Sonntag, 25. November 2012

Vom Atlantik an die Gironde

Von Lacanau-Océan führt eine schnurgerade, nur von Kreisverkehren unterbrochene Straße ins 10 Kilometer entfernte Lacanau. Der Ort besteht aus Eigenheimsiedlungen, Amtsgebäuden, einem großen Einkaufs-und Tankstellenarreal und einigen Altbauten. Seine Atmosphäre bekommt er geschenkt. Man ist gleich am Atlantik. Generationen von Meeresbesuchern haben Lacanau auf dem Weg nach Lacanau-Océan passiert. Die Weingüter des Médoc sind nah.





















Die kleine Tanke in der übersichtlichen, wenig belebten Ortsmitte hat dichtgemacht.




Die Kirche Saint Vincent von 1765 mit Saint Jacques-Statue aus dem 17. Jahrhundert 
ist hingegen geöffnet.





     

Um ins Haut-Médoc zu gelangen, muss direkt am Ortseingang auf die Landstraße Richtung Hourtin eingebogen werden. Jetzt befinden wir uns schlagartig außerhalb der gut ausgebauten Urlauberrouten. Die Bäume scheinen dichter an die Straße zu rücken. Es fehlen die großen Abzweiger der Kreisverkehre und der Eindruck entsteht, uns auf einer Schneise durch die Wildnis ins Ungewisse zu bewegen. Dass wir durch forstwirtschaftliche Nutzgebiete fahren, verstärkt ihn nur. Hier hat außer Waldarbeitern niemand etwas zu suchen.
Umso überraschender und lichter taucht das Örtchen Carcans hinter den letzten Baumstämmen auf. Imponierend erhebt sich rechts von der Durchfahrtstraße die Eglise Saint-Martin.



Hoch aufragend und hell schimmern ihre neugotischen Fassaden durch den heftiger werdenden Regen. Und auch wenn die 2000 Einwohner zählende Gironde-Gemeinde ansonsten keine architekturhistorischen Auffälligkeiten zu bieten hat, reihen sich die Fassaden an der Hauptgeschäftsstraße zu einem unnachahmlich anheimelnden Bild eines französischen Provinzortes aneinander. Carcans liegt außerdem nicht nur in Nähe des großen, von Urlaubern als Alternative zum stürmischen Meer geschätzten Lac d' Hourtin – einem der größten französischen Seen – , sondern am Abzweiger Richtung Pauillac. Der Supermarkt am Ortsende scheint dem Umstand Rechnung zu tragen, dass für so manchen Badetouristen ein Tagesausflug in die Anbaugebiete des Haut-Médoc zur Ferienplanung gehört. Neben den durchschnittlichen, auch andernorts angebotenen Tropfen verfügt der Laden über Regale mit Grand Crus und namhaften Cru Bourgeois. Zuständig dafür ist ein rundlicher Mitarbeiter mit Kellerschürze, der die Kunden wie ein fröhlicher Winzer über seine Tropfen informiert.

Samstag, 17. November 2012

Die drei Gesichter des Médoc

Die großen, nach Paris führenden Reiserouten müssen verlassen werden, um ins Médoc zu gelangen – die Halbinsel zwischen Gironde und Atlantik. Von den Pyrenäen kommend lenkt der Reisende sein Auto südlich vor Bordeaux gen Westen und taucht in eine flache, von dichten Kiefernwäldern bewachsene Ebene, die oft von nur schmalen Straßen durchzogen wird. Dies ist nicht das Frankreich der weiten, betörenden Aussichten, der malerischen Fluss-und Hügellandschaften. Es ist auf den ersten Blick eine etwas düstere, monotone Welt, von der wir aber wissen, dass sie noch ein ganz anderes Gesicht hat: Neben der traditionellen Forstwirtschaft ist seit dem 17. Jahrhundert Weinbau ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Wo Boden und Klima es zulassen, bestimmen prächtige Châteaux mit ihren Weingärten das Bild, der Blick schwebt frei über das kultivierte Grün, hübsche kleine Städtchen liegen am Weg. Doch westlich vom Ufer der Gironde, dem Atlantik entgegen, sind Baumstämme die beständige Straßenkulisse.
In den Romanen des französischen, in Bordeaux geborenen Schriftstellers Francois Mauriac (1885 - 1970) spielen diese beiden Seiten des Bordelais – sie sind nicht nur im Médoc anzutreffen – eine eindrucksvolle Rolle. Mal hören seine Figuren das unheimlichen Knarren der Bäume in Winternächten, mal sehen sie hinter Rebenfeldern die Sommersonne auf der Garonne flimmern. Die Natur verschmilzt Seite für Seite mit den Seelenlandschaften der Figuren.


