Montag, 19. August 2013

Franz Kafka sucht Goethe



Goethes Fahrspur.
"war halb achte hier auf dem Brenner,
hier soll mein Rastort seyn"
Reisen – Punkte im Gehirn verbinden. Vorstellungen, die sich über Jahre aufgebaut haben, mit Unbekanntem konfrontieren, verschmelzen. Wie war das 1786 als es noch keine elektronischen Medien gab, aber auch Printprodukte nicht massenhaft und mit einer Bilderflut wie heute über alle erdenklichen Regionen der Welt informierten? Als weite Reisen das Privileg einiger weniger waren und keine leicht erschwingliche Freizeitbeschäftigung?
Goethes Tagebücher zu seiner italienischen Reise (Grundlage für seinen Jahrzehnte später erschienenen Reisebericht "Italienische Reise") wirken überraschend modern. Was er über das Wetter, Begegnungen, Erlebnisse in Herbergen, bei Menschenansammlungen und Veranstaltungen, auf Märkten und in Kirchen berichtet, lässt leicht vergessen, dass es sich um O-Töne aus einer fernen Epoche handelt. Goethes Gedanken wirken oft zeitlos realistisch und korrespondieren mit den Überlegungen des heute Reisenden: Warum reise ich, wie sollte ich es tun, welche Ansprüche und Ziele habe ich, was geschieht mit mir…

"…ist ein kleiner Hafen oder vielmehr Anfahrt da, es heißt Torbole"

Über Tirol und den Brenner erreicht Goethe den Gardasee bei Torbole. Das Klima, das Licht, die Früchte und der weite Ausblick über das Wasser lassen sein Herz höher schlagen. Italien scheint alle Erwartungen zu erfüllen – es ist die Erfüllung.

Anfahrt auf Malcesine

Die Weiterfahrt über den See nach Bardolino muss wegen schlechten Witterungsverhältnissen unterbrochen werden. Goethe übernachtet in Malcesine, wo sich seine berühmte Beinahe-Verhaftung abspielt.

Goethes Unterkunft in Malcesine
Der beobachtende Landeserforscher aus Deutschland wird ungewollt in politische Konflikte hineingerissen. Sie werden für ihn zum persönlichen Problem nicht in Person des berühmten Dichters (er reiste incognito), sondern weil er zu einer bestimmten Stunde am 13. 9. 1786 ein Verhalten an den Tag legt, das seit 240 Jahren diskutiert und weitererzählt wird. Es lässt sich beobachten, wie ein kurzer, zufälliger Vorfall etwas Legendäres bekommt.
Was geschah, erwähnt Goethe anfangs äußerst knapp. Nur aus drei Sätzen besteht die Notiz im Tagebuch und schließt mit den Worten: "Das Detail davon mündlich."
Tatsächlich werden die genaueren Umstände später ausführlich im 1816 erschienenen Werk "Italienische Reise" sowie von den späteren Zuhörern seiner Geschichte ausgemalt. Es gibt verschiedene Versionen und Ausschmückungen, doch das Wesentliche steht fest. (Einen interessanten Recherchebericht verfasste vor über 100 Jahren Elisabeth Mentzel, die auch Goethes Wirt zu identifizieren versuchte und die Frage stellt. ob der Dichter wirklich incognito vor Ort gewesen sein kann. Nachzulesen hier: http://www.comunemalcesine.it/doc/Mentzel.pdf)


Burg von Malcesine


Grenzstein
Goethe setzt sich in Malcesine vor eine Mauer und zeichnet das pittoreske Kastell. Jemand bezichtigt ihn daraufhin, für das Kaiserreich Österreich zu spionieren, dessen Landesgrenzen zu jener Zeit nur wenige Kilometer entfernt verliefen. Während sich Schaulustige versammeln, reißt der Mann Goethes Zeichnung entzwei.  
Goethe brüstet sich im Tagebuch, mit verbalen Mitteln, charmant und humorvoll, die Gemüter beruhigt zu haben."Sie thaten einen Anfall auf mich, ich habe aber den Threufreund köstlich gespielt, sie haranguirt und bezaubert."

Goethes zerrissene Zeichnung
So einfach erledigte sich die Affäre jedoch nicht: Amtspersonen wurden hinzugezogen und Goethe beschreibt die Auseinandersetzung in seiner späteren Version als gefährliches Abenteuer, das in den Kerkern von Verona hätte enden können.
Als er darauf pocht, aus dem republikanischen Frankfurt zu stammen, wird ein Deutsch sprechender Bewohner namens Gregorio hinzugezogen. Dieser freut sich, mit dem Fremden Erinnerungen an die Stadt austauschen zu können und beschwört die anderen, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen edlen Schöngeist handele. Schließlich wird Goethe aus der Vernehmung entlassen.
Im Kastell befindet sich heute ein Goethe-Museum und an der Häuserwand, vor der Goethe das Bauwerk zeichnete, eine Gedenktafel.

Gedenktafel in Malcesine

Am 28. 9. 1913 gab es sie noch nicht. Es war der Tag, an dem Franz Kafka den Ort des Geschehens in Augenschein nehmen wollte. Er wohnte in Riva und versuchte, in Malcesine Goethes Aufzeichnungen mit der Realität in Einklang zu bringen. Ein kleines Steintreppchen hatte zu seiner Enttäuschung mehr Stufen als von Goethe beschrieben: "So konnten wir uns darin nicht einig werden, ebensowenig wie im Italienischen." (Interessante Details und Hintergründe sind u.a. nachzulesen im Buch "Meeresbrausen, Sonnenglanz" von Dirk Heißerer).
Während Kafka also nie erfuhr, ob er Goethe in Malcesine ganz nah war, haben es spätere Touristengenerationen leicht: Die Gedenktafel orientiert sich an dem Blickwinkel auf die Burg, den Goethe beim Zeichnen eingenommen haben muss.
Treppe?
Am wenigsten geahnt hätte Kafka wohl, wie leicht man am Gardasee heute auch auf seine eigenen Lebensspuren stößt. In Riva, wo er zur Kur beim damals berühmten Naturheilkundler Christoph Hartung weilte, ist eine Straße nach ihm benannt.



Hartung behandelte in Riva unter anderem auch Thomas und Heinrich Mann. Das erste seiner dort gegründeten Sanatoriumshäuser sieht heute so aus: