Freitag, 25. Januar 2013

Versailles mit und ohne Pierre Auradon

Alle hier gezeigten Versailles-Fotos stammen nicht aus Auradons Buch, sondern entstanden 2012
mit Genehmigung des Château de Versailles                 




Der Fotograf Pierre Auradon veröffentlichte 1948 einen schmalen Bildband über das Königschloss vor den Toren von Paris. Die 65 Aufnahmen zeigen fast ausschließlich den Park und Außenansichten der Gebäude. Der zwischen 1900 und 1988 lebende Künstler wählte kühne Perspektiven und lichtete die Monumentalbauten in wohldosierten Ausschnitten ab. Die Seen, Baumalleen und Statuen scheinen bei Auradon einer bizarren Märchenwelt entsprungen zu sein. Aber so einfach ist es nicht.




Der Genuss seines Buches ist dem eines Weines in gewisser Hinsicht vergleichbar.
Beim Durchblättern der großformatigen schwarz-weiß-Aufnahmen springt der Blick über ambitionierte Architekturphotographie. Imposantes Mauerwerk, romantische Gärten, weite Alleen…
Ein Fotobuch über historische Sehenswürdigkeiten kann viele Funktionen haben und da der Fotograf bereits vorhandene Kunstwerke abbildet, wird die dokumentarische unterstrichen. Dies kann beim Betrachten für Irritationen sorgen. Die gezeigten Bauten können die photographische Inszenierung erdrücken. Sie erscheinen dann als lebloser, mächtiger Stein, von dem der Blick abgleitet.
Zu sehen ist ein raffiniertes Protzgloria in allerlei Perspektiven, ein visuelles Spiel. Sich darauf einzulassen, ist nicht zwingend.
So kann es sein.




Oder andersherum, falls es dem Auge gelingt, die Architektur gewissermaßen zu dekonstruieren. Die abgebildeten Mauern, Brunnen und Rasenflächen verlieren dann ihre starren Umrisse. Der Stein und seine Bedeutungsoberfläche zerfließen. Die Bilder fangen an, sich zu bewegen. Hier rückt eine Palastecke keck in den Vordergrund, dort treten Treppenstufen aus dem Schatten heraus, woanders wollen Fontänen die Baumwipfel übertrumpfen. Oder der See lockt wie eine Blume, indem er betörend seine Umgebung spiegelt. Dank Auradons Kamera erwachen die Statuen zu erstaunlichem Leben, räkeln sich aus ihren steinernen Fundamenten heraus, tragen den Schmutz von Wind und Wetter auf ihren nackten Oberkörpern – nicht wie statische Steingebilde, sondern als wackere Abenteurer.  Sie treiben ihre Spielchen, rufen sich zu und stolzieren über den Beeten wie vor langer Zeit hier gestrandete Außerirdische.



Seite für Seite durch Auradons "Versailles" blätternd, kann die Illusion entstehen, leibhaftig im Park unterwegs zu sein. Seine Kamera erspart körperliche Mühen, das Gedrängel der Menschenmassen und auch Wahrnehmungsprobleme infolge von Müdigkeit oder schlechter Laune. Fotos sind planbarer als der spontane Blick. Es kann sich der Eindruck einstellen, Auradon habe die Realität des Schlosses Versailles übertroffen, weil er die Ideen seiner Erbauer in Reinform und effektvoll kombiniert präsentiert. Ein ideales, nur für den ästhetischen Geist erschaffenes Versailles. Erst hier, befreit von allen Behinderungen, Mühen und nutzlosen Umständen, ist Versailles, was es in den Köpfen seiner Erschaffer sein sollte. Und entfalten eine berauschende Vitalität.
So kann es auch sein. Wie es gelingt, ist unbekannt. Es braucht eventuell Zeit.
Einen Wein verkosten, Versailles verkosten. Mit Glück einen Band durchblättern, bis er das Auge eintreten und die Fotos lebendig werden lässt.

Welche Realität realer ist, ist eine müßige Frage. Auf jeden Fall gibt es mehrere, die erfahren werden können. Also auf nach Versailles! Schön, wie Auradon den Place D´Armes vor dem großen Schlossportal abbildet. Ohne Autos und fast ohne Menschen. Heute dient er als riesiger Parkplatz, der trotz hoher Gebühren immer gut gefüllt ist. Große Menschenmengen strömen über ihn auf das Tor zu, das Auradon in den Vordergrund gesetzt hat. Sie fotografieren ununterbrochen.


