Montag, 5. Mai 2014

Schreiben ist unmöglich. Samuel Beckett und Augusto Roa Bastos


"Ich denke, dass jedes Abbild – egal ob in einer Serie oder in einem Einzelbild – 
immer schon ein Trugbild ist, das nur an der Oberfläche hängen bleibt 
und nicht zum Kern vordringt. Das Abbild ist eine Fata Morgana. 
Fotograf Stefan Heyne im Gespräch 
mit Lyle Rexer. PHOTONEWS 5/14                                                               



Die Schriftsteller Augusto Roa Bastos aus Paraguay und Samuel Beckett aus Irland erklären in ihren Büchern nicht, was die Welt bedeutet. Sie entwickeln Szenen, die dem Eindruck von Realität nachgehen. Immer weiter, tiefer und sinnlicher. Da die Realität komplex und widersprüchlich ist, ermöglichen auch ihre Werke vielschichtige Eindrücke und Deutungen. Die Autoren erlebten den Zwiespalt, eine Einsicht in die Realität zu besitzen und zugleich das Gefühl zu haben, sie schwer ausdrücken zu können. Roa Bastos schreibt in seinem 1992 erschienenen Roman Die Nacht des Admirals, dessen Rohfassung über 40 Jahre zuvor entstand:
"Das geschriebene Wort, der Buchstabe, ist immer gestohlen, weil niemand zu der Leere vordringen kann, die dem letzten, allerletzten und ersten Wort vorausliegt, nach dem alle übrigen Worte gestohlen waren und auch alle künftigen Worte bis zum letzten, allerletzten und endgültigen, das man auf Erden schreibt, gestohlen sein werden."
Für einen Schriftsteller ist diese Einsicht bitter.
Da er Bücher schreibt, ergibt sich manches Problem:
"Die Worte und Sätze, die ich aus den Büchern gestohlen habe, die wiederum aus anderen Büchern gestohlen waren, stehen auf den Blättern und haben ihren ursprünglichen Sinn eingebüßt."
Doch wer hier so jammert, ist nicht der Schriftsteller Roa Bastos selbst. Er lässt eine seiner Romanfiguren so denken, die zugleich eine reale Figur darstellt: Amerika-Entdecker Christoph Columbus im Roman Die Nacht des Admirals.


Nachbau von Columbus Flaggschiff auf der Insel La Palma
                          

Auch Samuel Beckett demonstriert seine "Schreibprobleme" im Essay Dante...Bruno. Vico..Joyce von 1929 nicht in eigener Sache, sondern als Interpret der genannten Klassiker.
"Beide bemerkten wie abgenutzt und fadenscheinig die konventionelle Sprache literarischer Federfuchser war."        (über Dante und Joyce)
"Als die Sprache noch Gebärde war, waren Gesprochenes und Geschriebenes identisch.(...) Bequemlichkeit machte sich erst in einem viel fortgeschritteneren Studium der Zivilisation in Form des Alphabetismus geltend."
                                                    

 Roa Bastos legt Columbus ähnliche Ansichten in den Mund:
"Das gesprochene Wort sagt immer die Wahrheit, selbst wenn es sie nicht sagt; es sagt sie mit der Art, wie es etwas sagt, die durch ihre Art vielsagend ist. Es erhebt sich im freien Flug. Die Schrift wurde erfunden, um zu lügen. Sie kristallisiert in der Tinte den dunklen Teil der Wahrheit, die Unendlichkeit des Universums in ein paar dutzend Lettern heraus, deren Kombinationsmöglichkeiten sehr begrenzt sind." 
Samuel Beckett und Augusto Roa Bastos suchen nach einem Ausweg aus der Schreibkrise des modernen Menschen, nach einer wahrhaftigen Quelle des schöpferischen Wortes.

Beckett:
"Dichten war das erste Wirken des menschlichen Geistes, ohne das es kein Denken geben konnte."                                                                                
"Wenn ein Mensch ,See' sagen wollte, zeigte er auf die See. Mit der Ausbreitung des Animismus wurde diese Gebärde durch das Wort ,Neptun' ersetzt."                                             
"Die Wurzel eines jeden Wortes kann zurückverfolgt werden zu irgendeinem vorsprachlichen Symbol. Das Kind überträgt die Namen der ersten vertrauten Gegenstände auf andere fremde Gegenstände, bei denen ihm irgendeine Analogie auffällt."
                                                
Wie es möglich sein kann, Wahrheit auszudrücken und die eigenen Vorstellungen authentisch mitzuteilen, wird in der Nacht des Admirals so beschrieben:
 "Sprache und Schrift sind immer und unvermeidlich dem gesprochenen Wort entlehnt, einem Sprechenden, der seinen Gedanken gerade in artikulierte Laute umsetzt. Wir können uns nur auf dieser archaischen Grundlage verständigen. So ist der ursprüngliche Diebstahl beschaffen, der endlos weitergeht und aus jedem, der ein ,Schöpfer' sein will, lediglich einen wiederholenden Anfänger macht. Außer wenn dieser dem gestaltlosen Stoff der Wiederholungen seine geistige Ordnung aufprägt, der fremden Stimme seinen eigenen Tonfall gibt und sie mit seinem Blut durchtränkt, um das Eigene aus dem Fremden zu gewinnen."



Es genügt also, mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein? Roa Bastos scheint zu erkennen, dass der tiefe Dissenz, den er entdeckt hat, so einfach nicht zu lösen ist. Dem Subjekt des Autors stellt er das Subjekt des Lesers gegenüber, um zu einer höheren, die Bedingtheiten des schriftlichen Ausdrucks ausgleichenden Ebene zu gelangen. Eindeutige Wahrheit gibt es nicht. Möglich ist nur eine relative Wahrhaftigkeit, die sich im Zusammenspiel wacher Geister entwickelt:
"Ein geborener Leser liest immer zwei Bücher zugleich: das geschriebene, das er in der Hand hat und das lügenhaft ist, und das andere, das er mit seiner eigenen Wahrheit schreibt."
Der Ausweg liegt in einem dialektischen Prozess. Das Bemühen des Autors, sich mit Haut und Haar seiner Sache zu verschreiben, ist nur eine Seite der Medaille. Es schützt ihn nicht davor, formelhafte und von anderen – der Kultur – vorgedachte Sprachschöpfungen zu benutzen. Ein vom Menschen erschaffenes, pragmatisches Instrument mit vielen Zwecken. Viel zu beschränkt, manipuliert und instrumentalisiert, um die ganze Geschichte zu erfassen. Darum müssen wir uns selbst bemühen:
"Jeder einzelne Mensch ist unendlich und geheimnisvoll wie das Universum selbst, und die Vorstellungskraft erzittert ängstlich vor einem jeden, ohne dass sie weiß, womit sie beginnen soll, um ihn zu verstehen und noch viel weniger, an welchem Punkt sie aufhören soll. Darum hat keine Geschichte einen Anfang und ein Ende und alle haben so viele Bedeutungen, wie es Leser gibt."
Wie schön...aber das Problem, vor das die geschriebene Sprache stellt, wird damit kaum gelöst. Es wird mit dem sprachlichen Ausdruck nur anders umgegangen. Der Autor formt aus seiner Inspiration einen Teig, der erst in den Händen des Lesers gebacken wird.
Samuel Beckett steuert in seinem Essay Dante...Bruno. Vico..Joyce einen weniger relativistischen Ausweg an:
"Vico (unterscheidet) zumindest implizit, zwischen Schrift und unmittelbarem Ausdruck. In solche unmittelbarem Ausdruck sind Form und Inhalt untrennbar. Beispiele sind die Medaillen des Mittelalters, die keine Inschrift trugen und ein stummes Zeugnis der Schwäche konventionellen Schreibens waren: wie die Fahnen von heute."

