Dienstag, 4. März 2014

Lebenshilfe von Samuel Beckett, Murphy und Watt



Beckett lesen heißt, die Seele massieren lassen. Mit Stuhlbeinen und Hut, Wassereimer, Lumpen und Schuhsohlen richtet sich die literarische Installation auf und macht sich im Kopf zu schaffen. Das Stochern und Putzen, Reiben, Spritzen, Kitzeln und Quetschen tut nicht weh, weil es sich ja um Literatur handelt.


Die frühen Romane  Murphy  und  Watt  wirken mitunter abseitig, gedankenverloren, anarchistisch. Es ist nicht immer die reine Freude, sie zu lesen. Es kann die Nerven reizen. Zugleich unterhalten sie mit großer Komik, Slapstik, Poesie und Geistreichtum.
Insbesondere Watt weist manche literarisch-intellektuellen Spielchen und Wortspiele auf, für die man in Stimmung sein sollte, um ihnen mit Spaß zu folgen. Oft sind sie durchdrungen vom ironischen Gestus des modernen Literaten, der inspiriert von James Joyce dem Bildungsbürgertum und betulichen Erzählroman die Nase zeigen will. Da werden, wie in Joyces Ulysses auch, literarische und akademische Konventionen vor Augen geführt, um sich über sie lustig zu machen. Leider verfliegt der Witz, wenn die Botschaft einmal angekommen ist. Man versteht die Wut des Autors aus den 30er und 40er Jahren, wünscht sich aber mehr Besinnung auf eigenen Stärken, statt auf die vermeintlichen Schwächen anderer.


Die literaturzynische Attitüde hat Beckett später abgelegt. Die Sprache, die sich selbst kommentiert und ironisiert, wich dem unmittelbaren Ausdruck von "etwas". Die frühen Romane zeigen, aus welcher Rührschüssel Becketts spätere Meisterwerke entsprangen. Es sind ebenfalls grandiose Bücher, sie folgen aber noch anderen Vorstellungen davon, wie literarisch demonstriert werden soll. Seitenlange Auflistungen, wie viele Variationen ein Aussagesatz, ein Verhalten haben können, erinnern an experimentelle Poetik. Das Ziel verfehlt leicht seine Wirkung. Anstatt die Absurdität erheitert nachzufühlen, ist die Intention des Autors zu rasch durchschaut – und letztlich dürftig. Der Leser hat Besseres zu tun.
Zum Glück hält sich das Prätentiöse in Grenzen auf Watts Reise zum Haus von Knott und seinem vorübergehenden Leben dort als Dienstbote. Der mysteriöse Hausherr will die Reste seines täglichen Essens hungernden Hunden aus der Nachbarschaft zukommen lassen. Dieses Ansinnen erweist sich für seine Angestelllten als äußerst kompliziert. Denn wie soll regelmäßig ein Hund verlockt werden, wenn Knott seine Mahlzeiten meist aufisst oder sie zu klein zum Leben und zum Sterben für einen Hund sind? Schließlich muss eigens ein Familienclan mit zahlreichen verschrobenen Mitgliedern für die Aufgabe engagiert werden, womit weitere - Generationen - von Problemen entstehen.
Akribisch versucht Watt, seine Dienste optimal zu planen und seine Umwelt zu verstehen. Mit allen Mitteln, die das Denkvermögen bietet. Als gelebte Erkenntnistheorie, leibhaftig praktizierte Wissenschaft der Logik. Was passiert, wenn Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Entscheidungen mit totaler Konsequenz erfolgen sollen? Hier geht Beckets Konzept auf. Man fiebert mit dem Helden, der in neurotischer Brillianz darüber nachgrübelt, welchen Sinn ein leises Klingelzeichen aus dem Zimmer eines anderen Dienstboten haben könnte. Oder was der Besuch von zwei Klavierstimmern bedeutet: Wie gelangt Watt überhaupt zu dieser Bedeutung, fragt sich der Erzähler, und hat er dem Besuch zuerst die eine, später eine andere gegeben? Auf welche Bedeutung bezieht er sich, wenn er an das Ereignis denkt? Oder war die Bedeutung zuerst da und wurde erst nachträglich von ihm auf den Besuch angewandt?