Mittwoch, 9. Januar 2013

Vom Elend des Verkostens



Man stelle sich vor, es würde eine einzige Seite aus einem Buch vorgelesen, eine Minute aus einer Symphonie vorgespielt, ein postkartengroßer Ausschnitt von einem Gemälde gezeigt. Und nur aufgrund dieser Eindrücke müssten die zugrunde liegenden Werke bewertet und benotet werden. Warum nicht? Es ist durchaus möglich, komplexe Dinge aufgrund eines geringfügigen Ausschnitts zu beurteilen. Wer geübt ist in dieser Methodik, wird Zeichen und Indizien so gut einschätzen können, dass er berechtigten Anlass für Vermutungen über ein Werk haben sollte. Falls die Zeit für eine umfassende Betrachtung fehlt… Moment mal… In der Welt der Weinkenner ist die oberflächliche Augenblicksbetrachtung kein behelfsmäßiges, sondern das gängige Mittel. Wenn international renommierte Weingurus ihre Punkte vergeben, tun sie es praktisch nie, indem sie einen Wein über einen längeren Zeitraum degustieren. Obwohl Zeit für einen Wein ist, was für ein Bild der Rahmen und für ein Buch die Zahl der Seiten bedeuten. Die Profis nehmen wenige Schlucke und spucken sie meistens wieder aus. Danach probieren sie den nächsten Wein und vergeben Punkte, die oft unmittelbar das Kaufverhalten der Konsumenten beeinflussen. Das Renommee von Winzerbetrieben ist in starkem Maße von solch Probeschlucken abhängig. Auch wenn dafür verschiedene Fassproben oder Flaschen von verschiedenen Degustatoren in verschiedenen Jahren geschmeckt werden, bleiben Momentaufnahmen für die Bewertung elementar. Unter optimalen Umständen – die Verkoster sind gut ausgebildet und arbeiten so objektiv wie möglich  – wird dabei die Spreu vom Weizen getrennt. Außergewöhnliche Güter werden herausgefiltert und das Publikum vor schwachen Leistungen gewarnt.

Weinkritiker haben eine dienende Funktion. Sie prüfen, damit andere besser genießen können. Die analytisch-objektivierende Kostprobe erfordert eine andere Herangehensweise als der hedonistische Weinabend zu Hause. Dies müssen Konsumenten berücksichtigen, falls sie ihre Kaufentscheidungen vom Profiurteil abhängig machen. Und auch, welche Ansprüche sie selbst an eine Flasche Wein stellen. Der professionelle Weinprobierer baut ein gewissermaßen wissenschaftliches Verhältnis zu seinem Objekt auf. Zergliedert es und ordnet es ein, ähnlich wie ein Literaturwissenschaftler einen Text nach Stilmitteln, Metaphern, Symbolik und Deutungsebenen untersucht. Dies mag zum Verständnis beitragen, erfüllt aber nicht den primären Sinn. Literatur will genau wie Wein als autonomes Phänomen wirken können und Herz und Hirn spontan bewegen. Distanzierte Analyse bedeutet einen Schritt weiter oder zur Seite. Es wäre absurd, ihn ohne den ersten zu machen.
Ausgerechnet bei einer so sinnenfrohen Angelegenheit wie dem Weintrinken vermischen sich die Positionen. Der ambitionierte Amateur nähert sich der Haltung des Profikritikers an. Bei Messen, im Fachhandel und bei Weinproben hat er schon alle erdenklichen großen und kleineren Gewächse probiert, aber vergleichsweise wenige vom ersten bis zum letzten Tropfen einer Flasche. Das würde nämlich weder seiner Gesundheit noch seinem Bankkonto bekommen. Er steckt in einem Dilemma, das ihn dazu bringt, buchstäblich auf den Punkt genau zu urteilen. Es gibt nur diese zwei, drei Schlucke und eine Punkteskala von 1 bis 20 oder bis 100. Dazu eine standardisierte Herangehensweise, die in Weinbüchern und Kursen beigebracht wird. Man schaue, schwenke, rieche und schmecke. Beurteile Farbe und Aromen auf Grundlage vorgekauter Begriffe aus dem Bereich der Früchte, Blumen und Gemüsesorten, vernachlässige auch nicht Säure, Süße und Tannine. Fertig ist das brav abgemessene Geschmackserlebnis. Weinfreunde, die eigentlich mit freiem Kopf genießen könnten, werden selbst zu Messdienern. Wie Händler prüfen sie die Ware, wiegen ab und vergleichen, statt sich mit eigenen Worten zu begeistern oder zu ärgern.
Manche Leute behaupten, auch Weine könnten Kunstwerke sein. Kunst lässt sich auf viele Weisen verstehen, aber nur individuell erleben. Geht ein Roman unter die Haut, wird er meist nicht mit der Rhetorik des Deutschlehrers beschrieben. Der persönliche Zugang ist wesentlicher als der wissende Überblick.
Der Reiz eines Romans liegt oft in kleinen Beschreibungen und Nebensätzen und nicht in einer schmetternden Botschaft, die sich auch verbal oder in einem Sachbuch mitteilen ließe. Ebenso lassen sich Weine nicht allein aufgrund ihrer Konzentration, Fruchtigkeit, ihrem Nachhall oder einer vermeintlichen "Komplexität" erfassen, für die sich nur wenige Minuten Zeit genommen wird. 0,75 Liter verändern sich fortwährend. Zuerst verschlossen unterm Korken. Dann in Abhängigkeit vom weiteren Luftkontakt, vom Glas, der Raumtemperatur und natürlich der Verfassung und Stimmung des Genießers. Während aber Bücher möglichst von der ersten bis zur letzten Seite gelesen und Gerichte auf dem Teller bei Gefallen aufgegessen werden, während der Städtetourist mit einer bloßen Zwischenlandung kaum glücklich wird und dem Filmfreund kein Trailer ausreicht, gibt sich der Weinfreund mit Auszügen zufrieden. Dabei fallen nicht nur verschiedene Aggregatzustände unter den Tisch. Gute Weine sind wie Kompositionen, die ihre Struktur und Idee allmählich entfalten, indem der Genießer sich auf sie einlässt. Er selbst steuert seinen Teil dazu bei, indem er die Nuancen auf sich wirken lässt. Erwartungen und sensorische Voreinstellungen werden beim geduldigen Genuss Schluck für Schluck gelöst. Die Sinne öffnen sich für das Neue und beginnen, Muster zu erkennen, Rhythmen und Melodien. Bei vielen hervorragenden Weinen lohnt es, sie über zwei Tage an der Luft reifen zu lassen und während dieser Zeit immer wieder zu probieren. Erst so gelingt es, ihre aktuellen – vom Alter der Flasche abhängigen – Möglichkeiten zu überschauen.