"Also macht Vico die Spontaneität der Sprache geltend und verneint den Dualismus von Poesie und Sprache. Ebenso ist die Poesie der Ursprung der Schrift."

Dass ein "unmittelbarer" Ausdruck möglich ist, will Beckett mit Textbeispielen aus Joyces Work in Progress belegen (aus dem Finnegans Wake wurde). Sie sollen zeigen, dass "Sprache kein höflicher konventioneller Symbolismus" sein muss, wenn es sich um ernsthafte Literatur handelt. Ernsthafte Literatur kommt der Quelle des Ausdrucks und damit der Wahrheit nahe. Sie hat keine abbildende Funktion, sondern lässt die Realität in allen ihren Dimensionen aufleben. Sie ist die Realität:
"Hier ist die Form der Inhalt, der Inhalt ist die Form."
"Es ist überhaupt nicht geschrieben worden. Es ist nicht zum Lesen da - oder besser, es ist nicht nur zum Lesen da. Es ist da, angesehen und angehört zu werden. Er schreibt nicht über etwas; sein Schreiben ist dieses etwas selbst."
"Wenn der Sinn Schlaf ist, gehen die Wörter schlafen. (...) Wenn der Sinn Tanz ist, tanzen die Wörter."

Wie um zu zeigen, dass moderne Literatur nicht nur dank Joyce begeistern kann, gibt es auch ein Loblied auf Charles Dickens:

"Durch die ganze Dickensche Beschreibung der Themse in ,Great Expectations' hören wir den Schlick sickern. Diese Art der Sprache, die Sie so dunkel finden, ist das Wichtigste aus Sprache, Malerei und Gebärdenspiel, mit der ganzen unausbleiblichen Klarheit der einstigen Sprachlosigkeit. Hier sind die Wörter nicht die höflichen Verzerrungen der Druckerschwärze des 20. Jahrhunderts. Sie sind lebendig. Sie drängen sich aufs Papier und glühen und entflammen und verglimmen und verschwinden."
Gelang es Beckett, für Sprachschöpfungen eine festere Basis zu finden, als sie Roa Bastos in Die Nacht des Admirals postuliert? Kurioserweise führt Beckett am Ende seines Essays ebenfalls dialektisch anmutende Prozesse ein. Er vergleicht die Entwicklung von Dantes Göttlicher Komödie mit dem Work in Progress  von James Joyce:
"Die Hölle ist die statische Leblosigkeit absoluter Lasterhaftigkeit, das Paradies die statische Leblosigkeit absoluter Reinheit und das Fegefeuer ein Strom von Bewegung und Vitalität, der durch die Verbindung dieser beiden Elemente frei wird. (...) Auf dieser Erde, die das Fegefeuer ist, müssen Laster und Tugend – die man stellvertretend für jedes Paar großer menschlicher Faktoren nehmen kann – abwechselnd geläutert werden, bis sie Widerspruchsgeist werden. Dann erst erhärtet sich darüber die beherrschende Schicht des Laster-  und Tugendhaften, für Widerstand ist gesorgt und die Maschine läuft weiter."


Was haben die Überlegungen den beiden Autoren für ihre eigenen Werke gebracht? Was bringen sie heutigen Autoren? Letzteren hoffentlich eine tiefe Skepsis gegenüber ihren Satzschöpfungen. Widerwillen gegenüber der Reproduktion von Bedeutungshülsen und einer Darstellungsweise, die nur repräsentativen Charakter hat: Wenn Begriffe nach angelernten Regeln aneinandergefügt werden, um Bedeutung zu produzieren wie Instantpulver Brühe produziert. Dies geschieht auch ohne manipulierende Absicht aus Gedankenlosigkeit oder Routine.
Roa Bastos, der Sprachkritik zum Teil des Dramas seiner Romanfigur macht, hat mit Die Nacht des Admirals ein Buch geschrieben, das keine bizarren oder experimentellen Darstellungen ausprobiert. Es ist ein poetisches und sinnliches Buch, ebenso biografischer Essay, Historien- und Abenteuerroman. Mal in erster, mal in dritter Person geschrieben. Das Puzzle des Romans setzt sich im Kopf des Lesers unmerklich zu einem Portrait des Menschen Columbus, seiner Reisen und Gedanken zusammen. Er tritt plastisch aus dem Text hervor. Verschiedene Perspektiven, Fetzen aus Schriftstücken, innere Monologe des Admirals und Berichte über sein Werben bei den Königshäusern ergeben ein vieldimensionales Bild, als habe man die Figur selber getroffen. Die Widersprüche und verwirrend vielfältigen Formen, die ein Mensch annehmen kann, erscheinen nicht harmonisiert und künstlich geformt. Bastos stellt sie in ihrer ausdrucksvollen Wildheit vor Augen und weckt Gefühl und Einsicht dafür, was es heißt, ein Leben zu führen.



Beckett hat in seinen frühen Romanen versucht, seine stark von James Joyce beeinflussten Theorien praktisch umzusetzen. Allerdings nicht dogmatisch. Die bis in die 40er Jahre geschriebenen Bücher weisen allerhand Sprünge und Brüche auf, viel Ironie und das Bewusstsein, immer wieder einem neuen, vorläufigen Versuchsaufbau zu folgen. Das Schreiben mit einer absoluten Theorie im Kopf kann nicht funktionieren, scheinen sie unterschwellig zu sagen. Und deutlich sagen sie: Man kann nicht mit einer Theorie im Kopf schreiben, aber hat sie nun einmal. Eine nach der anderen muss ausprobiert und überwunden werden. Samuel Beckett kann sich der Dialektik nicht entziehen, die er am Ende seines Essay beschreibt, findet aber in seinen Werken ab den 50er Jahren zu einer genialen Synthese. Wie vorausahnend schreibt er am Schluss von Dante...Bruno. Vico..Joyce: "Die Läuterung: der partiell Geläuterte."
Beckett hat sich mit seinen späteren Texten – die nicht mehr versuchend herumirrten, sondern starke Bilder zeichneten und ihn zum berühmten Schriftsteller machten – nicht von seiner Skepsis und seinem Suchen verabschiedet. Ihm ist es bloß gelungen, Unmut und Reflexion zu transformieren. Die Auseinandersetzung musste nicht mehr an der Oberfläche geführt werden. Im wilden Meer der Täuschungen ging es nun darum, Vorstellungen auf Papier zu bringen, die vor dem Gefühl des Echten und buchstäblich Aussagekräftigen Bestand hatten. Es brauchte keine unendlichen Satzkaskaden mehr, um das selbst Geschriebene infrage zu stellen oder aus so vielen Perspektiven zu beleuchten, dass es wahr erschien. Es ging jetzt um die wenigen Sätze, die, wodurch auch immer, innere Notwendigkeit besaßen. Kein Wunder, dass Beckett von den Theatern forderte, die szenischen Anweisungen in seinen Stücken sorgfältig zu beachten. Immer wieder bekam er es mit Regisseuren zu tun, die seinen Texten die Kristallisation austreiben wollten, zu der er so mühsam gelangt war.


