Freitag, 20. Dezember 2013

Weltliteratur von Yasushi Inoue

Die Kulturen Japans und Mitteleuropas unterscheiden sich. Soviel darf jeder behaupten, ohne Kulturwissenschaftler zu sein. Das Werk Yasushi Inoues (1907-1991) fordert den europäischen Leser heraus, Vergleiche anzustellen. Manchmal erwähnt Inoue in seinen Romanen und Erzählungen religiöse Riten, die im asiatischen Kulturkreis normal und dem Durchschnittseuropäer weniger bekannt sind. Bizarr erscheinen Buddha-Altäre im Vergleich zu europäischer Kirchenfolklore jedoch nicht. Auch kommen in seinen Romanen und Erzählungen wie selbstverständlich bestimmte Kleidungsstücke, Getränke oder Nahrungsmittel vor, die bei uns als Spezialitäten gelten. Doch es handelt sich um Beiwerk, Kulisse, Ausstattung. Eher erstaunt, wie sehr das fernöstliche Stadtleben dem mitteleuropäischen ähnelt.
Im Zentrum der Texte stehen universelle Themen: Liebe, Schuld, Verantwortung, Ehrgeiz, Krankheit, Tod. Sehnsucht nach Schönheit. Große Gefühle verschmelzen mit alltäglicher Routine. Im Strom der Tage schwimmen die Leidenschaften mit. Die Ziele und Zwänge der Figuren entwickeln sich auf dem Hintergrund der japanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Häufig müssen sie sich mit tradierten Ehr- und Pflichtbegriffen auseinandersetzen. Durch diesen Streit mit den Normen einer Welt, in die sie hineingeboren wurden, wird ihre individuelle Lebendigkeit spürbar.
Was die Romanhelden beschäftigt, macht sie nicht zu außergewöhnlichen, sondern zu gewöhnlichen Menschen. Der Hauptfigur des 1956 erschienenen Romans Die Eiswand ist die Vorstellung unerträglich, man könne ihr eine Mitverantwortung am tödlichen Bergsteigerunfall des Freundes geben. Es wird zu Uozus Lebensaufgabe, seine Unschuld zu beweisen. Zugleich fühlt er sich dem Freund über den Tod hinaus bis zur Selbstaufopferung verpflichtet. Warum überlegt er, wie er es tut? Vor allem kulturell geprägt oder aufgrund von elementaren Denkstrukturen, die sich in manchen Umgebungen stärker entfalten als in anderen? Auszuschließen ist außerdem nicht, dass Uozus Verhalten einem durchaus selbstbestimmten, philosophischen Kommentar gleichkommt. Die eskalierenden Ereignisse zwingen ihn zu einer individuellen Stellungnahme, die wiederum sein kulturelles Sein spiegelt.
Zugang zu den Konflikten findet auch, wer sie aufgrund seines persönlichen Selbstverständnisses nie selbst erleben würde. Die Entscheidung für Richtig oder Falsch ist stets schwierig und spannend. Der Leser versteht die Sorge, Konventionen nicht zu genügen, und fiebert mit, wenn aufbegehrt wird. Yasushi Inoue stellt seine Protagonisten als Kinder und oft Gefangene ihrer Zeit dar, deren Gefühle über die gesellschaftliche Ordnung weit hinausreichen.
Mehrere autobiografische Erzählungen stellen die zunehmende Demenz der Mutter in den Mittelpunkt. Die Verwandten beobachten ihre Vergesslichkeit, ihre permanenten, nervenaufreibenden Wiederholungen, ihren irrationalen Eigensinn. Nie bekommen die Schilderungen einen über den Dingen stehenden Anspruch im Sinne von: ,Ich weiß, meine Mutter hat Alzheimer und nun muss ich mich mit der Krankheit und allem, was sie bedeutet, auseinandersetzen.' Die Symptome werden weniger wie Beschädigungen und mehr wie Naturphänomene beschrieben. Wie Wärme- oder Regenperioden, die zu respektieren sind.
Die Mutter lebt in einer eigenen Welt – jedoch sehr rege, gefühlsstark und mit intensiver Erinnerung an Ereignisse, die sie für sich wesentlich hält. Kinder und Enkel müssen nicht nur die krankhafte Veränderung verkraften. Es zeigt sich auch, dass ein über Jahrzehnte gepflegtes Bild von der Mutter nie ganz der Wahrheit entsprach.
Körperlich strotzt sie bis ins hohe Alter vor Vitalität und absolviert Gewaltmärsche. Angehörige wechseln sich in der Betreuung ab und verfolgen ihr Verhalten genau. Sie gehen einfühlsam auf die Mutter ein und nehmen sie ernst. Auch, indem der eigenen Verstörtheit Ausdruck verliehen wird, statt abgeklärt Symptome zu durchschauen. Der Familie verschwimmen allgemeine Begriffe – selbst der von Krankheit. Für sie ist entscheidend, dass die Mutter wichtige gemeinsame Erlebnisse vergisst oder sich wie ein Kind verhält. Inoue treibt das private Empfinden auf die Spitze, wenn Verwandte sie wie eine Zeitreisende begreifen, die frühere Altersstufen erneut erlebt. Von der Greisin zur 50-Jährigen, zur 30-Jährigen, zum Teenager, zum Kind. Er schildert durch das Spektrum der Demenz, wer die Mutter war und ist. Es wäre widersinnig, die Lebensphasen zu bewerten oder in eine Hierarchie zu pressen.
Es ist, als wollte Inoue literarisch die Unwahrhaftigkeit einer Haltung belegen, mit der sich auch ein europäischer Kollege derselben Generation befasst hat. Samuel Beckett (1906-1989) schreibt in seinem ersten veröffentlichten Roman "Murphy" (1938) über die Erlebnisse eines Aushilfspflegers in einem Nervensanatorium:

