Freitag, 3. Januar 2014

Dieter Paul Rudolph: "Die norwegische Küste. Kriminalroman"

"Langeweile" und "Sogwirkung" sind die Antipoden in der Rezeption von Literatur. Den Sog verschmäht niemand, ob Proust-Leser oder Thriller-Verschlinger, und Langeweile ist landläufig verpönt. Vielleicht empfinden die unterschiedlichen Leser unterschiedlicher Bücher sogar Ähnliches, wenn sie einen der beiden Zustände erreicht haben. Vielfältig sind auf jeden Fall die Wege dorthin. So lässt die Lektüre eines "Pageturner" an einen mechanischen Vorgang denken, bei dem Hand und Geist kaum einmal zögern: Buch in die Hand, loslesen, am besten in einem Rutsch bis zur letzten Seite. In Wahrheit haben natürlich auch diese Bücher ihre "Längen": Beschreibende und erklärende Passagen, die den Leser nicht in erster Linie anfeuern sollen. Sie sind oft öder geschrieben als in literarischen Klassikern, doch der Leser schluckt sie schnell, so lange die bereits entwickelte Spannung nachglüht und ihn zum nächsten Abenteuer trägt.
Die Zutaten von Spannungsromanen können sehr einfach sein. Viele Leute lesen sie und finden danach, dass die Lektüre anspruchslos und eigentlich unter ihrem Niveau war, sie sich aber dem Sog nicht entziehen konnten. Sich ihm hingaben.
Muss ein Autor nicht fortwährend die gebannte Aufmerksamkeit des Lesers erzwingen, kann er freier und vielseitiger schreiben. Das bedeutet oft mehr, statt weniger Spannung. Viele und abgestufte Formen von Spannung, die aber nicht von allen Lesern gleich empfunden werden. Setzen für den Bestsellermarkt konzipierte Romane auf massentaugliche Reize, taugen andere besser zur Selbsterfahrung – einem Test der persönlichen Sensibilität.
"Andere" Bücher können schlechte oder gute sein. Auch sie sind für Leser geschrieben, aber eben nicht mit dem hauptsächlichen Beweggrund, ihnen gefallen zu wollen. Individuelle, eigenwillige und komplexe Werke zeigen mit ihrer Vielfalt an Stilmitteln und Themen besonders gut, worauf der eigene Leserkopf anspringt, wann Stimmung aufkommt und wann nicht. Wie sich die Empfindlichkeit im Laufe der Jahre verändert und womöglich bildete. Was früher den Atem raubte, kann heute als durchschaubar empfunden werden. Andersherum saugt sich das Lesergehirn womöglich an Details fest, die früher kaum registriert wurden. Aufgrund von Leseerfahrung, Lebenserfahrung oder beidem.
Dieter Paul Rudolphs Roman "Die norwegische Küste" lässt sich unter anderem wie ein Kommentar zur Spannung in der Literatur lesen. Bereits der Rückklappentext brüstet sich: "Was für ein langweiliger Krimi!" Krimi? Ist das nicht dieses Genre, das den Leser durch Verbrechen aller Art packen soll? Auf möglichst realitätsnahem psychosozialem Hintergrund Rätsel aufgibt und löst, um für möglichst intelligente Kurzweil zu sorgen?
Rudolphs Klappentext scheint ironisch gemeint zu sein, aber was bezweckt er damit? Ist er ein Autor, der seine eigenen Schwächen erkannt hat und versucht, aus der Not eine Tugend zu machen?
Glaubt er, einen Krimi geschrieben zu haben, der künstlerisch weit wertvoller ist als die Reißer aus den Bestsellerlisten – gerade weil er auf herkömmliche Spannungseffekte verzichtet?
Will er potentielle Leser warnen?
Hält er Langeweile für eine Tugend?
Will er provozieren?
"Held" der "Norwegischen Küste" ist ein Kommissar auf Urlaub. Seinen Kollegen gaukelt er eine Reise nach Südfrankreich vor, in Wahrheit verbringt er seine Tage in seiner Wohnung, auf dem Balkon und im Schrebergarten eines verreisten Bekannten.
Auf der Nachbarparzelle verhält sich ein Paar äußerst verdächtig. Viele Indizien deuten darauf hin, dass es in seiner Laube einen Manager gefangen hält, der wenige Tage zuvor entführt worden war.
Was tut man als Kommissar, der an seinem Urlaubsort ein Kapitalverbrechen wittert? Man vergisst die Freuden des Müßiggangs und nimmt Ermittlungen auf. Der durchschnittliche Kommissar ist glücklich, wieder knobeln und fahnden zu müssen, statt faul in den den schönen blauen Himmel zu gucken.
Nur beglückt Kommissar Doreich seine Arbeitsroutine ebensowenig wie die Aussicht, zwei Wochen selbst für seinen Tagesablauf verantwortlich sein zu dürfen. Er entscheidet sich für Besuche in der Konditorei, Sonnenbaden des kahlen Schädels, feuchte Phantasien über seine Nachbarin und eben Ausflüge in die wenig idyllische Schrebergartensiedlung mit Geräuschkulisse von der nahen Autobahn.
Der Kommissar rührt sich bescheidene Mahlzeiten aus Discounter-Zutaten zusammen und man glaubt ihm, dass es schmeckt. Wurde das Niveau akzeptiert, kann sich Genuss entfalten…
Ähnlich stellt sich der Spannungsaufbau im Roman dar: Der profane Alltag mit dem morgendlichen Blick aus dem Fenster, Körperpflege, Klogängen und ziellosen Wahrnehmungen von Umwelt und Mitmenschen lässt umso wirkungsvoller Ungewöhnliches zur Geltung kommen: Erinnerungen an scheußliche Untaten, die er aufzuklären hatte. Nachrichten über aktuelle Verbrechen wie die Entführung des Managers. Und schließlich Doreichs Beobachtung verdächtiger Phänomene wie einer zugeschütteten Grube auf dem Nachbargrundstück.
Doreichs Urlaub wird von Rudolph zwar witzig, hemdsärmelig und manchmal auch poetisch beschrieben. Die Schwere der banalen Dinge beschwert aber auch den Lesefluss. Also ob das Lesergehirn nur eine gewisse Dosis ungeschminkte Normalität verkraften könne, sträubt es sich nach einer gewissen Zahl von Seiten, muss sich erholen. Dann geht es wieder mit frischer Neugier in eine Welt, deren Spannung gerade darin liegt, dass in ihr fast nur geschieht, was jeder selbst erleben kann. Außer die Verbrechen. Falls es ein Verbrechen gibt. Denn die Beschäftigung des Kommissars mit "Indizien" ist auch ein Beispiel für die Macht des Alltags – des alltäglichen Denkens.
Es gibt für Doreich viele Gründe anzunehmen, nebenan bange ein Mensch um sein Leben. Ebenso plausibel ist es aber, dass sein Polizistenhirn den Fall blühend konstruiert. Er ist sich dieser Gespaltenheit extrem bewusst. Er perfektioniert seine Beobachtungen zwar und schafft sich zu diesem Zweck einen Laptop und einen Feldstecher an. Aber er bleibt aus guten, für den Leser nachvollziehbaren Gründen passiv, inspiziert die vermeintlich verlassene Nachbarhütte nicht einmal. Gleichwohl wäre ein anderes Verhalten ebenfalls nachvollziehbar. Es herrscht ein faires Unentschieden. Rudolph gelingt es, jede Variante glaubwürdig darzustellen und dem Leser immer wieder das beunruhigende Gefühl zu geben, die augenblickliche Kopfgeburt sei Wirklichkeit.
Wozu das alles? Der Entführungsfall löst sich schließlich auch ohne sein Zutun, während sich vor seinen Augen und Ohren ein Verbrechen zusammenbraut, von dem er keine Vorahnung hat.
Dies ist kein artifizielles Gedankenspiel und kein surrealer, absichtlich gegen den Strich gebürsteter Kommissar. In "Die norwegische Küste" schwappt unerbittlich die Realität. Neben den Verbrechen, die in den Nachrichten gemeldet und von Doreich zusammengesponnen werden, gibt es die von ihm erlebten. Schonungslos wie von einem Polizeifotografen gesehen, vermitteln sie, was Brutalität, Blut und Mord jenseits von Plotelementen für Taschenbuchkrimis bedeuten. Warum dann nicht gleich Polizeiberichte lesen oder ins Leichenschauhaus gehen? Weil die "Norwegische Küste" Leben und Tod nicht abbilden, sondern darstellen. Weil es Tiefenschichten freilegt und eine Erkenntnis ermöglicht, die gleichzeitig emotional und geistig ist. Anders gesagt, Literatur.
Rudolph steckt aber auch in einem Dilemma und wahrscheinlich können alle oben genannten Fragen zu seinem Klappentext positiv beantwortet werden. Auf seiner Website "Watching the Detectives" rezensierte er über viele Jahre klassische und zeitgenössische Krimiliteratur und setzte sich theoretisch damit auseinander. Nicht müde wurde er, den Verfall des Genres zu beklagen, das in seiner Breite nur Erfolgsmuster kopiert, die sich finanziell für die Verlage bewährt haben. Er analysierte die Schwachpunkte von Autoren, die von vielen als Meister ihres Fachs angesehen werden, und stellte damit einen Fels in die Brandung der Durchschnittskrimis und ihrer öffentlichen Rezeption. "Die norwegische Küste" ist ein Gegenentwurf zu solchen Texten. Die Lektüre lädt nicht zum Träumen am Sandstrand ein, sie ist eher die kühle Welle, die unvermutet den nackten Fuß erreicht. Bewusst machend, wo man eigentlich sitzt. Nicht in einer selbstgestrickten oder vorproduzierten Welt, sondern in einem echten Land mit Wind, Wetter und Küste.
Die Erinnerung an eine solche Lektüre prägt sich ein, sie wird zu einer Instanz für den Vergleich mit anderen Büchern. Klar ist aber, dass für den Markt konstruierte Bestseller genau das sind, was viele Leser wünschen, und dass ihr Kunsthandwerk nicht unterschätzt werden darf. Den größten Gefallen hätte Rudolph  – der sich seit Jahren mit der Frage herumschlägt, was einen Krimi eigentlich ausmacht – dem ahnungslosen Leser wahrscheinlich getan, wenn er sein Buch nicht "Kriminalroman" genannt hätte. Dieses Genre ist inzwischen von Erwartungen besetzt, die sein Werk nicht erfüllen kann. Erst der Klappentext, der später auch die Frage stellt, ob der Kommissar denkt, oder gedacht wird, bringt den Warnhinweis, hier keine gewöhnliche Spannungsware erwarten zu dürfen. Leider weckt er leicht den Eindruck, stattdessen eine ironische Spielerei in Händen zu halten.
Somit setzen Untertitel und Klappentext das Buch zwischen zwei Stühle, die den commonsense auf Abwege führen. Wahrscheinlich ganz in Rudolphs Sinn, der sich eine Genrerevolution wünschen dürfte. Aber wozu die Genres, wenn, wie im Buch bewiesen wird, die norwegische Küste unmöglich gemessen werden kann? Möglich sind gute Bücher.