Zitate aus:

Augusto Roa Bastos, "Die Nacht des Admirals"
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996

Samuel Beckett, "Dante...Bruno. Vico..Joyce"
in "Disjecta". Suhrkamp Verlag Berlin 2010








Sonntag, 6. April 2014

Wochenzeitung "DIE ZEIT" enttäuscht mit neuem Hamburg-Teil

Eine Ankündigung, die große Erwartungen weckte: Das Wochenblatt DIE ZEIT, trotz Relaunches oft noch ein lesenswertes Medium für Politik, Wirtschaft und Kultur, erscheint ab dem 3. April mit einem Regionalteil für Hamburg. Wie versteht eine Zeitung für das liberale, intellektuell angehauchte Bürgerturm Lokaljournalismus? Wie setzt es sich ab von den Blättern des Springer-Verlags und Funke-Konzerns, die den Zeitungsmarkt in der Hansestadt dominieren? Welche neuartigen Sichtweisen entwickeln Journalisten, die bislang weniger über Sommerbaustellen, Mieterprobleme oder Skandälchen in der Hamburger Bürgerschaft berichteten als über UNO, Euro und EU, die sich mehr um exotische Reiseziele und Kunstgenuss als um Naherholungsgebiete oder die besten Imbissbuden kümmerten? Wird die „ZEIT-Hamburg“ gar einen ähnlichen Stil pflegen wie der Wiener FALTER? Dieses wöchentlich erscheinende Programm-Polit-und Kulturmagazin schafft es, anspruchsvolle Recherche zu veröffentlichen und unterhaltsam zu sein, Missstände aufzudecken, die für landesweite Aufregung sorgen, und handfeste Ess-und Ausflugstipps zu geben.

Nun ist die ZEIT kein Stadtmagazin. Aber eine Theaterrubrik, Portraits von Parks oder Museen sind eigentlich nicht zuviel verlangt. Gespannt wird der neue Regionalteil aufgeschlagen: Gibt es Eindrücke vom aktuellen Geschehen in der Hafencity und anderen Neubauvierteln, die zurzeit staunen und erschrecken lassen? Reports über den sich seit Jahrhunderten kurios wandelnden Jungfernstieg, über Bürgerinitiativen, die Musik-und Kunstszene oder Senatsvorhaben?

Dann der Schock: Auf einer Doppelseite dürfen zwei ehemalige Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi (SPD) und Ole von Beust (CDU), ihr Hamburg-Bild vermitteln. Diese staatstragende Geste der ZEIT erschließt sich umso weniger, weil es hier nicht zur konträr-kreativen Auseinandersetzung der Standpunkte kommt. Im Gleichklang wird gefordert, dass sich Hamburg doch bitte um mehr Fortschrittlichkeit und den „stolzen Blick in die Welt“ bemühen solle. Dohnanyi gemahnt an Vorbilder, die Hamburg einst reich und groß gemacht hätten: Kaufleute, Bankiers und Reeder. Deren Tatkraft und Engagement vermisst er und spricht der Hansestadt ab, noch „Tor zur Welt“ zu sein. Schließlich besäßen Frankfurt und Düsseldorf die größeren Flughäfen. Er räumt ein, dass auch strukturelle Veränderungen, an denen Hamburg nicht selbst schuld sei, die Stadt ins Hintertreffen gebracht hätten. Und bringt sein Gesellschaftsbild, das eigentlich Anlass für eine journalistische Auseinandersetzung sein müsste, auf den Punkt: „Wie könnte man auch von einer Mehrzahl der Einwohner der früher preußischen und eher landgerichteten Stadtteile Wandsbek, Harburg oder auch Altona erwarten, sie sollten nun den einst mutigen republikanischen Weltblick der ehemaligen Hamburger Kaufleute leben?“
Er attestiert der Stadt ähnlich wie Ole von Beust eine schläfrige Selbstzufriedenheit und fordert einen schwammig umrissenen, aber zweifellos rein wirtschaftlich gedachten Gemeinschaftssinn. Es geht um Größe, Reputation, Oberfläche. Selbst als Dohnanyi einmal die Kultur erwähnt, ärgert es ihn lediglich, dass Hamburg auf internationalen „Kalendern“ zu selten erwähnt wird.
Ole von Beust regt sich dankenswerter Weise über die alberne Redensart von Hamburg als vermeintlich schönster Stadt der Welt auf. Aber ist das Zitieren dieses Spruchs nicht selbst ein Klischee? Ich habe ihn noch nie aus dem Mund eines Hamburgers gehört, sondern immer nur gelesen. Beust malt aus, was Dohnanyi umriss: Bitte mehr Industriepolitik, mehr Wachstum und Bau, weniger ängstliches Verhindern von Innovation.

Die Beiträge der Bürgermeister hätten in die Bürgerschaft oder auf einen Parteitag gepasst – in der ersten Ausgabe des Hamburg-Teils der ZEIT wirken sie überdimensioniert und geben der Beilage einen niederdrückend einseitigen Anstrich. Sie bieten Diskussionsstoff und Themen, mit denen die weiteren Seiten hätten gefüllt werden können, was aber nicht geschieht. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo feiert die Politiker-Texte als „Paukenschlag“ von zwei „Hamburg-Kennern mit höchsten Weihen“ und erklärt: „Auch wir bei der Zeit glauben: Hamburg ist eine großartige Stadt – aber da geht noch mehr!“ Worüber er hier schreibt, darüber lässt seine Ausgabe, abgesehen von den vagen Wünschen der Ex-Bürgermeister, im Unklaren. Stinte oder Arbeitsplätze schützen? Mehr Wohnraum schaffen oder Grün erhalten? Straßen vor Durchgangsverkehr bewahren oder Interessen von Einzelhändlern respektieren? Das sind plakativ formulierte, aber aktuelle Konflikte, die sich nicht mit staatsmännischer Geste vom Tisch fegen lassen. Die ZEIT scheinen sie nicht zu interessieren.

Die Hamburg-Beilage weckt den Eindruck, die Redaktion hätte in einer Art Brainstorm gemeinsame Nenner ihre Leserschaft herauszufinden versucht, anstatt mit Haut und Haar in die Stadt einzutauchen und sich inspirieren zu lassen. So wie es die Macher von Airline-Illustrierten und anderen Kundenzeitschriften tun. Aber auch eine echte ZEIT-Idee wurde umgesetzt. In der ersten Regionalbeilage erfahren wir von einer Hebamme, was es heißt, Hamburger zur Welt zu bringen. Leider funktioniert dieses Interview nur als Portrait der Hebamme und hat trotz Fragen wie: „Können Hamburgerinnen eigentlich so richtig laut schreien?“ nichts mit Hamburg zu tun. Daran ändert auch der peinliche Titel der Story nichts: „In Ottensen wird es immer schlimmer.“ Gehen dort Mörderbanden um? Nein, die Geburtshelferin mokiert sich über eingezäunte Spielplätze, Kitas im Souterrain sowie die nach ihrer Meinung überfürsorgliche Art von Altonaer „Öko“-Eltern. Dort gäbe es außerdem zu viele Abgase, während sie die gut durchmischte Nachbarschaft in Blankenese genieße. Da sich die Hamburg-Thematik rasch erschöpft, erhält der Leser Partnerschaftstipps und erfährt, warum Männer bei der Geburt ihres Kindes nicht anwesend sein sollten und besser für den Beruf als fürs Wickeln geeignet seien.

Auch das Portrait des „Hamburger Jungen“ Jan Delay, mit Promibonus selbstverständlich wieder auf einer ganzen Seite, erhellt nichts über die Stadt und wäre in einem anderen Rahmen besser aufgehoben. Außerdem gibt es eine Liste mit Veranstaltungstipps, eine Restaurantkritik und einen Artikel über eine „Eimsbüttler“ Agentur, in dem jeder Mitarbeiter selbst über die Höhe seines Einkommens bestimmen kann. Auch über die Elfte Dokumentarfilmwoche Hamburg vom 9. Bis 11. April wird berichtet – nein, sondern über zwei Filme im Rahmen der Veranstaltung.

Nur zwei Artikel erfüllen auf den ersten Blick die Erwartung, Wissenswertes über Hamburg zu erfahren. Ein kleiner Kasten auf der zweiten Seite informiert über die aktuellen Straßenbaumaßnahmen, die an vielen Durchgangsstrecken Staus und langes Warten mit sich bringen. Der Autor erwähnt die Versäumnisse der Vergangenheit und fragwürdige Maßnahmen heute. Doch kann hier ein Kernproblem der Bewohner nur oberflächlich gestreift werden, während allgemeine Themen auf den Seiten zu viel Raum erhalten.

Interessantes enthält auch der Bericht über Hamburgs Brücken, deren Anzahl anscheinend geringer ist, als gerne behauptet wird. Sie dienen im Text als Aufhänger für Stippvisiten durch einige Stadtteile. Zunächst werden Reparaturarbeiten an der Norderelbe beobachtet, dann geht es nach Marienthal. Eine 91-jährige Frau erzählt über die Entwicklung seit der Vorkriegszeit. Später kommt es zur kurzen Begegnung mit einer Soziologieprofessorin in der Hafen-City – weil es da viele Brücken gibt. Die Autorin fängt geradezu poetisch die Atmosphäre des Stadtteils ein, dem weltweit tätige Architekturbüros sein Gesicht gaben. Die Professorin erklärt: "Vielfalt in der Stadt erwächst selten aus der gesteuerten Mischung." Erwähnt wird, dass nur wenige Wege hinüber nach Wilhelmsburg auf der „anderen Seite“ der Elbe führen – einen Stadtteil, den die Hamburger lange vernachlässigten und als Müllabladeplatz missbrauchten. Die Gräben seien tief und mit einem „Sprung über die Elbe“, der nur ein Hüpfer ist, sei es nicht getan. Stimmt, aber das ist ein Slogan für Investoren und Häuslebauer „diesseits“ der Elbe. Wilhelmsburg besitzt trotz aller Probleme eine eigene Identität und ist eine Region im Umbruch. In den nächsten Jahren soll die Elbinsel zum energetischen Selbstversorger werden. Die Bewohner erstritten die Sanierung, Begrünung und Öffnung der ehemaligen Giftmülldeponie. Seit der Auflösung des Freihafens haben sie besseren Zugang zur Elbe und rings um den Reiherstieg ist eine Art Szeneviertel entstanden.

Schließlich landen wir viele Kilometer weiter an der neuen Heinz-Gärtner-Brücke zwischen Barmbek und Winterhude. Der zunehmend nivellierte Kontrast zwischen den Stadtteilen, die Entstehung eines neuen Lebensgefühls mit allen Vor-und Nachteilen wird angedeutet, bleibt für Außenstehende aber im Dunkeln. Jeder der angesprochenen Orte wäre einen eigenen Artikel wert, und es bleibt zu hoffen, dass DIE ZEIT ihren Mitarbeitern künftig die Möglichkeit gibt, spezifischer zu berichten. Ansonsten wird es die neue Regionalbeilage nicht leicht haben, mit den kostenfreien Wochen- und Anzeigenblättern zu konkurrieren, zu denen seit einigen Monaten auch ein Ableger des Hamburger Abendblattes gehört. Man erwartet von diesen Postillen nicht viel und weiß, dass sie primär für Werbekunden gemacht sind. Die Verquickung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten bleibt oft im Unklaren. Hegt man bescheidene Erwartungen, lässt sich in den verschenkten Heftchen aber Interessantes über die Stadtteile und die Geschichte Hamburgs entdecken. Will die ZEIT in diesem Markt mitmischen, um neue Werbekunden zu generieren? Nicht nur die riesigen, oft ganzseitigen Anzeigen und die zusammengerührten Themen legen den Verdacht nahe. Die erste Hamburg-Beilage der ZEIT lag gratis in den Briefkästen

Dienstag, 4. März 2014

Lebenshilfe von Samuel Beckett, Murphy und Watt



Beckett lesen heißt, die Seele massieren lassen. Mit Stuhlbeinen und Hut, Wassereimer, Lumpen und Schuhsohlen richtet sich die literarische Installation auf und macht sich im Kopf zu schaffen. Das Stochern und Putzen, Reiben, Spritzen, Kitzeln und Quetschen tut nicht weh, weil es sich ja um Literatur handelt.