Es war also erforderlich, dass in jeder bei der Krankenpflege verbrachten Stunde zusammen mit seiner Achtung für die Patienten auch sein Abscheu vor der lehrbuchhaften Haltung ihnen gegenüber, nämlich vor dem selbstgefälligen wissenschaftlichen Conceptualismus zunähme, demzufolge der Kontakt mit der äußeren Realität der Index für das Wohlbefinden war. Sie nahmen in jeder Stunde zu. Die Natur der äußeren Realität blieb dunkel. Die Männer. Frauen und Kinder der Wissenschaft schienen ebensoviel Methoden zu haben, vor der Realität niederzuknien, wie jedes beliebige Illuminatencorps. Die Definition der äußeren Realität, oder kurz der Realität, änderte sich je nach der Sensibilität dessen, der sie zu definieren wagte. Den Kontakt mit ihr, und sei es auch nur der stumpfsinnige Kontakt der Laien, schienen alle einmütig für ein seltenes Vorrecht zu halten."
Samuel Beckett, Murphy. Übersetzt von Elmar Tophoven
rororo 1959

Niemand in Inoues Büchern ist naiv. Die Männer und Frauen reflektieren und räsonieren. Aber immer ergriffen vom Geschehen. Dieser Haltung entspricht Inoues Sprache. Manchmal wirkt sie allzu berichtend und geradezu naturalistisch. Meist ist sie feinfühlig, pointiert und deswegen poetisch, weil den Gedanken und Gefühlen der Personen ganz nah. Ein brennendes Fischerboot auf dem Meer ist nicht als Symbol für den Leser gedacht, sondern wird von einer unglücklich liebenden Frau in  Das Jagdgewehr  (1949) als Zeichen für ihre eigene Situation beobachtet und beschrieben. Diese Erzählung gilt zu recht als eines der Meisterwerke Yasushi Inoues: Ein Dichter erhält einen Brief von einem Mann, der glaubt, in einem seiner Gedichte beschrieben worden zu sein. Die wenigen Worte über einen einsam wandernden Jäger scheinen ihm das größte Drama seines Lebens widerzuspiegeln. Um es begreiflich zu machen, legt er Briefe seiner Ehefrau, seiner Geliebten und von deren Tochter bei. Aus verschiedenen Blickwinkeln berichten sie vom gemeinsamen Glück und Unglück.
Trotz der verschachtelten Erzählweise wirkt "Das Jagdgewehr" niemals artifiziell oder bemüht. Inoues Solidarität mit seinen Figuren sorgt für einen künstlerischen Höhepunkt. Die Perspektiven wechseln mit spielerischer Leichtigkeit und teilen sich trotzdem eindringlich mit. Inoue schafft es, diesen Strom und Umbruch packend zu gestalten und zum Erleben des Lesers werden zu lassen. Oft erinnert "Das Jagdgewehr" an ein virtuoses Stück Kammermusik, in dem Stimmen nebeneinander laufen, sich abspalten und zu einem größeren Thema wieder zusammenkommen. Es entsteht der Eindruck, an der Vielstimmigkeit des Daseins auf eine Weise teilzuhaben, wie es durch erklärende Sätze und distanzierte Betrachtung schwer möglich ist.







Freitag, 15. November 2013

Donauabwärts nun als Ebook, PDF, Taschenbuch

Seit Jahren versucht eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen, Weine exakt zu bewerten, in ein System zu ordnen, die Wahrnehmungen zu verstehen. Subjektiv und objektiv, Wahrheit und Täuschung vermischen sich. Dies ist so lange kein Problem, wie es nur um Wein geht…   


Carsten Klemann
Donauabwärts. (K)EIN Weinkrimi


Sie schleichen sich in Verkostungsrunden wohlhabender Weinfreunde ein und rauben ihnen ihre besten Flaschen: Rund um Wien verbreiten die Kellerpiraten Angst. Psychologe Norbert Wehrsam will die Täter auf eigene Faust überführen und bittet Christine Sowell um Hilfe. Immer tiefer wird die Journalistin in Ereignisse gezogen, die weit in die Vergangenheit reichen. Was haben Norbert Wehrsam und seine Frau, die Gynäkologin Silvia, zu verbergen? Sind sie schuld an einem Selbstmord vor 13 Jahren? Hat Christines ehemaliger Liebhaber mit den Kellerpiraten zu tun? Als Norbert Wehrsam ihnen eine Falle stellt, beginnt ein tödliches Drama.

Ab 3,99 Euro
Im Shop von Epubli, Verlagsgruppe Holtzbrinck mit Leseprobe:

Als PDF
Als Ebook in Epubli/Kindle (mit gängigen Gratisprogrammen lesbar)
Als Taschenbuch

Außerdem in allen Buchhandlungen und im Online-Handel zu bestellen. 




Sonntag, 10. November 2013

Donaukrimi bald als Print



„Meine Freiheit ist nur Trug.
Ist der Fisch frei, der gebissen,
In den Hamen, dann zerrissen,
Zwar die Schnur, und fortgeschwommen,
Doch die Angel mitgenommen?“

Sándor Kisfaludy
Aus: Himfy’s Auserlesene Liebeslieder
Übersetzt von Johann Grafen Mailáth.
Pesth, 1829


Demnächst auch als Print: Donauabwärts (K)EIN WEINKRIMI

Sie schleichen sich bei wohlhabenden Weinfreunden ein und rauben ihnen ihre edelsten Flaschen: Rund um Wien verbreiten die Weinpiraten Angst. Psychologe Norbert Wehrsam und Journalistin Christine Sowell stellen den Tätern eine raffinierte Falle. Ein tödliches Drama beginnt…

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Donauabwärts. (K)EIN WEINKRIMI

2007 erschien Moselblut. Ein Weinkrimi bei Rowohlt.
Jetzt erschien Donauabwärts. (K)EIN WEINKRIMI  



In diesem neuen Werk spielt wie in "Moselblut" zwar auch die Journalistin Christine Sowell eine Hauptrolle. Und Wein – vor allem aus der Wachau. Aber es ist ein Buch, das sich ums Genre wenig schert. Es ist melodramatisch und verspielt, kitschig, blutig und experimentell. Durchdacht und launisch, gewollt und gescheitert. Es geht um Wein und seine Verehrer, um Tiefen und Abgründe einer Passion. Um Menschen, die unfreiwillig testen, wie korrupt und wahrheitsliebend sie sind.

Ob sie dabei Schaden anrichten oder glücklich werden, zu Liebenden oder Todfeinden, steht auf einem anderen Blatt …


Montag, 19. August 2013

Franz Kafka sucht Goethe



Goethes Fahrspur.
"war halb achte hier auf dem Brenner,
hier soll mein Rastort seyn"
Reisen – Punkte im Gehirn verbinden. Vorstellungen, die sich über Jahre aufgebaut haben, mit Unbekanntem konfrontieren, verschmelzen. Wie war das 1786 als es noch keine elektronischen Medien gab, aber auch Printprodukte nicht massenhaft und mit einer Bilderflut wie heute über alle erdenklichen Regionen der Welt informierten? Als weite Reisen das Privileg einiger weniger waren und keine leicht erschwingliche Freizeitbeschäftigung?
Goethes Tagebücher zu seiner italienischen Reise (Grundlage für seinen Jahrzehnte später erschienenen Reisebericht "Italienische Reise") wirken überraschend modern. Was er über das Wetter, Begegnungen, Erlebnisse in Herbergen, bei Menschenansammlungen und Veranstaltungen, auf Märkten und in Kirchen berichtet, lässt leicht vergessen, dass es sich um O-Töne aus einer fernen Epoche handelt. Goethes Gedanken wirken oft zeitlos realistisch und korrespondieren mit den Überlegungen des heute Reisenden: Warum reise ich, wie sollte ich es tun, welche Ansprüche und Ziele habe ich, was geschieht mit mir…

"…ist ein kleiner Hafen oder vielmehr Anfahrt da, es heißt Torbole"

Über Tirol und den Brenner erreicht Goethe den Gardasee bei Torbole. Das Klima, das Licht, die Früchte und der weite Ausblick über das Wasser lassen sein Herz höher schlagen. Italien scheint alle Erwartungen zu erfüllen – es ist die Erfüllung.

Anfahrt auf Malcesine

Die Weiterfahrt über den See nach Bardolino muss wegen schlechten Witterungsverhältnissen unterbrochen werden. Goethe übernachtet in Malcesine, wo sich seine berühmte Beinahe-Verhaftung abspielt.

Goethes Unterkunft in Malcesine
Der beobachtende Landeserforscher aus Deutschland wird ungewollt in politische Konflikte hineingerissen. Sie werden für ihn zum persönlichen Problem nicht in Person des berühmten Dichters (er reiste incognito), sondern weil er zu einer bestimmten Stunde am 13. 9. 1786 ein Verhalten an den Tag legt, das seit 240 Jahren diskutiert und weitererzählt wird. Es lässt sich beobachten, wie ein kurzer, zufälliger Vorfall etwas Legendäres bekommt.
Was geschah, erwähnt Goethe anfangs äußerst knapp. Nur aus drei Sätzen besteht die Notiz im Tagebuch und schließt mit den Worten: "Das Detail davon mündlich."
Tatsächlich werden die genaueren Umstände später ausführlich im 1816 erschienenen Werk "Italienische Reise" sowie von den späteren Zuhörern seiner Geschichte ausgemalt. Es gibt verschiedene Versionen und Ausschmückungen, doch das Wesentliche steht fest. (Einen interessanten Recherchebericht verfasste vor über 100 Jahren Elisabeth Mentzel, die auch Goethes Wirt zu identifizieren versuchte und die Frage stellt. ob der Dichter wirklich incognito vor Ort gewesen sein kann. Nachzulesen hier: http://www.comunemalcesine.it/doc/Mentzel.pdf)


Burg von Malcesine


Grenzstein
Goethe setzt sich in Malcesine vor eine Mauer und zeichnet das pittoreske Kastell. Jemand bezichtigt ihn daraufhin, für das Kaiserreich Österreich zu spionieren, dessen Landesgrenzen zu jener Zeit nur wenige Kilometer entfernt verliefen. Während sich Schaulustige versammeln, reißt der Mann Goethes Zeichnung entzwei.  
Goethe brüstet sich im Tagebuch, mit verbalen Mitteln, charmant und humorvoll, die Gemüter beruhigt zu haben."Sie thaten einen Anfall auf mich, ich habe aber den Threufreund köstlich gespielt, sie haranguirt und bezaubert."

