Dienstag, 23. Juli 2013

Mode für die Zukunft: A+ goes


A + Show Nr. 4/ 13. 7. 2013/Börsensaal Hamburg
Wer sich für Architektur genau wie für Kleidermode interessiert, bekommt beim Spaziergang durch moderne Innenstädte leicht den Eindruck: Anything goes. Sanierte Altbauten stehen neben Stahl-und Glas-Tempeln, graue Tristesse wechselt in wenigen Schritten mit eindrucksvoll ornamentierten Fassaden. Noch krasser als der Kontrast zwischen Altem und Neuem wirkt trotz aller städtebaulichen Planungen der Vergleich von Neubauten. Mögen sie auch aus ähnlichen Materialien entstanden sein – die äußere Exzentrik lässt doch oft zusammenzucken und scheint in erster Linie der Selbstdarstellung von Architekt, Firma oder Institution zu dienen.
Andere Gebäude wecken den Verdacht, bloß eine architektonische Mode
mitzumachen. Längst Bekanntes wird benutzt, ohne Formideen weiterzuentwickeln, sondern eher, um Konventionen aus Bequemlichkeit weiterzutragen.

"Anything goes" – das berühmte, einst auf die Methoden der Wissenschaft gemünzte Credo des Philosophen Paul Feyerabend kommt auch beim Anblick öffentlich vorgeführter Bein- und Armkleider in den Sinn. Im Theater, Restaurant, bei Hochzeiten oder in Bildungseinrichtungen ist ein bunter Mix aus aktuellen Trends, Etikette, individuellem Wildwuchs, gezielter Provokation und Zweckmäßigkeit zu beobachten. Der französische Romancier Marcel Proust wusste zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass er Menschen in Smokings und rauschenden Kleidern begegnen würde, wenn er spät in der Nacht Gesellschaft suchte. Während er eine große Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und teils bizarrer psychologischer Feinheiten beschreibt, bleibt die Kleidung in seinem Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein gemeinsames, domestizierendes Band zwischen extremen Charakteren.
Auf Kleiderordnung war einst zumindest innerhalb einer Sozialregion Verlass. "Die grünen Hüte geben zwischen den Bergen ein fröhlich Ansehen", schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1786, aus Karlsbad über die Alpen kommend, in sein Tagebuch. "Sie tragen sie geziert mit Bändern oder weiten Schärpen von Tafft mit Franzen die mit Nadeln gar zierlich aufgehefftet werden, auch hat jeder eine Blume oder eine Feder auf dem Hute. Dagegen tragen die Weiber weise, baumwollene, zotige, sehr weite Mützen, wie unförmliche Manns Nachtmützen, das ihnen ein ganz fremdes Ansehn giebt. Ihre übrige Tracht ist bekannt."                                                



Anything goes? Heute fällt kaum auf, wenn ein Ledermantel neben einem Bikini spaziert oder Jeansträger mit Leuten in Samt und Seide am selben Ereignis teilhaben.
Goethes Worte wecken den Verdacht, die Mode sei einst zwar innerhalb einer umrissenen Sozialregion besonders einheitlich gewesen, aber auch sehr originell. Sie besaß eine Identität, die in der heutigen Zeit globaler Modetrends folkloristisch erscheint.
Der heutige Zeitgeist lebt zwischen einem Ideal des Individualismus, der Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit betrachtet – nicht auszudenken, wie bunt Prousts Romanpersonal dann wäre – und den international gleichgeschalteten Auslagen der Fußgängerzonen. Die Designerin Julia Platzer zitiert im A+ Programmheft Elena Esposito: "Das Individuum macht also, was die anderen tun, um anders zu sein."

In Rovereto beobachtet Goethe: "Es hat kein Mensch Stiefel an, kein Tuch Rock zu sehen. Ich komme recht wie ein nordischer Bär vom Gebirge. Ich will mir aber den Spas machen mich nach und nach in die Landstracht zu kleiden."

Reisende erlebten immer schon: Die gewohnten Muster sind eine konstruierte Wirklichkeit. Wer es wagt, sich aus ihnen hinauszubewegen, erfährt die Komplexität der Welt als unendlichen kreativen Prozess. Der funktioniert aber nicht willkürlich.
"Anything goes" gilt nur insofern, als keine modischen Formen prinzipiell vorgegeben sind. Das Ergebnis von Modeschöpfung mag sehr phantasievoll und "wie aus der Luft gegriffen" sein. Ob Kleidung vom Publikum angenommen wird, begeistert, sich durchsetzt, hängt von komplizierten, dem Designer mehr oder weniger bewussten Gesetzmäßigkeiten ab.