Die frühen Romane  Murphy  und  Watt  wirken mitunter abseitig, gedankenverloren, anarchistisch. Es ist nicht immer die reine Freude, sie zu lesen. Es kann die Nerven reizen. Zugleich unterhalten sie mit großer Komik, Slapstik, Poesie und Geistreichtum.
Insbesondere Watt weist manche literarisch-intellektuellen Spielchen und Wortspiele auf, für die man in Stimmung sein sollte, um ihnen mit Spaß zu folgen. Oft sind sie durchdrungen vom ironischen Gestus des modernen Literaten, der inspiriert von James Joyce dem Bildungsbürgertum und betulichen Erzählroman die Nase zeigen will. Da werden, wie in Joyces Ulysses auch, literarische und akademische Konventionen vor Augen geführt, um sich über sie lustig zu machen. Leider verfliegt der Witz, wenn die Botschaft einmal angekommen ist. Man versteht die Wut des Autors aus den 30er und 40er Jahren, wünscht sich aber mehr Besinnung auf eigenen Stärken, statt auf die vermeintlichen Schwächen anderer.


Die literaturzynische Attitüde hat Beckett später abgelegt. Die Sprache, die sich selbst kommentiert und ironisiert, wich dem unmittelbaren Ausdruck von "etwas". Die frühen Romane zeigen, aus welcher Rührschüssel Becketts spätere Meisterwerke entsprangen. Es sind ebenfalls grandiose Bücher, sie folgen aber noch anderen Vorstellungen davon, wie literarisch demonstriert werden soll. Seitenlange Auflistungen, wie viele Variationen ein Aussagesatz, ein Verhalten haben können, erinnern an experimentelle Poetik. Das Ziel verfehlt leicht seine Wirkung. Anstatt die Absurdität erheitert nachzufühlen, ist die Intention des Autors zu rasch durchschaut – und letztlich dürftig. Der Leser hat Besseres zu tun.
Zum Glück hält sich das Prätentiöse in Grenzen auf Watts Reise zum Haus von Knott und seinem vorübergehenden Leben dort als Dienstbote. Der mysteriöse Hausherr will die Reste seines täglichen Essens hungernden Hunden aus der Nachbarschaft zukommen lassen. Dieses Ansinnen erweist sich für seine Angestelllten als äußerst kompliziert. Denn wie soll regelmäßig ein Hund verlockt werden, wenn Knott seine Mahlzeiten meist aufisst oder sie zu klein zum Leben und zum Sterben für einen Hund sind? Schließlich muss eigens ein Familienclan mit zahlreichen verschrobenen Mitgliedern für die Aufgabe engagiert werden, womit weitere - Generationen - von Problemen entstehen.
Akribisch versucht Watt, seine Dienste optimal zu planen und seine Umwelt zu verstehen. Mit allen Mitteln, die das Denkvermögen bietet. Als gelebte Erkenntnistheorie, leibhaftig praktizierte Wissenschaft der Logik. Was passiert, wenn Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Entscheidungen mit totaler Konsequenz erfolgen sollen? Hier geht Beckets Konzept auf. Man fiebert mit dem Helden, der in neurotischer Brillianz darüber nachgrübelt, welchen Sinn ein leises Klingelzeichen aus dem Zimmer eines anderen Dienstboten haben könnte. Oder was der Besuch von zwei Klavierstimmern bedeutet: Wie gelangt Watt überhaupt zu dieser Bedeutung, fragt sich der Erzähler, und hat er dem Besuch zuerst die eine, später eine andere gegeben? Auf welche Bedeutung bezieht er sich, wenn er an das Ereignis denkt? Oder war die Bedeutung zuerst da und wurde erst nachträglich von ihm auf den Besuch angewandt?



Die menschlichen Gattung muss sich mit Regeln für die Zubereitung eines Essens ebenso befassen wie mit den Zerstörungen, die in jeden noch so behaglichen Alltag einziehen. Wo lassen sich Maßstäbe dafür entdecken, das eine leichter zu nehmen als das andere – das eine zu verdrängen, das andere mit Akribie zum Erfolg zu führen? Das Leben findet statt in einer Welt, in der begriffen werden soll. In der die mediale, politische, freundschaftliche, berufliche, verwandtschaftliche und leidenschaftliche Welt unentwegt fordert: Du kannst alles verstehen, deine Schlüsse ziehen und dich richtig verhalten. Watt versucht es und macht dabei den Eindruck eines schon äußerlich stark ramponierten Subversiven. Die Hosen so weit, damit man die Beine nicht sieht, der vom Schmutz konservierte Mantel, den sein Vater einst für sich selbst aus zweiter Hand kaufte, so lang, damit er die Hosen verdeckt. Watt ist die lächerliche, absurde und folgerichtige Ausgeburt der Menschheit. Er sieht aus wie einer, der ihre Regeln missachtet hat, dabei hat er sie bloß zu gut verfolgt. Er nimmt das Menschsein zu ernst und versteht nicht, sich pragmatisch aus der Verantwortung zu stehlen. Er wirkt nur geistesabwesend. Tatsächlich aber schafft er es nicht, sein Bewusstsein auszuschalten, wenn es für ihn nützlicher wäre, die Regeln von Ratio und Verantwortung zu vergessen.
Samuel Beckett begann die Arbeit an Watt 1941 im sudfranzösischen Roussillon. Er war mit seiner späteren Frau vor den Nazis aus Paris geflohen, wo er einer Widerstandsgruppe angehört hatte. Während die Deutschen die UDSSR überfielen, die USA in den Weltkrieg eingriffen, die französischen Juden deportiert wurden und die Invasion der Alliierten in der Normandie erfolgte, schrieb er mehrere Notizbücher voll. Nach eigener Aussage, um bei Verstand zu bleiben, während er das tägliche Brot auf den Feldern eines Bauern erarbeitete. Im Frühjahr 1945 war das Manuskript fertig und noch schwerer bei einem Verlag unterzubringen als Murphy.



Becketts frühe Romane zu lesen, ist nichts für schwache Lesenerven. Der Autor hat zu starke, werden einige sagen. Tatsache ist, dass Watt und Murphy teilweise genau durchkomponiert sind, andererseits Beckett keine Hemmungen hat, seine Ambitionen voll in den Text durchschlagen zu lassen. So erklären sich die Sprünge, Abschweifungen und Launen der Bücher. Der Autor folgt Ideen und Eingebungen, indem er ihnen tatsächlich im Text nachgeht und kein schlüsselfertig fürs Leserinteresse designtes Gebäude zimmert. Wir erleben diese "Ideen" in ihren Formen und Verwandlungen und spontanen Bewegungen. Held, Spielball und Leidtragender ist im gleichnamigen Roman die Hauptfigur Watt, die nichts anderes tut, als zum Bahnhof zu gehen, um zur Arbeits-und Wohnstätte in Knotts Haus zu fahren, die dort eine Weile die Aufgaben ihres Vorgänger erledigt, sie an den Nachfolger übergibt, und wieder zurückfährt.