Goethes zerrissene Zeichnung
So einfach erledigte sich die Affäre jedoch nicht: Amtspersonen wurden hinzugezogen und Goethe beschreibt die Auseinandersetzung in seiner späteren Version als gefährliches Abenteuer, das in den Kerkern von Verona hätte enden können.
Als er darauf pocht, aus dem republikanischen Frankfurt zu stammen, wird ein Deutsch sprechender Bewohner namens Gregorio hinzugezogen. Dieser freut sich, mit dem Fremden Erinnerungen an die Stadt austauschen zu können und beschwört die anderen, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen edlen Schöngeist handele. Schließlich wird Goethe aus der Vernehmung entlassen.
Im Kastell befindet sich heute ein Goethe-Museum und an der Häuserwand, vor der Goethe das Bauwerk zeichnete, eine Gedenktafel.

Gedenktafel in Malcesine

Am 28. 9. 1913 gab es sie noch nicht. Es war der Tag, an dem Franz Kafka den Ort des Geschehens in Augenschein nehmen wollte. Er wohnte in Riva und versuchte, in Malcesine Goethes Aufzeichnungen mit der Realität in Einklang zu bringen. Ein kleines Steintreppchen hatte zu seiner Enttäuschung mehr Stufen als von Goethe beschrieben: "So konnten wir uns darin nicht einig werden, ebensowenig wie im Italienischen." (Interessante Details und Hintergründe sind u.a. nachzulesen im Buch "Meeresbrausen, Sonnenglanz" von Dirk Heißerer).
Während Kafka also nie erfuhr, ob er Goethe in Malcesine ganz nah war, haben es spätere Touristengenerationen leicht: Die Gedenktafel orientiert sich an dem Blickwinkel auf die Burg, den Goethe beim Zeichnen eingenommen haben muss.
Treppe?
Am wenigsten geahnt hätte Kafka wohl, wie leicht man am Gardasee heute auch auf seine eigenen Lebensspuren stößt. In Riva, wo er zur Kur beim damals berühmten Naturheilkundler Christoph Hartung weilte, ist eine Straße nach ihm benannt.



Hartung behandelte in Riva unter anderem auch Thomas und Heinrich Mann. Das erste seiner dort gegründeten Sanatoriumshäuser sieht heute so aus:


Dienstag, 23. Juli 2013

Mode für die Zukunft: A+ goes


A + Show Nr. 4/ 13. 7. 2013/Börsensaal Hamburg
Wer sich für Architektur genau wie für Kleidermode interessiert, bekommt beim Spaziergang durch moderne Innenstädte leicht den Eindruck: Anything goes. Sanierte Altbauten stehen neben Stahl-und Glas-Tempeln, graue Tristesse wechselt in wenigen Schritten mit eindrucksvoll ornamentierten Fassaden. Noch krasser als der Kontrast zwischen Altem und Neuem wirkt trotz aller städtebaulichen Planungen der Vergleich von Neubauten. Mögen sie auch aus ähnlichen Materialien entstanden sein – die äußere Exzentrik lässt doch oft zusammenzucken und scheint in erster Linie der Selbstdarstellung von Architekt, Firma oder Institution zu dienen.
Andere Gebäude wecken den Verdacht, bloß eine architektonische Mode
mitzumachen. Längst Bekanntes wird benutzt, ohne Formideen weiterzuentwickeln, sondern eher, um Konventionen aus Bequemlichkeit weiterzutragen.