In seinem Roman "Thérèse Desqueyroux" konzentriert Mauriac sich auf die undurchdringlichen Kiefernwälder. Man kann mit ihnen Geld machen, sie als Versteck nutzen oder in ihnen fern der Zivilisation zugrunde gehen. Hingegen erscheint die lichte Weinlandschaft in "Fleisch und Blut" paradiesisch und weckt bei den Protagonisten Erinnerungen und Sehnsüchte. Doch je schöner die Natur, desto schärfer treten die menschlichen Konflikte und die Frage hervor, ob Hoffnungen je in Erfüllung gehen. Mauriac verklärt außerdem den Weinbau nicht, sondern beschreibt ihn als harte, aufzehrende Arbeit. Und er zeigt die Kehrseite des Genusses, den Alkoholismus.  

Die Weine des Médoc gedeihen nicht wie so viele andere bedeutende Tropfen in pittoresken Weinbergen, sondern auf flachem Schwemmland aus Kies, Ton und Lehm. Der Mangel an landschaftlichen Feinheiten erscheint dem Weinliebhaber geradezu wie eine Tugend. Ist doch dieses von salzigen Winden bestürmte "Terroir" zwischen Meer und Flüssen für die besondere Qualität der roten Cuvées aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot verantwortlich. 


Im Westen eröffnet sich neben dem Kontrastpaar Wein und Wald mit der Atlantikküste eine dritte Welt. Die Bäume reichen bis zu den Dünen, dahinter erstreckt sich unüberschaubarer Sandstrand. Die Wellen toben oft wild, der Sand schimmert seidig. Der Himmel erscheint am Abend wie in Pastellfarben auf feinem Porzellan und nach Sonnenuntergang wie eine aufgeheizte Opernkulisse. Nie verbirgt diese Meereslandschaft, dass sie eine südliche ist.






Freitag, 9. November 2012

Moselblut in Pauillac



Die Weinstöcke von Chateau Pontet-Canet liegen hinter den Panoramafenstern zu unseren Füßen, fernab von der Straße bilden sie ein autarkes Reich.
Wir sind über eine kleine Treppe in den ersten Stock geklettert und befinden uns in einer sonderbaren Umgebung – es könnte die Lounge eines Luxushotels sein, doch nahtlos wandern wir hinüber in die rätselhafte Welt der Kelteranlagen und Gärbottiche.



Ein letzter Blick zurück hinaus aus dem Fenster. Egal, wie jeder für sich persönlich den Begriff Terroir definiert – es wäre eine Untersuchung wert, in welcher Weise der Genuss von Wein durch den Besuch seines Entstehungsortes beeinflusst wird. Ein Mosaik zu einer solchen Erforschung kann ich sogar selbst beitragen, da ich später Pontet-Canet auf Chateau Pontet-Canet probierte. Mein Eindruck: Das Ehrfurcht weckende Rebenmeer des Gutes profitiert mehr vom Ruf der Flasche, als umgekehrt der Wein von der Besichtigung des Terroir. Nüchtern betrachtet unterscheidet es sich nicht von vielen anderen Anpflanzungen.


Die Kellertechnik großer Weingüter – wie sie den Most behandeln, die Gärung und Reifung beeinflussen – ähnelt sich. Ausführliche Erklärungen vor Ort helfen, Nuancen und Eigenheiten zu entdecken. Ein junger Mann aus Florida ist allerdings derart intensiv mit seinem Handy beschäftigt, dass er der Gruppe fast im Labyrinth der Holzfässer und Stahltanks verlorengeht.


So wie Lynch-Bages seine alten, nicht mehr benutzten Kelter - und Gäreinrichtungen ausstellt, kann auch auf Pontet-Canet ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. Mir stockt der Atem, als wir entlang von finsterem, verwittertem Mauerwerk in den alten Flaschenkeller steigen.


Am Ende stehen wir vor einem Gittertor, hinter dem sich viele Flaschengenerationen des Grand Cru Gutes stapeln. Das ist er! Ich fühle mich in den alten Flaschenkeller von Schlossweingut Meckling versetzt, den Christine Sowell zum ersten Mal mit Graf von Meckling betritt und durch dessen Gittertor sie später heimlich eindringt, um den Mord an ihm aufzuklären.