Nun sind seit Erscheinen des Buches – zuerst 1952 in einer Mini-Auflage, sieben Jahre nach Beendigung des Manuskriptes – unzählige Interpretationen zu diesem Roman wie auch zu Murphy ersonnen worden. Allein die Namen der Protagonisten wie Watt und Knott sind die reinste Freude für Bedeutungsspekulanten. Parallelen zu Kafka wie zur hegelianischen Herr- und Knecht-Philosophie drängen sich auf und leicht kann die Erzählung als Parabel auf Gott und die Welt verstanden werden. Es lässt sich viel Symbolisches, Doppeldeutiges, sprich "Gemeintes" entdecken, wenn man es entdecken will. Schön ist allerdings, dass der Autor keine stringente Interpretation toleriert. Kompakte Deutungsmodelle lassen sich prima auf einige Seiten anwenden. Hätte Beckett hier Schluss gemacht und den Ausschnitt als Erzählung veröffentlicht, wäre sie ein Sahnestück für jeden Schulbuchverlag. Aber die Erzählung geht weiter – mit ganz anderen Wahrnehmungen und Themen. Als wollte der Autor sagen: Lesen ohne Interpretieren geht ebensowenig wie Lesen ohne Worte, aber die Deutungen sind wie ein beständiger Schleier, der beim Gehen laufend abgeworfen wird. Er verknüpft die Themen und Worte mitunter so rüde, als wollte er die Hohlheit eindeutiger Interpretationen dadurch demonstrieren, dass er rasch die nächste und übernächste anregt.
Auffallend wiederkehrendes Thema in Watt ist das Spiel mit Möglichkeiten. Immer und immer wieder werden Konjunktive variiert. Was wäre, wenn Watt oder eine andere Person sich so oder anders oder noch anders verhalten würden, wird mit mathematischem Ehrgeiz durchgesponnen. Es ist nichts anderes als der Versuch, die physische Welt mit den menschlichen Vorstellungen von ihr in Einklang zu bringen. Den zur Verfügung stehenden Geist derart perfekt anzuwenden, dass er zur Welt passt. Mit den optimal-wissenschaftlichen Lösungen. Aus anfangs klaren Eindrücken erwachsen dabei Zweifel wie Blätter an einem Ast. Beschrieben wird ein durch und durch existenzialistisches Versuchen und Scheitern.



Wer wie Watt das Plausible infrage stellt, wird die geweckten Geister nicht mehr los. Wahrnehmungen und Ideen existieren, um endlos weitere Wahrnehmungen und Ideen zu produzieren. Die verzweifelte Frage, ob sich in Kollege Erskines Zimmer eine Glocke befindet, mit der ihn Knott nachts rufen kann, führt zu irrwitzigen Optionen, deren Existenz herauszufinden. Keine ist realisierbar, da eine jede wiederum Folgen hätte, die Watt vermeiden will. Was bleibt ist Verzweiflung, der Watt nur entkommen könnte, wenn er ein anderer Mensch wäre. Dann würde ihn ganz einfach nicht interessieren, ob geläutet wird oder nicht. Er würde überhaupt nicht auf die Idee und die selbstgestellte Aufgabe kommen.
Watts erste, spontan-logische Vermutung ist, dass Erskine nachts durch eine Glocke in seinem Zimmer geweckt wird. Alle folgenden Überlegungen ließen sich auch wie das Psychogramm eines psychisch gestörten Menschen lesen. Kein Wunder, wenn das Drehen und Wenden des Offensichtlichen zu unlösbaren Konflikten führt! Oder ist die Wahrnehmung von Realität weniger belastbar als gemeinhin gedacht? Wer will wissen, ob Geist und Welt so kompatibel sind, wie von Religionen, Ideologien, Wissenschaft und Interpretationen unterstellt?
Folgt man Watt, scheinen sie sich auf mal mehr, mal weniger sich annähernden, löcherigen Bahnen zu bewegen. Zwar zeigt sich schließlich, dass Watts Vermutung stimmt und es tatsächlich eine Glocke in Erskines Zimmer gibt. Doch sie ist kaputt.


Wenn Watt etwas demonstriert, dann die Unmöglichkeit, den Geist festzulegen. Er bewegt sich mit den Schritten, die einer geht, schlängelt sich um die Beine, bis die Person strauchelt, sich mehr oder weniger befreit und weiterläuft. Beckett zeigt, dass die Zweifel normal sind. Es ist unmöglich, ein normales Leben zu führen. Mit ihm sind wir auf der Spur der logischen Vortäuschungen, die unser Leben bestimmen und die für eine existenzielle Verwirrung sorgen, die pausenlos geordnet wird.
Becketts Bühnenfigur Hamm aus seinem Theaterstück Endspiel war nach Ansicht des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno eine Anspielung auf Hamlet. Adorno erklärte dies dem Autor 1961 beim Mittagessen. Becketts Richtigstellung, er habe nicht im Mindesten an Shakespeares berühmten Lebensmüden gedacht, interessierte Adorno nicht. Hartnäckig blieb er bei seiner Meinung und vertrat sie auch bei einem abendlichen Vortrag, den sich der entgeisterte Beckett anhören musste.
Um Becketts Texte genießen zu können, ist es nicht nötig, eine Schablone über sie zu legen. Im Gegenteil. Sie wirken und entfalten ihre Macht aus der Unmittelbarkeit. Wer in Becketts Stil, kleinen Wendungen und Witzen keinen Reiz entdeckt, wird es schwer haben, bei vielen Passagen nicht die Geduld zu verlieren.
Vorteilhaft ist es, wie bei einem Gedicht die Worte strömen zu lassen, wobei Bedeutung und Form, Sinn und Klang verschmelzen. In diesem Moment entsteht Kunst, die sich einer einseitigen Wahrnehmung und Deutung entzieht, da sie eine ganz neue und eigenständige Dimension der Erfahrung erschafft.




Becketts Sätze ziehen in eine Welt, in der das Skurrile das Gewöhnliche verdeutlicht. In der absurd gekleidete, lädierte und beschmutzte Menschen versuchen, einem sinnfälligen Tagesablauf nachzugehen und beim Anblick von Bahngleisen im Mondlicht oder festgebunden auf einem Schaukelstuhl innehalten können. Ihr Glück – oder die Aussicht aus dem Schmutz – ist keine literarische Konstruktion. Beckett kann wunderbar klassisch "schön" schreiben und die phänomenologischen Freuden des Daseins vor Augen führen. Schon allein deshalb, weil seine Figuren meist an kleinen Dingen leiden oder ihre Ambitionen entwickeln. Es geht um Schuhe und Hosen, staubige Wege, ein Glas Milch, eine Bank zum Schlafen, einen Hut, den Sternenhimmel. Unabhängig davon, wie es den Figuren geht, sind sie immer von Dingen umgeben, denen sie einen heiligen Respekt entgegenbringen.
Von großer Schönheit ist das siebente Kapitel von Murphy. Es folgt gleich nach dem kurzen und intellektuell hochtrabenden sechsten, welches ein spezieller Ablehnungsgrund war, als Beckett den Roman ab 1936 Verlagen anbot. Der Schluss des Buches zeigt einen geradezu elegischen Fatalismus. Der erhabene Himmel, in den Parkbesucher ihre Drachen steigen lassen, die buchstäblich schwerelose Faszination ihres Hobbys, wird in den normalen Lauf des irdisch Bedingten zurückgeholt, als eines der Spielzeuge abstürzt. Es gehört dem Großvater von Murphys Exgeliebter, der verzweifelt aus seinem Rollstuhl torkelt, um den Drachen zu bergen.
Im nachfolgenden Roman Watt sind solche klassisch romanesken Muster seltener, aber wenn, dann unvergesslich vertreten. So beim Gespräch zwischen Watt und Sam von Gitterzaun zu Gitterzaun und bei ihrem Abschied, den Watt im Rückwärtsgang und stolpernd über Baumwurzeln vollzieht. Was bleibt sind die Rauchfahnen aus den Schornsteinen ihrer Wohnbaracken, die mal auseinanderdriften, mal sich vermischen.



