Sonntag, 6. April 2014

Wochenzeitung "DIE ZEIT" enttäuscht mit neuem Hamburg-Teil

Eine Ankündigung, die große Erwartungen weckte: Das Wochenblatt DIE ZEIT, trotz Relaunches oft noch ein lesenswertes Medium für Politik, Wirtschaft und Kultur, erscheint ab dem 3. April mit einem Regionalteil für Hamburg. Wie versteht eine Zeitung für das liberale, intellektuell angehauchte Bürgerturm Lokaljournalismus? Wie setzt es sich ab von den Blättern des Springer-Verlags und Funke-Konzerns, die den Zeitungsmarkt in der Hansestadt dominieren? Welche neuartigen Sichtweisen entwickeln Journalisten, die bislang weniger über Sommerbaustellen, Mieterprobleme oder Skandälchen in der Hamburger Bürgerschaft berichteten als über UNO, Euro und EU, die sich mehr um exotische Reiseziele und Kunstgenuss als um Naherholungsgebiete oder die besten Imbissbuden kümmerten? Wird die „ZEIT-Hamburg“ gar einen ähnlichen Stil pflegen wie der Wiener FALTER? Dieses wöchentlich erscheinende Programm-Polit-und Kulturmagazin schafft es, anspruchsvolle Recherche zu veröffentlichen und unterhaltsam zu sein, Missstände aufzudecken, die für landesweite Aufregung sorgen, und handfeste Ess-und Ausflugstipps zu geben.

Nun ist die ZEIT kein Stadtmagazin. Aber eine Theaterrubrik, Portraits von Parks oder Museen sind eigentlich nicht zuviel verlangt. Gespannt wird der neue Regionalteil aufgeschlagen: Gibt es Eindrücke vom aktuellen Geschehen in der Hafencity und anderen Neubauvierteln, die zurzeit staunen und erschrecken lassen? Reports über den sich seit Jahrhunderten kurios wandelnden Jungfernstieg, über Bürgerinitiativen, die Musik-und Kunstszene oder Senatsvorhaben?

Dann der Schock: Auf einer Doppelseite dürfen zwei ehemalige Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi (SPD) und Ole von Beust (CDU), ihr Hamburg-Bild vermitteln. Diese staatstragende Geste der ZEIT erschließt sich umso weniger, weil es hier nicht zur konträr-kreativen Auseinandersetzung der Standpunkte kommt. Im Gleichklang wird gefordert, dass sich Hamburg doch bitte um mehr Fortschrittlichkeit und den „stolzen Blick in die Welt“ bemühen solle. Dohnanyi gemahnt an Vorbilder, die Hamburg einst reich und groß gemacht hätten: Kaufleute, Bankiers und Reeder. Deren Tatkraft und Engagement vermisst er und spricht der Hansestadt ab, noch „Tor zur Welt“ zu sein. Schließlich besäßen Frankfurt und Düsseldorf die größeren Flughäfen. Er räumt ein, dass auch strukturelle Veränderungen, an denen Hamburg nicht selbst schuld sei, die Stadt ins Hintertreffen gebracht hätten. Und bringt sein Gesellschaftsbild, das eigentlich Anlass für eine journalistische Auseinandersetzung sein müsste, auf den Punkt: „Wie könnte man auch von einer Mehrzahl der Einwohner der früher preußischen und eher landgerichteten Stadtteile Wandsbek, Harburg oder auch Altona erwarten, sie sollten nun den einst mutigen republikanischen Weltblick der ehemaligen Hamburger Kaufleute leben?“
Er attestiert der Stadt ähnlich wie Ole von Beust eine schläfrige Selbstzufriedenheit und fordert einen schwammig umrissenen, aber zweifellos rein wirtschaftlich gedachten Gemeinschaftssinn. Es geht um Größe, Reputation, Oberfläche. Selbst als Dohnanyi einmal die Kultur erwähnt, ärgert es ihn lediglich, dass Hamburg auf internationalen „Kalendern“ zu selten erwähnt wird.
Ole von Beust regt sich dankenswerter Weise über die alberne Redensart von Hamburg als vermeintlich schönster Stadt der Welt auf. Aber ist das Zitieren dieses Spruchs nicht selbst ein Klischee? Ich habe ihn noch nie aus dem Mund eines Hamburgers gehört, sondern immer nur gelesen. Beust malt aus, was Dohnanyi umriss: Bitte mehr Industriepolitik, mehr Wachstum und Bau, weniger ängstliches Verhindern von Innovation.

