zu erfassen. Darum müssen wir uns selbst bemühen:
"Jeder einzelne Mensch ist unendlich und geheimnisvoll wie das Universum selbst, und die Vorstellungskraft erzittert ängstlich vor einem jeden, ohne dass sie weiß, womit sie beginnen soll, um ihn zu verstehen und noch viel weniger, an welchem Punkt sie aufhören soll. Darum hat keine Geschichte einen Anfang und ein Ende und alle haben so viele Bedeutungen, wie es Leser gibt."
Wie schön...aber das Problem, vor das die geschriebene Sprache stellt, wird damit kaum gelöst. Es wird mit dem sprachlichen Ausdruck nur anders umgegangen. Der Autor formt aus seiner Inspiration einen Teig, der erst in den Händen des Lesers gebacken wird.
Samuel Beckett steuert in seinem Essay Dante...Bruno. Vico..Joyce einen weniger relativistischen Ausweg an:
"Vico (unterscheidet) zumindest implizit, zwischen Schrift und unmittelbarem Ausdruck. In solche unmittelbarem Ausdruck sind Form und Inhalt untrennbar. Beispiele sind die Medaillen des Mittelalters, die keine Inschrift trugen und ein stummes Zeugnis der Schwäche konventionellen Schreibens waren: wie die Fahnen von heute."

"Also macht Vico die Spontaneität der Sprache geltend und verneint den Dualismus von Poesie und Sprache. Ebenso ist die Poesie der Ursprung der Schrift."

Dass ein "unmittelbarer" Ausdruck möglich ist, will Beckett mit Textbeispielen aus Joyces Work in Progress belegen (aus dem Finnegans Wake wurde). Sie sollen zeigen, dass "Sprache kein höflicher konventioneller Symbolismus" sein muss, wenn es sich um ernsthafte Literatur handelt. Ernsthafte Literatur kommt der Quelle des Ausdrucks und damit der Wahrheit nahe. Sie hat keine abbildende Funktion, sondern lässt die Realität in allen ihren Dimensionen aufleben. Sie ist die Realität:
"Hier ist die Form der Inhalt, der Inhalt ist die Form."
"Es ist überhaupt nicht geschrieben worden. Es ist nicht zum Lesen da - oder besser, es ist nicht nur zum Lesen da. Es ist da, angesehen und angehört zu werden. Er schreibt nicht über etwas; sein Schreiben ist dieses etwas selbst."
"Wenn der Sinn Schlaf ist, gehen die Wörter schlafen. (...) Wenn der Sinn Tanz ist, tanzen die Wörter."

Wie um zu zeigen, dass moderne Literatur nicht nur dank Joyce begeistern kann, gibt es auch ein Loblied auf Charles Dickens:

"Durch die ganze Dickensche Beschreibung der Themse in ,Great Expectations' hören wir den Schlick sickern. Diese Art der Sprache, die Sie so dunkel finden, ist das Wichtigste aus Sprache, Malerei und Gebärdenspiel, mit der ganzen unausbleiblichen Klarheit der einstigen Sprachlosigkeit. Hier sind die Wörter nicht die höflichen Verzerrungen der Druckerschwärze des 20. Jahrhunderts. Sie sind lebendig. Sie drängen sich aufs Papier und glühen und entflammen und verglimmen und verschwinden."
Gelang es Beckett, für Sprachschöpfungen eine festere Basis zu finden, als sie Roa Bastos in Die Nacht des Admirals postuliert? Kurioserweise führt Beckett am Ende seines Essays ebenfalls dialektisch anmutende Prozesse ein. Er vergleicht die Entwicklung von Dantes Göttlicher Komödie mit dem Work in Progress  von James Joyce:
"Die Hölle ist die statische Leblosigkeit absoluter Lasterhaftigkeit, das Paradies die statische Leblosigkeit absoluter Reinheit und das Fegefeuer ein Strom von Bewegung und Vitalität, der durch die Verbindung dieser beiden Elemente frei wird. (...) Auf dieser Erde, die das Fegefeuer ist, müssen Laster und Tugend – die man stellvertretend für jedes Paar großer menschlicher Faktoren nehmen kann – abwechselnd geläutert werden, bis sie Widerspruchsgeist werden. Dann erst erhärtet sich darüber die beherrschende Schicht des Laster-  und Tugendhaften, für Widerstand ist gesorgt und die Maschine läuft weiter."