Später hat Beckett anders geschrieben. In der Form gezügelter und konzentriert darauf, den Impuls des Schreibens in bildhaften Ausdruck zu übersetzen. In Phänomene, die in der sinnlichen Wahrnehmung des Lesers eine plastische Form annehmen. Was er später schrieb, ist leichter zu lesen als Murphy und vor allem Watt. In seiner ungestümen Art, seiner schriftstellerischen Elektrizität, die nach klaren Gesetzen sich scheinbar chaotisch ausbreitet, ist vor allem Watt unersetzlich. Als ein Buch, das kalt lassen kann, ratlos macht, im nächsten Moment buchstäblich die Seele massiert und eine Art Psychotherapie in Buchform darstellt. Es steht ungeschminkt drin, was im Verborgenen lauert, es wird ausgesprochen, was quält und wie billig und heilig die kleinen Auswege sind, die sich als große Glücksgefühle präsentieren. Ein Buch wie Watt kann niemand erfinden.






Mittwoch, 26. Februar 2014

Samuel Beckett in Hamburg II

Im Herbst 1936 hielt sich der irische Schriftsteller Samuel Beckett (1906-1989) in Hamburg auf. 
Seine Wohnorte und seine Lieblingskneipe, die Häuser seiner Gastgeber und die Hauptpost vor den Fenstern seiner Pension sehen heute so aus: 



In einer Pension in den Colonnaden wohnte Beckett nur zwei Tage


Hingegen wird er Stammgast in der nahegelegenen damaligen "Weinstube Dölle"

Auf dem Weg zum einstigen Atelier von Gretchen Wohlwill




Blick hinüber von der damaligen Pension Hoppe (Schlüterstraße), wo Beckett hauptsächlich wohnte, zur nach wie vor existierenden Post. Hier gab er seine Briefe nach Irland auf

Fortsetzung folgt

Freitag, 3. Januar 2014

Dieter Paul Rudolph: "Die norwegische Küste. Kriminalroman"