 



Die Gepflogenheiten des mainstream, der Prägung durch Werbung und "Marken" ersetzen zum Teil die Dogmen des Traditionellen. Aber auch ohne jede Stilkonvention, bei aller Freiheit der Gestaltung, wird die Lage der Kreativen nicht einfacher.
Nur wer etwas zu sagen hat, sich abhebt, den Betrachter auf schöne, virtuose oder geistreiche Weise betört, kann etwas gewinnen. Fast alles ist erlaubt, falls es inspiriert, denn fast alles ist schon vorhanden. Es ist enorm schwierig, die Schatten der Vergangenheit zu respektieren, zu verarbeiten und zugleich etwas Neues zu produzieren. Zumindest etwas, was im Kleinen neu und originell ist. Schon das wäre sehr viel.


Die Modestudenten der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften stellen alle Jahre wieder auf einer öffentlichen Schau vor, wie sie Bekleidung interpretieren und kreieren. 60 Models tragen Kurs- und Abschlussarbeiten des Modecampus Armgartstraße in den historischen Börsensälen über den Laufsteg.
A+ nennt sich das Schaulaufen, bei dem 150 Modenovizen 250 ihrer selbst entworfenen Röcke und Hosen, Kleider, Schleier, Umhänge. Mäntel und Jacken vorführen lassen. Hier gibt es die Möglichkeit, taufrische, von Sachzwängen kommerzieller Verwerter noch wenig belastete Ideen des Nachwuchses zu studieren.
Was es da wohl zu sehen gibt? Anstöße zu Stilrevolutionen? Rückwärtsgewandheit, Eklektizismus, Angepasstes? Gesellschaftlich reflektierte oder reine Textilkunst oder einfach hübsche Anregungen für den Kleiderschrank? Auf jeden Fall erlaubt A+ einen kleinen Blick in die Zukunft. Was heute an durchschnittlichen oder grandiosen Kreationen zu sehen ist, wird sich fortsetzen. Indem es verschwindet, verharrt, sich entwickelt, entpuppt oder verbreitet. Auf die eine oder andere Weise wird es die Mode der Zukunft mitbestimmen. 






Der reflektierende und aufklärerische Anspruch einer akademischen Einrichtung schlägt sich in den Konzepten studentischer Kollektionen wieder. So geht es unter anderem um Klamotten, die sich der Trägerin anpassen sollen – statt sie in zeitgenössische Schönheitskonventionen zu zwängen. Um Mode, die für Behinderte nützlich ist, die ethnische Traditionen, Mythen und Historien reflektiert, Formen der Verschleierung inszeniert oder Männer in Kleidung steckt, die der Zeitgeist mit Weiblichkeit assoziiert. Warum nicht Brücken zwischen großen kreativen Kulturen bauen und Farben und Formen Afrikas und Asiens als "Afrasia"-Mode fusionieren? Der Blick geht in die große weite Welt oder ins Elementare: Eine Designerin hat beim Entwerfen daran gedacht, wie sich Zeit fassen und abbilden lässt, versteht ihre Kollektion als Ausdruck von Entschleunigung und Konsumwandel. Das Spektrum von A+ im Jahr 2013 zeigt, dass Mode viel mehr als eine Frage unterschiedlicher Geschmäcker ist. Philosophisch beeinflusste Entwürfe stehen formalen Experimenten und eher poetisch Angehauchtem gegenüber. Zu spüren ist: Verschiedene Mode spricht verschiedene Zonen von Geist und Körper an. Sie ist ein völlig anderer Gegenstand – für den man unterschiedliche Begriffe finden müsste – , je nachdem sie in reflektierende, sinnliche oder imaginierende Systeme unseres Gehirns eingespeist wird.

Mal zeichnen sich übergreifenden Konzepte der A+ Show deutlich ab, mal verfängt sich der Blick in Farben und Formen. 33 schnell aufeinander folgende Kollektionen verlangen Aufmerksamkeit. Der analysierende und nach Zusammenhängen suchende Verstand wetteifert mit Sinnen und Gefühl. Die größte Spannung entsteht, wenn der Betrachter zum "Opfer" des Dargebotenen wird und die kritisch-beobachtende Distanz aufgeben muss, weil er mitgerissen und verzaubert ist. Doch wie haltbar sind diese Eindrücke? Vielleicht werden auf den ersten Blick unscheinbare Kleider bei näherem und längerem Hinsehen die stärkste Wirkung entfalten. Vielleicht verpufft die sinnliche Macht anderer Kreationen.
Wer in einigen Jahren  in Schaufenster oder Kleiderschränke schaut, kann dort Antworten finden.
Zum Glück gibt es außerdem Fotos, bei deren Betrachtung Designs zum Schwärmen und Sinnieren über Form, Farbe, Komposition und Schönheit anregen.










































































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