Montag, 25. März 2013

G.M.B. Akash: Menschen des 21. Jahrhunderts




Fotojournalismus bedeutet zu einem großen Teil, Gewalt und Elend zu zeigen. Hungernde und verletzte Menschen, Überschwemmungen, Brandkatastrophen, Gemetzel und Verwüstungen aller Art erschrecken den Betrachter. Viele Bilder stellen dar, was Bewohner mitteleuropäischer Metropolen nie mit eigenen Augen sehen werden. Was sie nicht glauben würden, wenn ein Fotograf nicht vor Ort den Beweis abgelichtet hätte. Manche dieser Fotos bringen Armutselend, "humanitäre Katastrophen" oder kriegerische Aggressionen derart auf den Punkt, dass die Fotografen wichtige internationale Preise dafür gewinnen. Es sind die berühmten Fotos, die mehr als tausend Worte sagen und mit einem Blick in das Schicksal fremder Menschen und Konflikte hineinziehen.
G.M.B. Akash hat viele solcher Fotos veröffentlicht und alle erdenklichen Preise gewonnen. Beim Betrachten seiner Bilder fällt jedoch auf, dass sie sich von der üblichen Pressefotografie unterscheiden.
Die Eindringlichkeit eines Pressebildes basiert oft gerade darauf, dass es sich voll auf ein Geschehen, eine Emotion fokussiert. Die Aufmerksamkeit wird für einen Moment gebannt und der Rest der Welt buchstäblich ausgeblendet. Das Foto inszeniert und übersetzt ein Ereignis und überträgt es schlagartig in das Gemüt des Betrachters. Seltsam an den Arbeiten des 1977 in Bangladesh geborenen Akash: Ihre Dramaturgie ist oft weniger spektakulär als bei vielen Kollegen. Auf den ersten Blick scheint es sich um besonders dokumentarische Fotos zu handeln. Doch trotz ihrer ungekünstelten Form – Akash lässt seine Bilder bis auf Anpassungen von Kontrast und Belichtung unbearbeitet – wirken sie enorm effektvoll.
Die meisten seiner Fotos zeigen arme Randgruppen in Bangladesh, Indien, Nepal, Sri Lanka, den Philippinen, Pakistan und Bhutan. Betrachter aus Wohlstandsgesellschaften erleben eine Welt, die Errungenschaften der modernen Zivilisation radikal missachtet. Die Menschen auf Akashs Fotos existieren zeitgleich mit uns, doch Ansichten aus einem anderen Jahrhundert könnten kaum irritierender sein.


Wir sehen Kinder bei schwerer Arbeit in Fabriken oder auf rauchigen Mülldeponien, den Alltag im Bordell und Rikschafahrer, die nachts unter ihren Gefährten auf der Straße schlafen. Die Menschen kämpfen mit Haut und Haar um ihren Lebensunterhalt, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und nicht selten gezeichnet von schweren Verletzungen. Für die Fahrt zur Arbeitsstelle fehlt oft das Geld – todesmutig klammern sich Kinder, Frauen und Männer an die stählerne Außenhaut von Schnellzügen, um ihr Ziel zu erreichen. Erfrischung unter sengender Sonne findet sich für manche einzig an dürftigen Wasserstellen. Daneben gibt es Momente der Muße und kleinen Freuden. Lächelnde, gefasste, offenherzige Gesichter.
Zu mehr als Journalismus werden diese Fotos, weil sie nicht auf klar definierte Botschaften reduziert sind. Mimik und Kleidung der Dargestellten, ihre Behausungen und Arbeitsumgebung dokumentieren mehr als einen Ist-Zustand und lösen weitergehende Assoziationen aus.