Was haben die Überlegungen den beiden Autoren für ihre eigenen Werke gebracht? Was bringen sie heutigen Autoren? Letzteren hoffentlich eine tiefe Skepsis gegenüber ihren Satzschöpfungen. Widerwillen gegenüber der Reproduktion von Bedeutungshülsen und einer Darstellungsweise, die nur repräsentativen Charakter hat: Wenn Begriffe nach angelernten Regeln aneinandergefügt werden, um Bedeutung zu produzieren wie Instantpulver Brühe produziert. Dies geschieht auch ohne manipulierende Absicht aus Gedankenlosigkeit oder Routine.
Roa Bastos, der Sprachkritik zum Teil des Dramas seiner Romanfigur macht, hat mit Die Nacht des Admirals ein Buch geschrieben, das keine bizarren oder experimentellen Darstellungen ausprobiert. Es ist ein poetisches und sinnliches Buch, ebenso biografischer Essay, Historien- und Abenteuerroman. Mal in erster, mal in dritter Person geschrieben. Das Puzzle des Romans setzt sich im Kopf des Lesers unmerklich zu einem Portrait des Menschen Columbus, seiner Reisen und Gedanken zusammen. Er tritt plastisch aus dem Text hervor. Verschiedene Perspektiven, Fetzen aus Schriftstücken, innere Monologe des Admirals und Berichte über sein Werben bei den Königshäusern ergeben ein vieldimensionales Bild, als habe man die Figur selber getroffen. Die Widersprüche und verwirrend vielfältigen Formen, die ein Mensch annehmen kann, erscheinen nicht harmonisiert und künstlich geformt. Bastos stellt sie in ihrer ausdrucksvollen Wildheit vor Augen und weckt Gefühl und Einsicht dafür, was es heißt, ein Leben zu führen.



Beckett hat in seinen frühen Romanen versucht, seine stark von James Joyce beeinflussten Theorien praktisch umzusetzen. Allerdings nicht dogmatisch. Die bis in die 40er Jahre geschriebenen Bücher weisen allerhand Sprünge und Brüche auf, viel Ironie und das Bewusstsein, immer wieder einem neuen, vorläufigen Versuchsaufbau zu folgen. Das Schreiben mit einer absoluten Theorie im Kopf kann nicht funktionieren, scheinen sie unterschwellig zu sagen. Und deutlich sagen sie: Man kann nicht mit einer Theorie im Kopf schreiben, aber hat sie nun einmal. Eine nach der anderen muss ausprobiert und überwunden werden. Samuel Beckett kann sich der Dialektik nicht entziehen, die er am Ende seines Essay beschreibt, findet aber in seinen Werken ab den 50er Jahren zu einer genialen Synthese. Wie vorausahnend schreibt er am Schluss von Dante...Bruno. Vico..Joyce: "Die Läuterung: der partiell Geläuterte."
Beckett hat sich mit seinen späteren Texten – die nicht mehr versuchend herumirrten, sondern starke Bilder zeichneten und ihn zum berühmten Schriftsteller machten – nicht von seiner Skepsis und seinem Suchen verabschiedet. Ihm ist es bloß gelungen, Unmut und Reflexion zu transformieren. Die Auseinandersetzung musste nicht mehr an der Oberfläche geführt werden. Im wilden Meer der Täuschungen ging es nun darum, Vorstellungen auf Papier zu bringen, die vor dem Gefühl des Echten und buchstäblich Aussagekräftigen Bestand hatten. Es brauchte keine unendlichen Satzkaskaden mehr, um das selbst Geschriebene infrage zu stellen oder aus so vielen Perspektiven zu beleuchten, dass es wahr erschien. Es ging jetzt um die wenigen Sätze, die, wodurch auch immer, innere Notwendigkeit besaßen. Kein Wunder, dass Beckett von den Theatern forderte, die szenischen Anweisungen in seinen Stücken sorgfältig zu beachten. Immer wieder bekam er es mit Regisseuren zu tun, die seinen Texten die Kristallisation austreiben wollten, zu der er so mühsam gelangt war.


Zitate aus:

Augusto Roa Bastos, "Die Nacht des Admirals"
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996

Samuel Beckett, "Dante...Bruno. Vico..Joyce"
in "Disjecta". Suhrkamp Verlag Berlin 2010