Es wird weiter auszugsweise verkostet werden. Aus Notwendigkeit – es gibt in der Weinwelt keine andere Möglichkeit, der Leidenschaft für Aromen, Reben und Anbaugebiete abwechslungsreich nachzugehen. Aber vielleicht ist Leidenschaft das falsche Wort und es sollte besser Hobby heißen. Es hat mehr Berührungspunkte mit dem wissenschaftlichen Sammeln, Vergleichen und Prüfen als die eher subjektiv-emotionale Passion. Diese endet selbst bei Beschäftigung mit gesünderen Objekten der Begierde häufig fatal. Wie gut ist es da, dass auch ein einzelner und ausgespiener Schluck Freude machen kann. Doch er wird nie darüber hinwegtäuschen, dass er nur einer von vielen möglichen ist.




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Mittwoch, 2. Januar 2013

Mit Wein weise werden


Wünsche zeigen ihr wahres Gesicht, sobald man sie zu verwirklichen versucht. Über Jahre inspiriert und tröstet es: Irgendwann soll ein Berggipfel bestiegen, ein Musikinstrument gelernt oder am Meer gewohnt werden. Nun endlich sitzen die Bergschuhe an den Füßen, liegen die Notenblätter bereit oder die Schlüssel zum Strand-Appartement in der Hand. Leider sind Gipfel, Klavier oder Aussicht nicht wirklich wichtig - sonst wäre alles einfach -, sondern die Stimmungen, die diese Dinge in der Vorstellung auslösten. Sollten sie in der Realität nicht dazu imstande sein, verlieren sie ihren Wert. Dann weckt der Blick von der realen langweiligen Terrasse auf das reale langweilige Meer nur noch schmerzhafte Erinnerungen daran, wie schön die Vorstellung war.




Ein schlechter Tausch: Belebende Phantasie gegen öde Wirklichkeit. Aber hat Desillusionierung nicht den Rang einer Lebensweisheit? Ist es nicht närrisch, das Glück in der Außenwelt, statt in weiser Kontemplation zu suchen? "Die größten Abenteuer sind im Kopf". Das wäre ein schöner, aber leider ebenfalls tückischer Ausweg. Beispielhaft vorgeführt in einem Hauptwerk über die Schwierigkeiten, Kopfkino und Erfahrungskamera in Einklang zu bringen: Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Der Erzähler lebt in der Sehnsucht nach den Tagen der Kindheit und ist traurig, weil er beglückende Impressionen nicht erneut erleben kann. Übermächtig wird sein Wunsch, sie heraufzubeschwören – was teilweise gelingt. Ähnlich kompliziert funktioniert seine Sehnsucht nach der großen Liebe. Auf deren vermeintliche Entdeckung folgt der verzweifelte Versuch, sie buchstäblich gefangenzuhalten. Erinnerung, Imagination und sinnliche Wahrnehmung sind untrennbar verbunden. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit in eine der Sphären.