Die menschlichen Gattung muss sich mit Regeln für die Zubereitung eines Essens ebenso befassen wie mit den Zerstörungen, die in jeden noch so behaglichen Alltag einziehen. Wo lassen sich Maßstäbe dafür entdecken, das eine leichter zu nehmen als das andere – das eine zu verdrängen, das andere mit Akribie zum Erfolg zu führen? Das Leben findet statt in einer Welt, in der begriffen werden soll. In der die mediale, politische, freundschaftliche, berufliche, verwandtschaftliche und leidenschaftliche Welt unentwegt fordert: Du kannst alles verstehen, deine Schlüsse ziehen und dich richtig verhalten. Watt versucht es und macht dabei den Eindruck eines schon äußerlich stark ramponierten Subversiven. Die Hosen so weit, damit man die Beine nicht sieht, der vom Schmutz konservierte Mantel, den sein Vater einst für sich selbst aus zweiter Hand kaufte, so lang, damit er die Hosen verdeckt. Watt ist die lächerliche, absurde und folgerichtige Ausgeburt der Menschheit. Er sieht aus wie einer, der ihre Regeln missachtet hat, dabei hat er sie bloß zu gut verfolgt. Er nimmt das Menschsein zu ernst und versteht nicht, sich pragmatisch aus der Verantwortung zu stehlen. Er wirkt nur geistesabwesend. Tatsächlich aber schafft er es nicht, sein Bewusstsein auszuschalten, wenn es für ihn nützlicher wäre, die Regeln von Ratio und Verantwortung zu vergessen.
Samuel Beckett begann die Arbeit an Watt 1941 im sudfranzösischen Roussillon. Er war mit seiner späteren Frau vor den Nazis aus Paris geflohen, wo er einer Widerstandsgruppe angehört hatte. Während die Deutschen die UDSSR überfielen, die USA in den Weltkrieg eingriffen, die französischen Juden deportiert wurden und die Invasion der Alliierten in der Normandie erfolgte, schrieb er mehrere Notizbücher voll. Nach eigener Aussage, um bei Verstand zu bleiben, während er das tägliche Brot auf den Feldern eines Bauern erarbeitete. Im Frühjahr 1945 war das Manuskript fertig und noch schwerer bei einem Verlag unterzubringen als Murphy.



Becketts frühe Romane zu lesen, ist nichts für schwache Lesenerven. Der Autor hat zu starke, werden einige sagen. Tatsache ist, dass Watt und Murphy teilweise genau durchkomponiert sind, andererseits Beckett keine Hemmungen hat, seine Ambitionen voll in den Text durchschlagen zu lassen. So erklären sich die Sprünge, Abschweifungen und Launen der Bücher. Der Autor folgt Ideen und Eingebungen, indem er ihnen tatsächlich im Text nachgeht und kein schlüsselfertig fürs Leserinteresse designtes Gebäude zimmert. Wir erleben diese "Ideen" in ihren Formen und Verwandlungen und spontanen Bewegungen. Held, Spielball und Leidtragender ist im gleichnamigen Roman die Hauptfigur Watt, die nichts anderes tut, als zum Bahnhof zu gehen, um zur Arbeits-und Wohnstätte in Knotts Haus zu fahren, die dort eine Weile die Aufgaben ihres Vorgänger erledigt, sie an den Nachfolger übergibt, und wieder zurückfährt.


