Dienstag, 7. Mai 2013

Architektur im Klimawandel



Sie ist kühn, beherrschend, funktional und trotzdem allzu oft nichtssagend. Wie gelingt der modernen Architektur eine solche – eigentlich unmögliche – Kombination? In den Städten will der Blick rasch vorübergleiten an zahlreichen Glas-Stahl-Betongebilden und nichts wissen von ihren angeblichen dynamischen und perspektivischen Reizen. Es mag unter anderem daran liegen, dass moderne Gebäude weniger um ihrer selbst willen als für reflektierende Ansprüche geplant werden. Sie sollen sich in den vorgefundenen Zusammenhang einfügen, gute Nachbarn der Historie und Stadtlandschaft sein und allen möglichen humanen, sozialen und zeitgeistigen Idealen Genüge tun. Heute werden nicht wie zu Zeiten Haussmanns Pariser Altstadtviertel abgerissen oder die Wiener Burgmauern geschleift, um Boulevards und Ringstraßen wie aus dem Nichts zu schaffen.
   

Vor lauter Bezüglichkeiten und nur gedachter Sinnlichkeit sprechen viele neuzeitliche Gebäude recht schwach für sich selbst. Oft ist es nötig, die Perspektiven der Baumeister einzunehmen und Formen wie von ihnen erwünscht in Beziehung zu setzen, um zu begreifen, warum ein Haus so und nicht anders errichtet wurde. Wer schlendernd vorüberzieht, beim Warten am Ampelübergang hinaufschaut oder auf das Betonwerk zutritt, hat eher den Eindruck, es herrschten Willkür und Übersinnlichkeit.  




Konstruierte, ausgerechnete Identitäten stehen sonderbar in der Landschaft. Sie strahlen keine Atmosphäre aus, vermitteln kein Lebensgefühl. Auf dem Reißbrett geplante und von großen Investoren finanzierte Neubauregionen wie die Hamburger Hafencity tragen dem Problem auf bizarre Weise Rechnung. Damit die Häuserreihen nicht allzu kalkuliert und leblos erscheinen, variiert man Texturen und Farben der Fassaden, baut Varianzen ein (neuartige Ornamente!), um eine organische Entwicklung und gewachsene Stadtlandschaft zu simulieren.



Mit schwacher Identität einher geht die Vorliebe für Funktionalität und kühne Schwünge. Mathematisch anmutende Strukturen, wie mit Zirkel und Lineal gezogene Formen aus Glas und Stahl, wirken auf den ersten Blick souverän, weil sie auf alles Überflüssige zu verzichten scheinen. So wie in Schreibkursen gelernt wird, Füllwörter zu vermeiden und klare Aussagen zu treffen, soll der Fassade nichts hinzugefügt werden, was sie nicht unbedingt benötigt – keine Ausschmückung. Doch tatsächlich kommt die Post-Post-Post-Moderne vielerorts pathetischer daher als Zuckerbäcker-und Zwiebelturmarchitektur vergangener Zeiten.

Das Ideal des rechten Winkels neigt ebenso zur Erschöpfung wie Barock oder Jugendstil.
Als architektonische Massenware, der Spaziergänger in modernen Metropolen auf Schritt und Tritt begegnen, ist es zum Selbstzweck geworden, zur Attitüde. Ebenso gut könnte man nun wieder zu klassizistischen Fassaden zurückkehren – wie sich viele wünschen.



Die Schönheit des Bauhauses resultierte in seiner – durch die Abkehr vom Ornamentalen vermittelten – klaren Aussage. Auch der Kubismus und alle abstrakte Malerei gingen aus einem historischen, nicht abgeschlossenen Schöpfungsprozess hervor. Viele moderne Gebäude bedeuten einen Rückschritt gegenüber den Ideen des frühen 20. Jahrhunderts und bringen eine neue, leere Ornamentik zum Ausdruck. In einem unendlichen Leerlauf werden abstrakte, effektvolle Formen und allzu oft kühler Kitsch produziert. Poussierliche folkloristische Artefakte und Kaufhaus-Tapeten werden den irgendwie modern aussehenden Fassaden aufgepappt, um den hässlichen mainstream wohnlicher aussehen zu lassen.





Einen interessanten Ausweg zeigen Gebäude, die nicht bloß funktional aussehen wollen, sondern tatsächlich durch ihre Funktion geprägt sind. Hier geht es nicht darum, einen Metall-Glas-Bauklotz raffiniert zu schichten, langzuziehen oder zu verdrehen. Sondern um Häuser, die von vornherein mehr sind als ein bewohnbarer Kasten. Es sind Apparate, die ausgeklügelt mit ihrer Umwelt interagieren. Funktionssysteme, die Energie in Form von Licht, Wind, Wärme oder Biomasse aus ihrer Umgebung abziehen, verwerten und einem erneuten Kreislauf zuführen. Ihre Technik und teilweise organischen Baumaterialien stellen konkrete Gestaltungsaufgaben dar.




Komplizierte Strukturen müssen in die Fassaden integriert werden: Solaranlagen, lichtregulierende und energieleitende Textilien, natürlich alterndes Holz, Mikroalgen. Das Haus muss funktionieren und soll gut aussehen. Das eine nicht ohne das andere. Öko-Häuser wirken geradezu wie eine Neuentdeckung funktionaler Ästhetik und "neuer Sachlichkeit". Nur ist ihr Konzept radikaler. Denn hier will sich nicht die Ästhetik am Zweckdienlichen inspirieren. Eher stehen technische Dinge im Vordergrund und suchen nach einem passenden Kleid. So wenn ein Gebäude wie ein hölzernes Quadrat mit unregelmäßigen Balkonnischen aussieht. Diese äußere Form zeugt von der inneren Baustruktur, die Wohnungen mit individuell gewünschten Grundrissen ermöglicht. Das Erscheinungsbild mag nicht genial oder aufregend sein, ist aber zwingender als heute verbreiteter Betonkitsch und hat zumindest etwas zu sagen.