Die Kunst, in der Realität wiederzufinden, was wir ihr angedichtet haben, ist zum Teil erlernbar. Das Gehirn zieht Schlüsse aus seinen Enttäuschungen und geht wählerischer mit den Realitätsfunken um, die seine Vorstellungen entfachen. Fotos eines wildromantischen Weinbergdorfes oder ein lächelndes Gesicht in der U-Bahn mögen die Funken gezündet haben.
Im Kopf entstehen Bilder, die nicht einfach etwas zeigen, sondern zu 
etwas auffordern, antreiben und den Alltag beflügeln.
Oft werden sie während vieler Jahre ausgemalt, verfeinert, um weitere Eindrücke bereichert, kritischen Prüfungen und Veränderungen unterzogen. Etwa der Traum, einmal auf der größten Meeresdüne Europas zu stehen. Wie automatisch wird der Träumer aufmerksam, sobald auch nur wenige Sätze über sein Thema in Zeitung oder Radio auftauchen, Nachbarn von ihren Dünenerlebnissen berichten, Küstenbilder zu sehen sind. Immer deutlicher wird, was eine Reise zum Sandberg bedeuten würde, wie schön oder hässlich Hotels und Landschaften sind, wie düster das Meer an einem Regentag schwappt. 
Vielleicht tötet bereits dieser Prozess die Phantasie ab. Aber auch wenn sie einer dynamischen Auseinandersetzung standhält, kann es vor Ort zur Enttäuschung kommen. Diese versteckt sich nicht selten in Wendungen wie: "Einmal wollte ich es erleben" "Jetzt habe ich das gehabt." Es befriedigt, das Sehnsuchtsziel erreicht zu haben, das Ziel selbst ist aber reizlos.

Grand Dune du Pyla, Arcachon










                                           

Viel interessanter als Desillusionierungen ist die verwirklichte Wunschvorstellung. Wer jahrelang von Paris nur schwärmte, die Stadt plötzlich mit eigenen Füßen betritt, Erwartungen erfüllt sieht und Imaginationen mit sichtbaren Sensationen verschmelzen kann, kümmert sich zumindest zeitweilig nicht mehr um den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Vielleicht wird er einen enthusistischen Bericht über seinen Aufenthalt verfassen, der Paris wiederum für einen anderen Menschen zum Sehnsuchtsort macht. Und der gesamte Prozess der Wahrheitsfindung beginnt erneut. Vielleicht inspiriert den Leser vor allem die Gefühlswelt des Verfassers, dessen subjektive  Perspektive. Falls er sich darin verliebt, wird er womöglich Gefangener einer unstillbaren Sehnsucht.
Bahnhof von Tours
Oder aber der Bericht enthält genug
Realitätsfunken, die mit später angelesenen oder "gehörten" Eindrücken ein magisches Substrat der Stadt transportieren. Gedanken und Gefühle werden wertvoll geimpft. Der spätere persönliche Augenschein bedeutet weder eine Verwässerung noch ein Gegengift, sondern eine Nachimpfung. Es lässt sich nicht mehr entscheiden, ob der Blick über Straßen, Gebäude und Parks realer ist als die jahrelang aufgebaute Imagination. Das Bild muss nicht zerstört oder wesentlich revidiert werden. Es hat eine gewichtige Weitererentwicklung, eine vorläufige Vollendung erfahren.

Ist es nicht eigentlich schade, dass ein Mensch nur eine begrenzte Anzahl von Wunschvorstellungen besitzt, denen er über die Jahre nachgehen kann? Sehnsüchte lassen sich kaum künstlich herstellen. Wir sind darauf angewiesen, welche Träume das Gehirn in geheimnisvollen Prozessen uns liefert. Und doch gibt es eine Möglichkeit, das große Lebensspiel in kleinerem Maßstab zu simulieren. Man werde zum Weingenießer. Wer sich weniger für den Alkohol als für das Aromenspektrum, die Jahrgänge und Anbaugebiete der flüssigen Materie interessiert, lebt in einem fortwährenden Zyklus großer Erwartungen, Enttäuschungen und Glücksmomente. Er wird immer besser die Gesetze von Verheißungen und Erfahrungen verstehen und erleben, wie launisch und flüchtig das Gefühl von Wahrheit sein kann.