Nun sind seit Erscheinen des Buches – zuerst 1952 in einer Mini-Auflage, sieben Jahre nach Beendigung des Manuskriptes – unzählige Interpretationen zu diesem Roman wie auch zu Murphy ersonnen worden. Allein die Namen der Protagonisten wie Watt und Knott sind die reinste Freude für Bedeutungsspekulanten. Parallelen zu Kafka wie zur hegelianischen Herr- und Knecht-Philosophie drängen sich auf und leicht kann die Erzählung als Parabel auf Gott und die Welt verstanden werden. Es lässt sich viel Symbolisches, Doppeldeutiges, sprich "Gemeintes" entdecken, wenn man es entdecken will. Schön ist allerdings, dass der Autor keine stringente Interpretation toleriert. Kompakte Deutungsmodelle lassen sich prima auf einige Seiten anwenden. Hätte Beckett hier Schluss gemacht und den Ausschnitt als Erzählung veröffentlicht, wäre sie ein Sahnestück für jeden Schulbuchverlag. Aber die Erzählung geht weiter – mit ganz anderen Wahrnehmungen und Themen. Als wollte der Autor sagen: Lesen ohne Interpretieren geht ebensowenig wie Lesen ohne Worte, aber die Deutungen sind wie ein beständiger Schleier, der beim Gehen laufend abgeworfen wird. Er verknüpft die Themen und Worte mitunter so rüde, als wollte er die Hohlheit eindeutiger Interpretationen dadurch demonstrieren, dass er rasch die nächste und übernächste anregt.
Auffallend wiederkehrendes Thema in Watt ist das Spiel mit Möglichkeiten. Immer und immer wieder werden Konjunktive variiert. Was wäre, wenn Watt oder eine andere Person sich so oder anders oder noch anders verhalten würden, wird mit mathematischem Ehrgeiz durchgesponnen. Es ist nichts anderes als der Versuch, die physische Welt mit den menschlichen Vorstellungen von ihr in Einklang zu bringen. Den zur Verfügung stehenden Geist derart perfekt anzuwenden, dass er zur Welt passt. Mit den optimal-wissenschaftlichen Lösungen. Aus anfangs klaren Eindrücken erwachsen dabei Zweifel wie Blätter an einem Ast. Beschrieben wird ein durch und durch existenzialistisches Versuchen und Scheitern.



Wer wie Watt das Plausible infrage stellt, wird die geweckten Geister nicht mehr los. Wahrnehmungen und Ideen existieren, um endlos weitere Wahrnehmungen und Ideen zu produzieren. Die verzweifelte Frage, ob sich in Kollege Erskines Zimmer eine Glocke befindet, mit der ihn Knott nachts rufen kann, führt zu irrwitzigen Optionen, deren Existenz herauszufinden. Keine ist realisierbar, da eine jede wiederum Folgen hätte, die Watt vermeiden will. Was bleibt ist Verzweiflung, der Watt nur entkommen könnte, wenn er ein anderer Mensch wäre. Dann würde ihn ganz einfach nicht interessieren, ob geläutet wird oder nicht. Er würde überhaupt nicht auf die Idee und die selbstgestellte Aufgabe kommen.
Watts erste, spontan-logische Vermutung ist, dass Erskine nachts durch eine Glocke in seinem Zimmer geweckt wird. Alle folgenden Überlegungen ließen sich auch wie das Psychogramm eines psychisch gestörten Menschen lesen. Kein Wunder, wenn das Drehen und Wenden des Offensichtlichen zu unlösbaren Konflikten führt! Oder ist die Wahrnehmung von Realität weniger belastbar als gemeinhin gedacht? Wer will wissen, ob Geist und Welt so kompatibel sind, wie von Religionen, Ideologien, Wissenschaft und Interpretationen unterstellt?
Folgt man Watt, scheinen sie sich auf mal mehr, mal weniger sich annähernden, löcherigen Bahnen zu bewegen. Zwar zeigt sich schließlich, dass Watts Vermutung stimmt und es tatsächlich eine Glocke in Erskines Zimmer gibt. Doch sie ist kaputt.