Die Beiträge der Bürgermeister hätten in die Bürgerschaft oder auf einen Parteitag gepasst – in der ersten Ausgabe des Hamburg-Teils der ZEIT wirken sie überdimensioniert und geben der Beilage einen niederdrückend einseitigen Anstrich. Sie bieten Diskussionsstoff und Themen, mit denen die weiteren Seiten hätten gefüllt werden können, was aber nicht geschieht. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo feiert die Politiker-Texte als „Paukenschlag“ von zwei „Hamburg-Kennern mit höchsten Weihen“ und erklärt: „Auch wir bei der Zeit glauben: Hamburg ist eine großartige Stadt – aber da geht noch mehr!“ Worüber er hier schreibt, darüber lässt seine Ausgabe, abgesehen von den vagen Wünschen der Ex-Bürgermeister, im Unklaren. Stinte oder Arbeitsplätze schützen? Mehr Wohnraum schaffen oder Grün erhalten? Straßen vor Durchgangsverkehr bewahren oder Interessen von Einzelhändlern respektieren? Das sind plakativ formulierte, aber aktuelle Konflikte, die sich nicht mit staatsmännischer Geste vom Tisch fegen lassen. Die ZEIT scheinen sie nicht zu interessieren.

Die Hamburg-Beilage weckt den Eindruck, die Redaktion hätte in einer Art Brainstorm gemeinsame Nenner ihre Leserschaft herauszufinden versucht, anstatt mit Haut und Haar in die Stadt einzutauchen und sich inspirieren zu lassen. So wie es die Macher von Airline-Illustrierten und anderen Kundenzeitschriften tun. Aber auch eine echte ZEIT-Idee wurde umgesetzt. In der ersten Regionalbeilage erfahren wir von einer Hebamme, was es heißt, Hamburger zur Welt zu bringen. Leider funktioniert dieses Interview nur als Portrait der Hebamme und hat trotz Fragen wie: „Können Hamburgerinnen eigentlich so richtig laut schreien?“ nichts mit Hamburg zu tun. Daran ändert auch der peinliche Titel der Story nichts: „In Ottensen wird es immer schlimmer.“ Gehen dort Mörderbanden um? Nein, die Geburtshelferin mokiert sich über eingezäunte Spielplätze, Kitas im Souterrain sowie die nach ihrer Meinung überfürsorgliche Art von Altonaer „Öko“-Eltern. Dort gäbe es außerdem zu viele Abgase, während sie die gut durchmischte Nachbarschaft in Blankenese genieße. Da sich die Hamburg-Thematik rasch erschöpft, erhält der Leser Partnerschaftstipps und erfährt, warum Männer bei der Geburt ihres Kindes nicht anwesend sein sollten und besser für den Beruf als fürs Wickeln geeignet seien.

Auch das Portrait des „Hamburger Jungen“ Jan Delay, mit Promibonus selbstverständlich wieder auf einer ganzen Seite, erhellt nichts über die Stadt und wäre in einem anderen Rahmen besser aufgehoben. Außerdem gibt es eine Liste mit Veranstaltungstipps, eine Restaurantkritik und einen Artikel über eine „Eimsbüttler“ Agentur, in dem jeder Mitarbeiter selbst über die Höhe seines Einkommens bestimmen kann. Auch über die Elfte Dokumentarfilmwoche Hamburg vom 9. Bis 11. April wird berichtet – nein, sondern über zwei Filme im Rahmen der Veranstaltung.