Kümmert sich ein Fotograf stärker um seinen Stoff als um den Effekt eines Fotos, erzielt er häufig die größte Wirkung. Eine Bildidee gibt es immer. Hebt sie sich jedoch ab von auf Reaktion getrimmten Konstruktionen, reagiert das Auge im ersten Moment vielleicht weniger aufgeregt, taucht aber tiefer ins Dargestellte ein. Natürlich bedient sich Akash spezieller Stilmittel, über die einiges zu sagen wäre. Und ob sie in einer ganz anderen Welt ähnliche Wirkkraft besitzen, ist zumindest nach Durchsicht von Akashs Hamburg-Fotos nicht sicher. Auf den Fotografien aus Asien jedenfalls erschöpfen sich auch triste Szenen nicht im Ausdruck von Leid.
Auch von abgearbeiteten, von Sorgen erfüllten Portraitierten geht ein Zauber aus – der einer unvergleichlichen Person. Sie sind Opfer, aber kein Faktor einer Gleichung. Leidtragende einer Situation, aber nicht deren Produkt. "And although the circumstances of many of the people I portray may be grim," schreibt Akash in seinem Buch Survivors, "as individuals they are oftentimes people of remarkable charakter. And it is the beauty of such people and the human soul that remains when nearly all else is gone. This beauty I strive to capture in the photographs I take."

Die Bilder sind Reportagen und zugleich Kunstwerke. Ihre Ästhetik, der sinnliche Reiz der Darstellung, lässt sich nicht trennen von einer aufklärenden Funktion. Obwohl sie Menschen in Lumpen und Schmutz zeigen, sind sie schön und erinnern in ihrer Opulenz mitunter an mittelalterliche Gemälde. Das Auge des Betrachters erkennt das Unheil, ist betroffen und gleitet zugleich ästhetisch angesprochen über farbenprächtige Szenerien. Dies macht den Anblick von Elend erträglich. Er rüttelt auf, weckt Mitgefühl, aber in einer Form, die verarbeitet werden kann und nicht den Instinkt auslöst, sich am liebsten abwenden zu wollen. Stärker noch wiegt, dass Akash mit der Kamera ähnlich positive Gefühle zu wecken versteht, wie sie sich entwickeln können, wenn sich Menschen persönlich kennenlernen. Der Betrachter freundet sich mit den Dargestellten an, kommuniziert mit ihnen und findet sie buchstäblich liebenswürdig.

Oft entsteht das erste Foto erst nach einjähriger Vorarbeit. Akash nimmt am Leben seiner Protagonisten teil und lernt sie kennen. Dann wartete er mit der Kamera in der Hand ruhig ab, ohne nach sensationellen Perspektiven zu suchen. Die Leute reagieren auf das Objektiv entspannter und natürlicher, als es ohne die lange Vorbereitung möglich wäre. Im besten Fall geht das Foto aus der Situation hervor, wird geradezu von ihr gemacht.
Es erfordert Geduld und Netzwerke, um einerseits das Vertrauen von Arbeitern, Slumbewohnern oder Prostituierten zu gewinnen, andererseits in Textilfabriken vorzudringen, wo wie zu Zeiten des Frühkapitalismus geschuftet wird. Manche Unternehmer akzeptieren, dass die Verhältnisse in ihren Hallen dokumentiert werden, weil sie sich selber als Opfer der Umstände ansehen und auf gesellschaftliche Veränderungen hoffen. Es gibt nicht selten offizielle Werkshallen, in denen Arbeitsschutzgesetze eingehalten werden, und solche, die niemals ein Kontrolleur zu Gesicht bekommt. Akash warnt Europäer vor dem Gedanken, durch Kaufboykott die Verhältnisse ändern zu können. Dieser würde viele Familien in noch größeres Elend stürzen. Nur ein Bewusstseinswandel vor Ort, der politische und gesellschaftliche Reformen in Gang setze, könne helfen. Wie schwer dieser fällt, musste Akash am eigenen Leib erfahren, als er 2007 in Bangladesh wegen des Fotos eines angeketteten Kindes in einer Islamschule mit dem Tod bedroht wurde. Die Stiftung für politisch Verfolgte ermögliche ihm und seiner Familie damals einen einjährigen Stipendiumsaufenthalt in Hamburg.
Akash selbst spricht selten über Kunst, aber viel davon, das Schicksal der Menschen, die er seit Jahren fotografiert, öffentlich zu machen und ihnen zu helfen.


Akash (Mitte, mit Übersetzungsgerät) mit Wolfgang Krach (links,
Chefredaktion Süddeutsche Zeitung) und Jens Schröder
 von GEO. Gespräch in der Körber-Stiftung im Februar 2013

"As I said in the conference", schreibt er mir,  "I bargained with myself to keep the arts as passion for all those years, now the time has appeared that I pursue it with vehement passion, by involving myself for betterment of these people whom I photograph- personally. There I have view not exploiting the people I photograph, but, to convey and outreach their mute voices that have beeb oppressed by pathological systems and plagued by poverty."