"Langeweile" und "Sogwirkung" sind die Antipoden in der Rezeption von Literatur. Den Sog verschmäht niemand, ob Proust-Leser oder Thriller-Verschlinger, und Langeweile ist landläufig verpönt. Vielleicht empfinden die unterschiedlichen Leser unterschiedlicher Bücher sogar Ähnliches, wenn sie einen der beiden Zustände erreicht haben. Vielfältig sind auf jeden Fall die Wege dorthin. So lässt die Lektüre eines "Pageturner" an einen mechanischen Vorgang denken, bei dem Hand und Geist kaum einmal zögern: Buch in die Hand, loslesen, am besten in einem Rutsch bis zur letzten Seite. In Wahrheit haben natürlich auch diese Bücher ihre "Längen": Beschreibende und erklärende Passagen, die den Leser nicht in erster Linie anfeuern sollen. Sie sind oft öder geschrieben als in literarischen Klassikern, doch der Leser schluckt sie schnell, so lange die bereits entwickelte Spannung nachglüht und ihn zum nächsten Abenteuer trägt.
Die Zutaten von Spannungsromanen können sehr einfach sein. Viele Leute lesen sie und finden danach, dass die Lektüre anspruchslos und eigentlich unter ihrem Niveau war, sie sich aber dem Sog nicht entziehen konnten. Sich ihm hingaben.
Muss ein Autor nicht fortwährend die gebannte Aufmerksamkeit des Lesers erzwingen, kann er freier und vielseitiger schreiben. Das bedeutet oft mehr, statt weniger Spannung. Viele und abgestufte Formen von Spannung, die aber nicht von allen Lesern gleich empfunden werden. Setzen für den Bestsellermarkt konzipierte Romane auf massentaugliche Reize, taugen andere besser zur Selbsterfahrung – einem Test der persönlichen Sensibilität.
"Andere" Bücher können schlechte oder gute sein. Auch sie sind für Leser geschrieben, aber eben nicht mit dem hauptsächlichen Beweggrund, ihnen gefallen zu wollen. Individuelle, eigenwillige und komplexe Werke zeigen mit ihrer Vielfalt an Stilmitteln und Themen besonders gut, worauf der eigene Leserkopf anspringt, wann Stimmung aufkommt und wann nicht. Wie sich die Empfindlichkeit im Laufe der Jahre verändert und womöglich bildete. Was früher den Atem raubte, kann heute als durchschaubar empfunden werden. Andersherum saugt sich das Lesergehirn womöglich an Details fest, die früher kaum registriert wurden. Aufgrund von Leseerfahrung, Lebenserfahrung oder beidem.
Dieter Paul Rudolphs Roman "Die norwegische Küste" lässt sich unter anderem wie ein Kommentar zur Spannung in der Literatur lesen. Bereits der Rückklappentext brüstet sich: "Was für ein langweiliger Krimi!" Krimi? Ist das nicht dieses Genre, das den Leser durch Verbrechen aller Art packen soll? Auf möglichst realitätsnahem psychosozialem Hintergrund Rätsel aufgibt und löst, um für möglichst intelligente Kurzweil zu sorgen?
Rudolphs Klappentext scheint ironisch gemeint zu sein, aber was bezweckt er damit? Ist er ein Autor, der seine eigenen Schwächen erkannt hat und versucht, aus der Not eine Tugend zu machen?
Glaubt er, einen Krimi geschrieben zu haben, der künstlerisch weit wertvoller ist als die Reißer aus den Bestsellerlisten – gerade weil er auf herkömmliche Spannungseffekte verzichtet?
Will er potentielle Leser warnen?
Hält er Langeweile für eine Tugend?
Will er provozieren?
"Held" der "Norwegischen Küste" ist ein Kommissar auf Urlaub. Seinen Kollegen gaukelt er eine Reise nach Südfrankreich vor, in Wahrheit verbringt er seine Tage in seiner Wohnung, auf dem Balkon und im Schrebergarten eines verreisten Bekannten.
Auf der Nachbarparzelle verhält sich ein Paar äußerst verdächtig. Viele Indizien deuten darauf hin, dass es in seiner Laube einen Manager gefangen hält, der wenige Tage zuvor entführt worden war.
Was tut man als Kommissar, der an seinem Urlaubsort ein Kapitalverbrechen wittert? Man vergisst die Freuden des Müßiggangs und nimmt Ermittlungen auf. Der durchschnittliche Kommissar ist glücklich, wieder knobeln und fahnden zu müssen, statt faul in den den schönen blauen Himmel zu gucken.
Nur beglückt Kommissar Doreich seine Arbeitsroutine ebensowenig wie die Aussicht, zwei Wochen selbst für seinen Tagesablauf verantwortlich sein zu dürfen. Er entscheidet sich für Besuche in der Konditorei, Sonnenbaden des kahlen Schädels, feuchte Phantasien über seine Nachbarin und eben Ausflüge in die wenig idyllische Schrebergartensiedlung mit Geräuschkulisse von der nahen Autobahn.
Der Kommissar rührt sich bescheidene Mahlzeiten aus Discounter-Zutaten zusammen und man glaubt ihm, dass es schmeckt. Wurde das Niveau akzeptiert, kann sich Genuss entfalten…
Ähnlich stellt sich der Spannungsaufbau im Roman dar: Der profane Alltag mit dem morgendlichen Blick aus dem Fenster, Körperpflege, Klogängen und ziellosen Wahrnehmungen von Umwelt und Mitmenschen lässt umso wirkungsvoller Ungewöhnliches zur Geltung kommen: Erinnerungen an scheußliche Untaten, die er aufzuklären hatte. Nachrichten über aktuelle Verbrechen wie die Entführung des Managers. Und schließlich Doreichs Beobachtung verdächtiger Phänomene wie einer zugeschütteten Grube auf dem Nachbargrundstück.
Doreichs Urlaub wird von Rudolph zwar witzig, hemdsärmelig und manchmal auch poetisch beschrieben. Die Schwere der banalen Dinge beschwert aber auch den Lesefluss. Also ob das Lesergehirn nur eine gewisse Dosis ungeschminkte Normalität verkraften könne, sträubt es sich nach einer gewissen Zahl von Seiten, muss sich erholen. Dann geht es wieder mit frischer Neugier in eine Welt, deren Spannung gerade darin liegt, dass in ihr fast nur geschieht, was jeder selbst erleben kann. Außer die Verbrechen. Falls es ein Verbrechen gibt. Denn die Beschäftigung des Kommissars mit "Indizien" ist auch ein Beispiel für die Macht des Alltags – des alltäglichen Denkens.
Es gibt für Doreich viele Gründe anzunehmen, nebenan bange ein Mensch um sein Leben. Ebenso plausibel ist es aber, dass sein Polizistenhirn den Fall blühend konstruiert. Er ist sich dieser Gespaltenheit extrem bewusst. Er perfektioniert seine Beobachtungen zwar und schafft sich zu diesem Zweck einen Laptop und einen Feldstecher an. Aber er bleibt aus guten, für den Leser nachvollziehbaren Gründen passiv, inspiziert die vermeintlich verlassene Nachbarhütte nicht einmal. Gleichwohl wäre ein anderes Verhalten ebenfalls nachvollziehbar. Es herrscht ein faires Unentschieden. Rudolph gelingt es, jede Variante glaubwürdig darzustellen und dem Leser immer wieder das beunruhigende Gefühl zu geben, die augenblickliche Kopfgeburt sei Wirklichkeit.
Wozu das alles? Der Entführungsfall löst sich schließlich auch ohne sein Zutun, während sich vor seinen Augen und Ohren ein Verbrechen zusammenbraut, von dem er keine Vorahnung hat.
Dies ist kein artifizielles Gedankenspiel und kein surrealer, absichtlich gegen den Strich gebürsteter Kommissar. In "Die norwegische Küste" schwappt unerbittlich die Realität. Neben den Verbrechen, die in den Nachrichten gemeldet und von Doreich zusammengesponnen werden, gibt es die von ihm erlebten. Schonungslos wie von einem Polizeifotografen gesehen, vermitteln sie, was Brutalität, Blut und Mord jenseits von Plotelementen für Taschenbuchkrimis bedeuten. Warum dann nicht gleich Polizeiberichte lesen oder ins Leichenschauhaus gehen? Weil die "Norwegische Küste" Leben und Tod nicht abbilden, sondern darstellen. Weil es Tiefenschichten freilegt und eine Erkenntnis ermöglicht, die gleichzeitig emotional und geistig ist. Anders gesagt, Literatur.
Rudolph steckt aber auch in einem Dilemma und wahrscheinlich können alle oben genannten Fragen zu seinem Klappentext positiv beantwortet werden. Auf seiner Website "Watching the Detectives" rezensierte er über viele Jahre klassische und zeitgenössische Krimiliteratur und setzte sich theoretisch damit auseinander. Nicht müde wurde er, den Verfall des Genres zu beklagen, das in seiner Breite nur Erfolgsmuster kopiert, die sich finanziell für die Verlage bewährt haben. Er analysierte die Schwachpunkte von Autoren, die von vielen als Meister ihres Fachs angesehen werden, und stellte damit einen Fels in die Brandung der Durchschnittskrimis und ihrer öffentlichen Rezeption. "Die norwegische Küste" ist ein Gegenentwurf zu solchen Texten. Die Lektüre lädt nicht zum Träumen am Sandstrand ein, sie ist eher die kühle Welle, die unvermutet den nackten Fuß erreicht. Bewusst machend, wo man eigentlich sitzt. Nicht in einer selbstgestrickten oder vorproduzierten Welt, sondern in einem echten Land mit Wind, Wetter und Küste.
Die Erinnerung an eine solche Lektüre prägt sich ein, sie wird zu einer Instanz für den Vergleich mit anderen Büchern. Klar ist aber, dass für den Markt konstruierte Bestseller genau das sind, was viele Leser wünschen, und dass ihr Kunsthandwerk nicht unterschätzt werden darf. Den größten Gefallen hätte Rudolph  – der sich seit Jahren mit der Frage herumschlägt, was einen Krimi eigentlich ausmacht – dem ahnungslosen Leser wahrscheinlich getan, wenn er sein Buch nicht "Kriminalroman" genannt hätte. Dieses Genre ist inzwischen von Erwartungen besetzt, die sein Werk nicht erfüllen kann. Erst der Klappentext, der später auch die Frage stellt, ob der Kommissar denkt, oder gedacht wird, bringt den Warnhinweis, hier keine gewöhnliche Spannungsware erwarten zu dürfen. Leider weckt er leicht den Eindruck, stattdessen eine ironische Spielerei in Händen zu halten.
Somit setzen Untertitel und Klappentext das Buch zwischen zwei Stühle, die den commonsense auf Abwege führen. Wahrscheinlich ganz in Rudolphs Sinn, der sich eine Genrerevolution wünschen dürfte. Aber wozu die Genres, wenn, wie im Buch bewiesen wird, die norwegische Küste unmöglich gemessen werden kann? Möglich sind gute Bücher.