 Christine gelangt tiefer hinein als wir und stößt auf "Moselblut". 
Ihr Keller befindet sich allerdings in der Phantasie, oder?


In diesem Zusammenhang außerdem bemerkenswert: Im Krimi "Moselblut" geht es zwar vor allem um Weine von der Mosel, aber in einem Hamburger Restaurant trinkt Christine Sowell allein eine ganze Flasche Bordeaux: Les Hauts de Pontet 1995, den Zweitwein von Chateau Pontet-Canet…

Sonntag, 4. November 2012

Fron für die Flasche

"Allein das Erscheinen solcher Gestalten mitten in den Revieren des Bürgertums war ein Schlag ins Gesicht der Connaisseure, denn diese Leute hatten draußen zu bleiben, in ihrem Schmutz, dort, wo sie hingehörten."
Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands



Über den Schlosshof schlendern, dann ins weiße, offene Elektromobil einsteigen und zurücklehnen. Im gemächlichen Tempo tuckern wir durch die Weinplantage, während der Guide über die Historie von Pontet-Canet und die heutigen Anbaumethoden berichtet. Kein Einsatz von Herbiziden. Ein biodynamisch zertifiziertes Grand Cru-Gut. Rosensträucher als Frühwarnsystem für Erkrankungen im Rebenfeld, wodurch eine optimale, schonende Therapie ermöglicht wird. Die Rundfahrt ist bequem, atmosphärisch, interessant – erstaunlich, warum nur sechs Besucher teilnehmen. Gibt es Berührungsängste gegenüber dem Luxusgüter-Produzenten? Keine Sorge, der in Deutschland übliche Weinkauf beim Winzerbesuch ist hier überhaupt nicht möglich und die gesamte Besichtigung inclusive Weinprobe gratis. Der Markt mag die Flaschenpreise in die Höhe geschraubt haben, wir befinden uns aber trotz aristokratischer Fassaden und kostspieliger Kellereinrichtung auf einem Bauernhof. Es geht hier um Früchte der Erde, deren Ernte und Verarbeitung zu bodenständigen Gedanken und Taten zwingen. Und Berührungsängste ganz anderer Art. Denn plötzlich trifft das Gefährt auf eine Gruppe von Menschen, die zwischen den Rebstöcken schuftet. Es sind vor allem junge, durchtrainierte Leute, viele aber mit verhärmten und angespannten Gesichtern. In manchen liegt eine sehnsuchtsvolle Trostlosigkeit, die den Betrachter im Golfwagen erschrickt. Einige der Arbeiter und Arbeiterinnen schauen genauer hin, wer da auf Vergnügungsfahrt durch ihre Malocherparzelle unterwegs ist. Als ob sie etwas erwarteten oder gar verlangten. Peter Weiss beschreibt in der Ästhetik des Widerstands, wie sich in der europäischen Malerei die Bildnisse hart arbeitender Menschen wandelten. Wie die Männer und Frauen schon bei Dürer nicht mehr nur als ausschmückende Objekte dienten, sondern ins Bildzentrum rückten und Selbstgefühl und Bewusstsein für den eigenen Wert zeigten. Aus den Minuten mit den Arbeitern in den Rebenfeldern hätte ebenfalls ein eindrucksvolles Gemälde entstehen können. Doch es würden sich kaum die fortschrittsgläubigen, sinnstiftenden Akzente herauslesen lassen, die Peter Weiss in seinen Bilderbeschreibungen formuliert. In seiner Gemäldegalerie vom Mittelalter bis ins 20. Jahrundert ist eine Arbeiterschaft mit einer klaren, gemeinsamen und erzwungenen Rolle zu erkennen. Eine gesellschaftliche Klasse. Hier, in einem Bordelaiser Anbaugebiet des 21. Jahrhunderts, bleibt unbekannt, warum die Arbeiter nicht in einer Uni oder in einem Büro sitzen, sondern die Rebstöcke entlauben. Warum viele ausgelaugt wirken. Wegen diesem Job oder auch aufgrund von Umständen, die sie den Job annehmen ließen? Was sich aber einbrennt, ist das Bild. Es gehört zur Geschichte des edlen, höchste Genussbedürfnisse befriedigenden Weins, der später in die Gläser fließt.
Der Besucher aus Arizona fragte, wieviel Geld die Leute für ihre Arbeit erhielten. Der Guide antwortete, er wisse es nicht.