Der 36-Jährige bezahlt nie Geld dafür, jemanden fotografieren zu dürfen. Mit den Erlösen seiner Werke unterstützt er jedoch Familien dabei, dem Dasein in Bordellen und Fabriken zu entkommen und sich eine selbstständige Existenz aufzubauen. Menschen, deren Bildnisse ihm Geld und Preise einbrachten, besucht er oft Jahre später erneut und überreicht ihnen jeweils 200 Dollar. In Bangladesh eine stolze Summe, die ein besseres Leben als Gemüse- oder Popkornhändler ermöglicht. Aus dem Erlös von Akashs neuestem Buch "Survivors" kommen 25 Prozent Hilfsbedürftigen zugute.
Einst lichtete Akash eine Frau an einem Seeufer ab. Sie suchte nach Überresten ihres Hauses, das von einem Zyklon zerstört wurde. Der Fotograf wusste nicht, wer sie war und hatte Jahre später auch keine Ahnung mehr, wo genau das Bild entstand. Also fuhr er sämtliche Gewässer in der Region ab und fahndete nach einem markanten Baum im Vordergrund. Als dieser gefunden war, konnten Ansässige Hinweise geben. Die Frau auf dem Foto sei längst woanders hingezogen, hieß es… Akash suchte weiter und konnte ihr schließlich eine Art Honorar überreichen, mit dem sie nie gerechnet hätte. Diese Wiedersehen nach vielen Jahren sind sehr aufschlussreich. Außerdem wahrt die Trennung von Arbeit und finanzieller Zuwendung die journalistische Distance.

Infos unter  http://www.gmb-akash.com


Donnerstag, 21. März 2013

Genuss



Man ließ im schwankenden Schiffe die Erde hinter sich liegen, wie eine köstliche Speise, wenn der heilige Wein gereicht wird.

Hölderlin, Hyperion



Man stelle sich in der Tat ein köstliches Essen vor, den Genuss, dann aber den Griff zum Wein. Ein Schluck, der durch die Aromen der Gabel beleuchtet und in Form gebracht wird. Aber hoch hinauf über das bodenständige Mahl führt der geistreiche Wein, wie eine Illumination, die den Genießer über den Dingen schweben lässt. Oder wie das Gefühl, in einem schwankenden Schiff die Erde hinter sich liegen zu lassen.










Dem Einfluss des Meeres und der Luft widerstrebt der finstere Sinn umsonst. Ich gab mich hin, fragte nichts nach mir und andern, suchte nichts, sann auf nichts, ließ im Boote mich halb im Schlummer wiegen, und bildete mir ein, ich liege in Charons Nachen. O, es ist süß, so aus der Schale der Vergangenheit zu trinken.

Könnte es nicht auch von Henry Miller stammen? Auf jeden Fall hält sich der Erzähler in Griechenland auf.












Montag, 18. März 2013

Weisheit II




"Genug! genug! wär ich mit Themistokles aufgewachsen, hätt ich unter den Scipionen gelebt, meine Seele hätte sich wahrlich nie von dieser Seite kennen gelernt."
Hölderlin, Hyperion











Mittwoch, 6. März 2013

Guter Rat für Versailles-Besucher






Der Park eines Schlosses ist Relikt eines vergangenen Herrschaftssystems und einer kunsthistorischen Epoche. Es gibt genug Gründe, ihn mit wissenschaftlicher Distance zu betrachten. Aber warum? Es müssen keine Geschichtsbücher und Kunstguides gezückt werden, um Gärten, Springbrunnen und Skulpturen zu verstehen. Gestalterische Phantasien sind immer Kinder ihrer Zeit, aber wenn sie gut sind, zeitlos erfahr- und spürbar. Unmittelbares berückt ob als Höhlenmalereien, Pyramiden oder Turner-Gemälde. Oder als Schlosspark von Buc.