Nur zwei Artikel erfüllen auf den ersten Blick die Erwartung, Wissenswertes über Hamburg zu erfahren. Ein kleiner Kasten auf der zweiten Seite informiert über die aktuellen Straßenbaumaßnahmen, die an vielen Durchgangsstrecken Staus und langes Warten mit sich bringen. Der Autor erwähnt die Versäumnisse der Vergangenheit und fragwürdige Maßnahmen heute. Doch kann hier ein Kernproblem der Bewohner nur oberflächlich gestreift werden, während allgemeine Themen auf den Seiten zu viel Raum erhalten.

Interessantes enthält auch der Bericht über Hamburgs Brücken, deren Anzahl anscheinend geringer ist, als gerne behauptet wird. Sie dienen im Text als Aufhänger für Stippvisiten durch einige Stadtteile. Zunächst werden Reparaturarbeiten an der Norderelbe beobachtet, dann geht es nach Marienthal. Eine 91-jährige Frau erzählt über die Entwicklung seit der Vorkriegszeit. Später kommt es zur kurzen Begegnung mit einer Soziologieprofessorin in der Hafen-City – weil es da viele Brücken gibt. Die Autorin fängt geradezu poetisch die Atmosphäre des Stadtteils ein, dem weltweit tätige Architekturbüros sein Gesicht gaben. Die Professorin erklärt: "Vielfalt in der Stadt erwächst selten aus der gesteuerten Mischung." Erwähnt wird, dass nur wenige Wege hinüber nach Wilhelmsburg auf der „anderen Seite“ der Elbe führen – einen Stadtteil, den die Hamburger lange vernachlässigten und als Müllabladeplatz missbrauchten. Die Gräben seien tief und mit einem „Sprung über die Elbe“, der nur ein Hüpfer ist, sei es nicht getan. Stimmt, aber das ist ein Slogan für Investoren und Häuslebauer „diesseits“ der Elbe. Wilhelmsburg besitzt trotz aller Probleme eine eigene Identität und ist eine Region im Umbruch. In den nächsten Jahren soll die Elbinsel zum energetischen Selbstversorger werden. Die Bewohner erstritten die Sanierung, Begrünung und Öffnung der ehemaligen Giftmülldeponie. Seit der Auflösung des Freihafens haben sie besseren Zugang zur Elbe und rings um den Reiherstieg ist eine Art Szeneviertel entstanden.

Schließlich landen wir viele Kilometer weiter an der neuen Heinz-Gärtner-Brücke zwischen Barmbek und Winterhude. Der zunehmend nivellierte Kontrast zwischen den Stadtteilen, die Entstehung eines neuen Lebensgefühls mit allen Vor-und Nachteilen wird angedeutet, bleibt für Außenstehende aber im Dunkeln. Jeder der angesprochenen Orte wäre einen eigenen Artikel wert, und es bleibt zu hoffen, dass DIE ZEIT ihren Mitarbeitern künftig die Möglichkeit gibt, spezifischer zu berichten. Ansonsten wird es die neue Regionalbeilage nicht leicht haben, mit den kostenfreien Wochen- und Anzeigenblättern zu konkurrieren, zu denen seit einigen Monaten auch ein Ableger des Hamburger Abendblattes gehört. Man erwartet von diesen Postillen nicht viel und weiß, dass sie primär für Werbekunden gemacht sind. Die Verquickung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten bleibt oft im Unklaren. Hegt man bescheidene Erwartungen, lässt sich in den verschenkten Heftchen aber Interessantes über die Stadtteile und die Geschichte Hamburgs entdecken. Will die ZEIT in diesem Markt mitmischen, um neue Werbekunden zu generieren? Nicht nur die riesigen, oft ganzseitigen Anzeigen und die zusammengerührten Themen legen den Verdacht nahe. Die erste Hamburg-Beilage der ZEIT lag gratis in den Briefkästen