"Anything goes" – das berühmte, einst auf die Methoden der Wissenschaft gemünzte Credo des Philosophen Paul Feyerabend kommt auch beim Anblick öffentlich vorgeführter Bein- und Armkleider in den Sinn. Im Theater, Restaurant, bei Hochzeiten oder in Bildungseinrichtungen ist ein bunter Mix aus aktuellen Trends, Etikette, individuellem Wildwuchs, gezielter Provokation und Zweckmäßigkeit zu beobachten. Der französische Romancier Marcel Proust wusste zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass er Menschen in Smokings und rauschenden Kleidern begegnen würde, wenn er spät in der Nacht Gesellschaft suchte. Während er eine große Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und teils bizarrer psychologischer Feinheiten beschreibt, bleibt die Kleidung in seinem Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein gemeinsames, domestizierendes Band zwischen extremen Charakteren.
Auf Kleiderordnung war einst zumindest innerhalb einer Sozialregion Verlass. "Die grünen Hüte geben zwischen den Bergen ein fröhlich Ansehen", schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1786, aus Karlsbad über die Alpen kommend, in sein Tagebuch. "Sie tragen sie geziert mit Bändern oder weiten Schärpen von Tafft mit Franzen die mit Nadeln gar zierlich aufgehefftet werden, auch hat jeder eine Blume oder eine Feder auf dem Hute. Dagegen tragen die Weiber weise, baumwollene, zotige, sehr weite Mützen, wie unförmliche Manns Nachtmützen, das ihnen ein ganz fremdes Ansehn giebt. Ihre übrige Tracht ist bekannt."                                                



Anything goes? Heute fällt kaum auf, wenn ein Ledermantel neben einem Bikini spaziert oder Jeansträger mit Leuten in Samt und Seide am selben Ereignis teilhaben.
Goethes Worte wecken den Verdacht, die Mode sei einst zwar innerhalb einer umrissenen Sozialregion besonders einheitlich gewesen, aber auch sehr originell. Sie besaß eine Identität, die in der heutigen Zeit globaler Modetrends folkloristisch erscheint.
Der heutige Zeitgeist lebt zwischen einem Ideal des Individualismus, der Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit betrachtet – nicht auszudenken, wie bunt Prousts Romanpersonal dann wäre – und den international gleichgeschalteten Auslagen der Fußgängerzonen. Die Designerin Julia Platzer zitiert im A+ Programmheft Elena Esposito: "Das Individuum macht also, was die anderen tun, um anders zu sein."

In Rovereto beobachtet Goethe: "Es hat kein Mensch Stiefel an, kein Tuch Rock zu sehen. Ich komme recht wie ein nordischer Bär vom Gebirge. Ich will mir aber den Spas machen mich nach und nach in die Landstracht zu kleiden."

Reisende erlebten immer schon: Die gewohnten Muster sind eine konstruierte Wirklichkeit. Wer es wagt, sich aus ihnen hinauszubewegen, erfährt die Komplexität der Welt als unendlichen kreativen Prozess. Der funktioniert aber nicht willkürlich.
"Anything goes" gilt nur insofern, als keine modischen Formen prinzipiell vorgegeben sind. Das Ergebnis von Modeschöpfung mag sehr phantasievoll und "wie aus der Luft gegriffen" sein. Ob Kleidung vom Publikum angenommen wird, begeistert, sich durchsetzt, hängt von komplizierten, dem Designer mehr oder weniger bewussten Gesetzmäßigkeiten ab.




 



Die Gepflogenheiten des mainstream, der Prägung durch Werbung und "Marken" ersetzen zum Teil die Dogmen des Traditionellen. Aber auch ohne jede Stilkonvention, bei aller Freiheit der Gestaltung, wird die Lage der Kreativen nicht einfacher.
Nur wer etwas zu sagen hat, sich abhebt, den Betrachter auf schöne, virtuose oder geistreiche Weise betört, kann etwas gewinnen. Fast alles ist erlaubt, falls es inspiriert, denn fast alles ist schon vorhanden. Es ist enorm schwierig, die Schatten der Vergangenheit zu respektieren, zu verarbeiten und zugleich etwas Neues zu produzieren. Zumindest etwas, was im Kleinen neu und originell ist. Schon das wäre sehr viel.