Der Schlosspark von Versailles hingegen kann seinen relativen   Charakter nicht verbergen. Er stellt sich dar, wie durch die Brille der Nachkömmlinge gesehen. Die Bedeutung ist wichtiger als die Existenz und somit nah der Leere. Riesenhafte Fußgängerpisten führen an Monumenten und Beeten vorbei, die an sich bewundernswert sind. Hier wirken sie aber wie auf einer Messefläche abgeladen. Man könnte auch auf Rolltreppen vorbeifahren. 



Tatsächlich sitzen nicht wenige Besucher in selbst zu steuernden Elektrofahrzeugen, die ihre nähere Umgebung mit Erläuterungen vom Band und lauten Musikintermezzi beschallen






Die großen Plätze und Wege fallen umso unangenehmer auf, je provisorischer der Zustand mancher Gartenkunstwerke erscheint. Manche wirken wie Konstruktionen ihrer selbst. Ihnen fehlt der innere Zauber. Als glaubte man, ihre Oberfläche – so wie der Landschaftsarchitekt sie einst auf dem Papier entworfen haben mag – genüge, um sie zu erhalten. Doch sie sind weniger real als ein Foto, funken eine Existenz und Wahrheit aus der Vergangenheit. Eine ferne Idee, die nicht zum Leben erweckt, sondern nachkonstruiert wurde.






                                                  
War sie je leidenschaftlich da? Katharina Teutsch berichtete in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Februar 2013 von einer Tagung des Deutschen Historischen Instituts in Paris und geht insbesondere einer Fragestellung des  Centre Recherche du Château de Versailles nach: Wir wirkte das Schloss auf die frühesten Touristen, Besucher des 17. und 18. Jahrhunderts? Adlige Damen wie Sophie von Hannover und Sophie von La Roche kritisieren den Pomp und analysieren aufgeblasene Gepflogenheiten bei Hofe. Bereits im 18.Jahrhundert wird bemängelt, dass vieles hier auf Außenwirkung bedachte Fassade sei.




Die Monumentalität des Parks hat seine Vorzüge. Je mehr man sich vom Schloss entfernt, desto ruhiger und menschenleerer die Szenerie. Und weiter und grüner. Dies ist kein Park, sondern eine Landschaft.
















Die Erschaffer spielen gekonnt mit dem Raum, der ihnen zur Verfügung stand. Wo andere Baumeister Kathedralen errichteten, gestalteten sie Wege und Treppen mit ähnlich überwältigenden Effekten wie sie Säulen, Kuppeln und zum Himmel ragende Türme haben können.




















Es ist also richtig, Versailles zu besuchen. Es beschert Eindrücke, die später immer wieder in der Erinnerung auftauchen und deren Auslöser erneut in Augenschein genommen werden wollen. Die Gigantonomie hat aber noch eine zweite Seite, und das sind die Besucher. Wer sich lediglich eine Eintrittskarte für die "öffentlichen" Gemächer der Königsfamilien kauft, muss mit einem Andrang wie bei einem Fußballspiel oder Pop-Konzert rechnen.






Unfassbar dicht schiebt sich die Masse durch Schlafzimmer, Salons und Spiegelsaal. Fast jeder Quadratmeter wird abfotografiert.
Eine Vielzahl der Besucher scheint das Schloss nur durch den Sucher seines Fotoapparates, beziehungsweise in der Vorstellung späterer Erinnerungsfotos zu erleben. Was hierbei verwundert: Nur einen Euro mehr kostet es, bei einer geführten Tour in die einst privaten Herrschergemächer zu gelangen. Die werden aber von den wenigsten betreten.






Begleitet von den kundigen Worten einer Fachfrau, stößt eine  kleine Gruppe in menschenleere, höchstens von Sicherheitspersonal bevölkerte Räume vor.  Sie sieht unter anderem das Bett, in dem der Sonnenkönig wirklich seine Liebesnächte verbrachte, statt sich bloß morgens ankleiden zu lassen wie im Himmelbett des "öffentlichen Saals" gegenüber, der von Besuchermassen gequetscht wird.








Anders als in den großen Durchgangssälen werden hier zahlreiche originale Einrichtungsgegenstände präsentiert, die zum Teil einst auf abenteuerlichen Wegen das Schloss verließen und wieder zu ihm zurückkehrten. Die Eintrittskarte für den Visites guidées berechtigt übrigens dazu, im Anschluss auch alle übrigen Säle zu besichtigen. Dann wieder als bedrängter Massenbesucher.