Montag, 17. Dezember 2012

St.Estèphe: Médoc für Romantiker


Also gut, es gab einige der berühmtesten Weingüter der Welt zu sehen, die in pittoresken Gebäuden residieren. Ungehindert durften wir durch Rebplantagen spazieren, deren Trauben unfassbare Geldbeträge einbringen sollen: Mehre hundert Euro pro Liter alkoholisch vergorenem Saft. Wir konnten über den "Mouton-Buckel" zuckeln – einen Hügel von 30 Metern, der wegen seiner Höhe die Pflanzen zu langverzweigtem Wurzelwerk und damit zur Produktion von besonders hochwertigem Rebsaft animiert, Diese Welt ist interessant, ansehnlich und imposant, aber keine Landschaft, die von sich aus das Herz höher schlagen lässt. Es ist die Appellation Pauillac – ein landwirtschaftliches Nutzgebiet mit dem Vorzug, Rebstöcke statt Kohlköpfe und Schlösser statt Gehöfte hervorgebracht zu haben. Wir könnten es damit gut sein lassen – und würden einen Fehler begehen.
                                                                                                             


Mouton Rothschild im Regen

  
Von Pauillac führt die Uferstraße in gerader Linie nach Norden. Wir befinden uns auf dem Weg ins – Médoc. Denn nicht nur die gesamte Halbinsel mit allen Grand Cru Gemeinden wird so bezeichnet. Es gibt auch die Einzelappellation Médoc. Genau wie innerhalb des Haut-Médoc neben Pauillac, Margaux, Listrac, St. Julien, Moulis und St. Estéphe die Appellation Haut-Médoc existiert. Médoc unterteilt sich also ins Haut-Médoc und Médoc. Letzteres wurde früher Bas-Médoc genannt, was die Orientierung vereinfacht. Aber es war wohl nicht mehr erwünscht, eine Anbaufläche mit dem Zusatz "niedrig" oder "tief" zu kennzeichnen, der ja auf die Qualität bezogen werden könnte. Zumal sie tatsächlich im Schatten des Haut-Médoc steht und über kein Grand Cru-Gewächs verfügt.
An der Spitze des Médoc fließt die Gironde ins Meer. So weit fahren wir allerdings nicht, sondern nur bis zur letzten Haut-Médoc Appellation: St. Estèphe.





















Die Umgebung wirkt jetzt einsamer, sich selbst überlassener, offener. Landeinwärts ist sie flach und wenig bebaut. Der breite, braune Strom dominiert das Bild. Trotz des immer sichtbaren Atomkraftwerkes besitzt die Uferregion einen idyllischen Zauber. Wir kommen an ausgedehnten Weinparzellen vorbei, hinter denen sich das Grand Gru-Gut Montrose verbirgt.


Wir verlassen die Uferstraße in westlicher Richtung und werden von St. Estèphe überrascht. Was für ein Gegensatz zum gutbürgerlichen Pauillac! St. Estèphe wirkt dörflicher, ohne langweilig provinziell zu sein. Die Häuser sind von einer klaren, niedrigen Struktur und viele strahlen eine helle, elementare Schönheit aus. Damit passen sie sogar zur klassischen Charakterisierung von St. Estèphe-Weinen, die oft als besonders eckig und kantig, erdverbunden und langlebig beschrieben werden.










Die Reben sind hier präsenter als in Pauillac, wachsen in den Ort hinein und ein Schleichweg durch einen Winzerbetrieb führt fast bis zum Place des anciens combattants. Dort hat schräg gegenüber der Kirche das niedliche Maison du Vin seinen Sitz. St. Estèphe ist ein Weindorf, das Klischeevorstellungen von einem "Ort des Weins", der authentisch ist und sich auf Qualität konzentriert, prima entspricht. Anders als in berühmten deutschen Winzerdörfern fehlen sogar die Weinstuben, die Schanktische unter freiem Himmel, die Flaschenangebote auf Schritt und Tritt, die Werbetafeln, Menschenmengen und andere Insignien touristischer Weinseligkeit.






                                  

Die Atmosphäre ist ruhig und kontemplativ, man könnte sich ewig aufhalten, einfach auf die Straße oder den Platz setzen und die Zeit passieren lassen. Aber wir können nicht bleiben und der Augenblick vergeht schneller als die Flaschen im Kofferraum. Auf der Weiterfahrt durch die Appellation macht es Spaß sich zu verfahren, auf Feld- und Dorfpisten zu geraten und zwischen romantischen Hügeln, Wiesen und Wäldchen immer wieder Reben und Chateaux auftauchen zu sehen. 




















Chateau Le Boscq

Freitag, 7. Dezember 2012

Cru Classés mit Kernkraft

Für den Autofahrer auf der Route de Bordeaux von Carcans nach Pauillac scheint auf den ersten Blick ersichtlich, wo das andere Médoc beginnt. Freundlich und hell, mit modernen Schulgebäuden, vorbildlichen Fußgängerüberwegen und niedrigen Wohnhäusern markiert Saint-Laurent das Ende der waldigen Welt. Hier wachsen mehr Wiesen und Büsche als Bäume, aber wo sind die Reben? Während der Ort durchquert und verlassen wird und die Frage unruhig durch den Kopf flattert, muss das Auto hier eine Biegung und dort eine Kurve bewältigen und ist plötzlich so selbstverständlich von Weinfeldern umgeben wie ein Schiff, das den Hafen verließ, vom Meer. Die Wegweiser zu den großen Chateaux folgen einer nach dem anderen. Sie, die über Jahre die Vorstellungskraft beschäftigten und Sehnsüchte weckten, werden nun rasch und ohne Skrupel passiert. Es gibt zu viele.
Was schwingt allein im Klang des Ortsnamens Pauillac mit, der auf den Etiketten vieler bedeutender Weingüter und sogar von drei der fünf Premier Crus des Médoc steht. Oft wurde versucht, den Charakter der Pauillac-Weine zu beschreiben – als besonders fleischig, kernig, tanninbetont, mit überwältigenden Beeren-und Fruchtaromen. Sie werden als Inbegriff des Erlesenen, Festlichen und Luxuriösen vermarktet und vermögen beim Liebhaber einen Wirbel der Assoziationen auszulösen. Muss der Ort, nach dem sich die Weine nennen, nicht auch außergewöhnlich sein? Beim Besuch enttäuscht Pauillac auf angenehme Weise: Es handelt sich um ein hübsches, aber nicht besonders herausgeputztes, keinesfalls überhebliches oder snobistisches Hafenstädtchen. Plätze, Geschäfte und Wohnstraßen sind zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Bewohner. Direkt vor dem Kirchenportal lässt sich gut parken.



















In der Kirche Saint-Martin wird der Blick auf die Tradition der Seefahrt statt auf den Weinbau gelenkt. 



Pauillac und seine Appellation sind keine künstliche Welt, sondern eine urbane Region, in der nicht jeder nur an Wein denkt. Solche Binsenweisheiten müssen erst einmal begriffen werden, wenn man aus dem reblosen Norddeutschland kommt. Es wäre nicht nötig gewesen, zum besseren Verständnis der realen Welt auch noch ein Kernkraftwerk in Sichtweite von Pauillacs Uferpromenade zu setzen.


Nur die Gironde trennt das Haut-Médoc vom Druckwasserreaktor Blayais. Atomkraft, nein danke, Crand Crus, ja. Zurzeit existiert beides in enger Nachbarschaft.