Die Modestudenten der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften stellen alle Jahre wieder auf einer öffentlichen Schau vor, wie sie Bekleidung interpretieren und kreieren. 60 Models tragen Kurs- und Abschlussarbeiten des Modecampus Armgartstraße in den historischen Börsensälen über den Laufsteg.
A+ nennt sich das Schaulaufen, bei dem 150 Modenovizen 250 ihrer selbst entworfenen Röcke und Hosen, Kleider, Schleier, Umhänge. Mäntel und Jacken vorführen lassen. Hier gibt es die Möglichkeit, taufrische, von Sachzwängen kommerzieller Verwerter noch wenig belastete Ideen des Nachwuchses zu studieren.
Was es da wohl zu sehen gibt? Anstöße zu Stilrevolutionen? Rückwärtsgewandheit, Eklektizismus, Angepasstes? Gesellschaftlich reflektierte oder reine Textilkunst oder einfach hübsche Anregungen für den Kleiderschrank? Auf jeden Fall erlaubt A+ einen kleinen Blick in die Zukunft. Was heute an durchschnittlichen oder grandiosen Kreationen zu sehen ist, wird sich fortsetzen. Indem es verschwindet, verharrt, sich entwickelt, entpuppt oder verbreitet. Auf die eine oder andere Weise wird es die Mode der Zukunft mitbestimmen. 






Der reflektierende und aufklärerische Anspruch einer akademischen Einrichtung schlägt sich in den Konzepten studentischer Kollektionen wieder. So geht es unter anderem um Klamotten, die sich der Trägerin anpassen sollen – statt sie in zeitgenössische Schönheitskonventionen zu zwängen. Um Mode, die für Behinderte nützlich ist, die ethnische Traditionen, Mythen und Historien reflektiert, Formen der Verschleierung inszeniert oder Männer in Kleidung steckt, die der Zeitgeist mit Weiblichkeit assoziiert. Warum nicht Brücken zwischen großen kreativen Kulturen bauen und Farben und Formen Afrikas und Asiens als "Afrasia"-Mode fusionieren? Der Blick geht in die große weite Welt oder ins Elementare: Eine Designerin hat beim Entwerfen daran gedacht, wie sich Zeit fassen und abbilden lässt, versteht ihre Kollektion als Ausdruck von Entschleunigung und Konsumwandel. Das Spektrum von A+ im Jahr 2013 zeigt, dass Mode viel mehr als eine Frage unterschiedlicher Geschmäcker ist. Philosophisch beeinflusste Entwürfe stehen formalen Experimenten und eher poetisch Angehauchtem gegenüber. Zu spüren ist: Verschiedene Mode spricht verschiedene Zonen von Geist und Körper an. Sie ist ein völlig anderer Gegenstand – für den man unterschiedliche Begriffe finden müsste – , je nachdem sie in reflektierende, sinnliche oder imaginierende Systeme unseres Gehirns eingespeist wird.

Mal zeichnen sich übergreifenden Konzepte der A+ Show deutlich ab, mal verfängt sich der Blick in Farben und Formen. 33 schnell aufeinander folgende Kollektionen verlangen Aufmerksamkeit. Der analysierende und nach Zusammenhängen suchende Verstand wetteifert mit Sinnen und Gefühl. Die größte Spannung entsteht, wenn der Betrachter zum "Opfer" des Dargebotenen wird und die kritisch-beobachtende Distanz aufgeben muss, weil er mitgerissen und verzaubert ist. Doch wie haltbar sind diese Eindrücke? Vielleicht werden auf den ersten Blick unscheinbare Kleider bei näherem und längerem Hinsehen die stärkste Wirkung entfalten. Vielleicht verpufft die sinnliche Macht anderer Kreationen.
Wer in einigen Jahren  in Schaufenster oder Kleiderschränke schaut, kann dort Antworten finden.
Zum Glück gibt es außerdem Fotos, bei deren Betrachtung Designs zum Schwärmen und Sinnieren über Form, Farbe, Komposition und Schönheit anregen.










































































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