Wenn Watt etwas demonstriert, dann die Unmöglichkeit, den Geist festzulegen. Er bewegt sich mit den Schritten, die einer geht, schlängelt sich um die Beine, bis die Person strauchelt, sich mehr oder weniger befreit und weiterläuft. Beckett zeigt, dass die Zweifel normal sind. Es ist unmöglich, ein normales Leben zu führen. Mit ihm sind wir auf der Spur der logischen Vortäuschungen, die unser Leben bestimmen und die für eine existenzielle Verwirrung sorgen, die pausenlos geordnet wird.
Becketts Bühnenfigur Hamm aus seinem Theaterstück Endspiel war nach Ansicht des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno eine Anspielung auf Hamlet. Adorno erklärte dies dem Autor 1961 beim Mittagessen. Becketts Richtigstellung, er habe nicht im Mindesten an Shakespeares berühmten Lebensmüden gedacht, interessierte Adorno nicht. Hartnäckig blieb er bei seiner Meinung und vertrat sie auch bei einem abendlichen Vortrag, den sich der entgeisterte Beckett anhören musste.
Um Becketts Texte genießen zu können, ist es nicht nötig, eine Schablone über sie zu legen. Im Gegenteil. Sie wirken und entfalten ihre Macht aus der Unmittelbarkeit. Wer in Becketts Stil, kleinen Wendungen und Witzen keinen Reiz entdeckt, wird es schwer haben, bei vielen Passagen nicht die Geduld zu verlieren.
Vorteilhaft ist es, wie bei einem Gedicht die Worte strömen zu lassen, wobei Bedeutung und Form, Sinn und Klang verschmelzen. In diesem Moment entsteht Kunst, die sich einer einseitigen Wahrnehmung und Deutung entzieht, da sie eine ganz neue und eigenständige Dimension der Erfahrung erschafft.




Becketts Sätze ziehen in eine Welt, in der das Skurrile das Gewöhnliche verdeutlicht. In der absurd gekleidete, lädierte und beschmutzte Menschen versuchen, einem sinnfälligen Tagesablauf nachzugehen und beim Anblick von Bahngleisen im Mondlicht oder festgebunden auf einem Schaukelstuhl innehalten können. Ihr Glück – oder die Aussicht aus dem Schmutz – ist keine literarische Konstruktion. Beckett kann wunderbar klassisch "schön" schreiben und die phänomenologischen Freuden des Daseins vor Augen führen. Schon allein deshalb, weil seine Figuren meist an kleinen Dingen leiden oder ihre Ambitionen entwickeln. Es geht um Schuhe und Hosen, staubige Wege, ein Glas Milch, eine Bank zum Schlafen, einen Hut, den Sternenhimmel. Unabhängig davon, wie es den Figuren geht, sind sie immer von Dingen umgeben, denen sie einen heiligen Respekt entgegenbringen.
Von großer Schönheit ist das siebente Kapitel von Murphy. Es folgt gleich nach dem kurzen und intellektuell hochtrabenden sechsten, welches ein spezieller Ablehnungsgrund war, als Beckett den Roman ab 1936 Verlagen anbot. Der Schluss des Buches zeigt einen geradezu elegischen Fatalismus. Der erhabene Himmel, in den Parkbesucher ihre Drachen steigen lassen, die buchstäblich schwerelose Faszination ihres Hobbys, wird in den normalen Lauf des irdisch Bedingten zurückgeholt, als eines der Spielzeuge abstürzt. Es gehört dem Großvater von Murphys Exgeliebter, der verzweifelt aus seinem Rollstuhl torkelt, um den Drachen zu bergen.
Im nachfolgenden Roman Watt sind solche klassisch romanesken Muster seltener, aber wenn, dann unvergesslich vertreten. So beim Gespräch zwischen Watt und Sam von Gitterzaun zu Gitterzaun und bei ihrem Abschied, den Watt im Rückwärtsgang und stolpernd über Baumwurzeln vollzieht. Was bleibt sind die Rauchfahnen aus den Schornsteinen ihrer Wohnbaracken, die mal auseinanderdriften, mal sich vermischen.



Später hat Beckett anders geschrieben. In der Form gezügelter und konzentriert darauf, den Impuls des Schreibens in bildhaften Ausdruck zu übersetzen. In Phänomene, die in der sinnlichen Wahrnehmung des Lesers eine plastische Form annehmen. Was er später schrieb, ist leichter zu lesen als Murphy und vor allem Watt. In seiner ungestümen Art, seiner schriftstellerischen Elektrizität, die nach klaren Gesetzen sich scheinbar chaotisch ausbreitet, ist vor allem Watt unersetzlich. Als ein Buch, das kalt lassen kann, ratlos macht, im nächsten Moment buchstäblich die Seele massiert und eine Art Psychotherapie in Buchform darstellt. Es steht ungeschminkt drin, was im Verborgenen lauert, es wird ausgesprochen, was quält und wie billig und heilig die kleinen Auswege sind, die sich als große Glücksgefühle präsentieren. Ein Buch wie Watt kann niemand erfinden.