Freitag, 20. Dezember 2013

Weltliteratur von Yasushi Inoue

Die Kulturen Japans und Mitteleuropas unterscheiden sich. Soviel darf jeder behaupten, ohne Kulturwissenschaftler zu sein. Das Werk Yasushi Inoues (1907-1991) fordert den europäischen Leser heraus, Vergleiche anzustellen. Manchmal erwähnt Inoue in seinen Romanen und Erzählungen religiöse Riten, die im asiatischen Kulturkreis normal und dem Durchschnittseuropäer weniger bekannt sind. Bizarr erscheinen Buddha-Altäre im Vergleich zu europäischer Kirchenfolklore jedoch nicht. Auch kommen in seinen Romanen und Erzählungen wie selbstverständlich bestimmte Kleidungsstücke, Getränke oder Nahrungsmittel vor, die bei uns als Spezialitäten gelten. Doch es handelt sich um Beiwerk, Kulisse, Ausstattung. Eher erstaunt, wie sehr das fernöstliche Stadtleben dem mitteleuropäischen ähnelt.
Im Zentrum der Texte stehen universelle Themen: Liebe, Schuld, Verantwortung, Ehrgeiz, Krankheit, Tod. Sehnsucht nach Schönheit. Große Gefühle verschmelzen mit alltäglicher Routine. Im Strom der Tage schwimmen die Leidenschaften mit. Die Ziele und Zwänge der Figuren entwickeln sich auf dem Hintergrund der japanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Häufig müssen sie sich mit tradierten Ehr- und Pflichtbegriffen auseinandersetzen. Durch diesen Streit mit den Normen einer Welt, in die sie hineingeboren wurden, wird ihre individuelle Lebendigkeit spürbar.
Was die Romanhelden beschäftigt, macht sie nicht zu außergewöhnlichen, sondern zu gewöhnlichen Menschen. Der Hauptfigur des 1956 erschienenen Romans Die Eiswand ist die Vorstellung unerträglich, man könne ihr eine Mitverantwortung am tödlichen Bergsteigerunfall des Freundes geben. Es wird zu Uozus Lebensaufgabe, seine Unschuld zu beweisen. Zugleich fühlt er sich dem Freund über den Tod hinaus bis zur Selbstaufopferung verpflichtet. Warum überlegt er, wie er es tut? Vor allem kulturell geprägt oder aufgrund von elementaren Denkstrukturen, die sich in manchen Umgebungen stärker entfalten als in anderen? Auszuschließen ist außerdem nicht, dass Uozus Verhalten einem durchaus selbstbestimmten, philosophischen Kommentar gleichkommt. Die eskalierenden Ereignisse zwingen ihn zu einer individuellen Stellungnahme, die wiederum sein kulturelles Sein spiegelt.
Zugang zu den Konflikten findet auch, wer sie aufgrund seines persönlichen Selbstverständnisses nie selbst erleben würde. Die Entscheidung für Richtig oder Falsch ist stets schwierig und spannend. Der Leser versteht die Sorge, Konventionen nicht zu genügen, und fiebert mit, wenn aufbegehrt wird. Yasushi Inoue stellt seine Protagonisten als Kinder und oft Gefangene ihrer Zeit dar, deren Gefühle über die gesellschaftliche Ordnung weit hinausreichen.
Mehrere autobiografische Erzählungen stellen die zunehmende Demenz der Mutter in den Mittelpunkt. Die Verwandten beobachten ihre Vergesslichkeit, ihre permanenten, nervenaufreibenden Wiederholungen, ihren irrationalen Eigensinn. Nie bekommen die Schilderungen einen über den Dingen stehenden Anspruch im Sinne von: ,Ich weiß, meine Mutter hat Alzheimer und nun muss ich mich mit der Krankheit und allem, was sie bedeutet, auseinandersetzen.' Die Symptome werden weniger wie Beschädigungen und mehr wie Naturphänomene beschrieben. Wie Wärme- oder Regenperioden, die zu respektieren sind.
Die Mutter lebt in einer eigenen Welt – jedoch sehr rege, gefühlsstark und mit intensiver Erinnerung an Ereignisse, die sie für sich wesentlich hält. Kinder und Enkel müssen nicht nur die krankhafte Veränderung verkraften. Es zeigt sich auch, dass ein über Jahrzehnte gepflegtes Bild von der Mutter nie ganz der Wahrheit entsprach.
Körperlich strotzt sie bis ins hohe Alter vor Vitalität und absolviert Gewaltmärsche. Angehörige wechseln sich in der Betreuung ab und verfolgen ihr Verhalten genau. Sie gehen einfühlsam auf die Mutter ein und nehmen sie ernst. Auch, indem der eigenen Verstörtheit Ausdruck verliehen wird, statt abgeklärt Symptome zu durchschauen. Der Familie verschwimmen allgemeine Begriffe – selbst der von Krankheit. Für sie ist entscheidend, dass die Mutter wichtige gemeinsame Erlebnisse vergisst oder sich wie ein Kind verhält. Inoue treibt das private Empfinden auf die Spitze, wenn Verwandte sie wie eine Zeitreisende begreifen, die frühere Altersstufen erneut erlebt. Von der Greisin zur 50-Jährigen, zur 30-Jährigen, zum Teenager, zum Kind. Er schildert durch das Spektrum der Demenz, wer die Mutter war und ist. Es wäre widersinnig, die Lebensphasen zu bewerten oder in eine Hierarchie zu pressen.
Es ist, als wollte Inoue literarisch die Unwahrhaftigkeit einer Haltung belegen, mit der sich auch ein europäischer Kollege derselben Generation befasst hat. Samuel Beckett (1906-1989) schreibt in seinem ersten veröffentlichten Roman "Murphy" (1938) über die Erlebnisse eines Aushilfspflegers in einem Nervensanatorium:

Es war also erforderlich, dass in jeder bei der Krankenpflege verbrachten Stunde zusammen mit seiner Achtung für die Patienten auch sein Abscheu vor der lehrbuchhaften Haltung ihnen gegenüber, nämlich vor dem selbstgefälligen wissenschaftlichen Conceptualismus zunähme, demzufolge der Kontakt mit der äußeren Realität der Index für das Wohlbefinden war. Sie nahmen in jeder Stunde zu. Die Natur der äußeren Realität blieb dunkel. Die Männer. Frauen und Kinder der Wissenschaft schienen ebensoviel Methoden zu haben, vor der Realität niederzuknien, wie jedes beliebige Illuminatencorps. Die Definition der äußeren Realität, oder kurz der Realität, änderte sich je nach der Sensibilität dessen, der sie zu definieren wagte. Den Kontakt mit ihr, und sei es auch nur der stumpfsinnige Kontakt der Laien, schienen alle einmütig für ein seltenes Vorrecht zu halten."
Samuel Beckett, Murphy. Übersetzt von Elmar Tophoven
rororo 1959

Niemand in Inoues Büchern ist naiv. Die Männer und Frauen reflektieren und räsonieren. Aber immer ergriffen vom Geschehen. Dieser Haltung entspricht Inoues Sprache. Manchmal wirkt sie allzu berichtend und geradezu naturalistisch. Meist ist sie feinfühlig, pointiert und deswegen poetisch, weil den Gedanken und Gefühlen der Personen ganz nah. Ein brennendes Fischerboot auf dem Meer ist nicht als Symbol für den Leser gedacht, sondern wird von einer unglücklich liebenden Frau in  Das Jagdgewehr  (1949) als Zeichen für ihre eigene Situation beobachtet und beschrieben. Diese Erzählung gilt zu recht als eines der Meisterwerke Yasushi Inoues: Ein Dichter erhält einen Brief von einem Mann, der glaubt, in einem seiner Gedichte beschrieben worden zu sein. Die wenigen Worte über einen einsam wandernden Jäger scheinen ihm das größte Drama seines Lebens widerzuspiegeln. Um es begreiflich zu machen, legt er Briefe seiner Ehefrau, seiner Geliebten und von deren Tochter bei. Aus verschiedenen Blickwinkeln berichten sie vom gemeinsamen Glück und Unglück.
Trotz der verschachtelten Erzählweise wirkt "Das Jagdgewehr" niemals artifiziell oder bemüht. Inoues Solidarität mit seinen Figuren sorgt für einen künstlerischen Höhepunkt. Die Perspektiven wechseln mit spielerischer Leichtigkeit und teilen sich trotzdem eindringlich mit. Inoue schafft es, diesen Strom und Umbruch packend zu gestalten und zum Erleben des Lesers werden zu lassen. Oft erinnert "Das Jagdgewehr" an ein virtuoses Stück Kammermusik, in dem Stimmen nebeneinander laufen, sich abspalten und zu einem größeren Thema wieder zusammenkommen. Es entsteht der Eindruck, an der Vielstimmigkeit des Daseins auf eine Weise teilzuhaben, wie es durch erklärende Sätze und distanzierte Betrachtung schwer möglich ist.