Mittwoch, 31. Oktober 2012

Schock-Erlebnis



es gibt viele Möglichkeiten, den Besuch auf einem Weingut zu schildern. Beschreiben Sie die Atmosphäre, das Klima und die Grünanlagen, beschreiben Sie Ihre Befindlichkeit – wie Sie geschlafen haben und mit welchen Erwartungen Sie auf dem Chateau auftauchten. Oder beschreiben Sie einfach, was Sie über die Landschaft, die Menschen und die Weine der Region wissen.
Viel besser ist es jedoch, humorig zu sein. Machen Sie sich lustig! Auch abgedroschene Zynismen und Albernheiten kommen beim Publikum besser als alles andere an. Selbst ein schlechter Witz verschafft leichten Zugang zu jeder Welt und verlangt keine Vorstellungskraft.

Und was geht mich das Weingut an? Ich kann bei der Fahrt durch die Rebenfelder die atmosphärische, menschliche, wissende oder ironische Brille aufsetzen. Außer, es passiert etwas. 


Schön! Endlich ein Grund, etwas aufzuschreiben

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ackerphantasien

                                                            

Wozu  überhaupt Weingüter besuchen? Man schaut sich auch nicht unbedingt die Fabrikationsstätten seiner Schuhe, Bücher oder Brötchen an. Das Interesse an Winzerhöfen mag damit zusammenhängen, dass Wein auf eine ideelle Weise Landschaft und Klima widerzuspiegeln scheint. Vegetation, Geologie, Himmel und Sonne sind seine Produktionsfaktoren. Er ist aber nicht einfach nur ein landwirtschaftliches Erzeugnis, sondern in hohem Maße kulturell und ästhetisch geformt. Mensch und Natur scheinen bei seiner Herstellung kongenial zusammenzuarbeiten. Um ihr Werk zu würdigen, ist keine distanzierte Perspektive möglich, kein schrittweises oder abstraktes Erfassen. Urplötzlich mit einem Schluck verschmilzt der Genießer mit seinem Gegenstand und muss die Geschmackseindrücke wirken lassen. Er kann versuchen, Rebsorte, Klima und Lage ebenso wie Techniken der Weinbereitung, Fasstypen, Weingutshistorie und einiges mehr herauszuschmecken. Sogar tausende Kilometer vom Anbaugebiet entfernt dürfen Trinker über den Geist aus der Flasche phantasieren. Da kann der Wunsch unwiderstehlich werden, den Ort zu besuchen, an dem ihm Leben eingehaucht wurde.

Das Chateau taucht wie eine prächtige Oase inmitten der Weinfelder auf. Hier scheint man sich völlig auf die Arbeit zu konzentrieren – außer wenn Gäste kommen. Dass sie wichtig genommen werden, signalisieren bereits die 5-Sterne-Außentoiletten im vorderen Hoftrakt.
Wir befinden uns in einer irritierenden Welt. In einem landwirtschaftlichen Betrieb, einem Schloss mit Treckerparkplätzen und bei einem Hersteller von Luxusgütern, die in Staub, Dreck und schweißtreibender Arbeit gewonnen werden.


Der Hof liegt in heißer Nachmittagssonne. Wir sehen einem vornehm gekleideten Herrn zu, der vom Erscheinungsbild Schlossbesitzer, vom Verhalten Butler sein könnte. Er poliert die Scheiben eines eleganten Vans mit einem weißen Tuch, dann striegelt er sein schütteres Haar mit Blick in einen Handspiegel. Wartet er darauf, Robert Parker zurück zu seinem Hotel zu kutschieren? Ein Minibus rollt heran. Zwei leger gekleidete Amerikaner entsteigen den Rücksitzen. Sie wollen auch das Chateau inspizieren und begrüßen uns überschwänglich. Schließlich parkt eine schwarze Limousine auf dem Hof. Der Chauffeur im dunklen Anzug springt heraus und öffnet die Türen für ein junges Paar. Wir sind vollzählig.
Sechs Gäste und zwei Chateau-Angestellte besteigen zur Rundfahrt einen weißen Golf-Buggy. Die Weinfreunde aus dem Kleinbus fragen die Herkunft ab und sind begeistert, mit einem so breit gefächerten Querschnitt der Weltbevölkerung durch die Rebenlandschaft zu rumpeln: Zwei Menschen aus Arizona, zwei aus Florida und zwei aus Deutschland.

Wozu eigentlich mit einem Buggy durch die Rebenfelder fahren, frage ich mich, wo ich diese Zuchtlandschaft vom Auto sowieso den ganzen Tag gesehen habe? So einfach ist es nicht. Der prägende Eindruck bei dieser Tour wird die Begegnung mit den Weinarbeitern sein. Nebenbei zeigt sich, dass die Erbauer von Pontet-Canet den Namen ihres Chateau nicht buchstabieren konnten.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Ist es das Geld wert?





            Leider orientieren sich die Preise für eine Flasche Pontet-Canet in den letzten Jahren in Richtung 100 Euro – die des 2009er und 10 er Jahrgangs auch weit darüber hinaus. Will ich solche teuren Weine überhaupt trinken, macht es angesichts solcher finanziellen Hürden für ein Fläschchen Alkohol noch Spaß, das Gut zu besuchen? Ich habe mir diese Fragen tatsächlich vorher gestellt. Zumal ich schon seit geraumer Zeit strenger auf das Preis-Genuss-Verhältnis von Weinen geachtet hatte. Vorbei die Zeiten, wo im Überschwang der Gegenwert eines guten paar Schuhes, einer Bob Dylan-Konzertkarte oder eines Restaurantbesuchs für eine erlesene Flasche Wein leichthin geopfert wurde. So sind die Relationen und alles hängt von der Frage ab: Kann eine Flasche so wertvoll sein wie ein über mehrere Jahre getragenes Hemd oder ein zweistündiges Erlebnis in Theater oder Oper? Oder sind die Preise für besonders teure Weine durch Moden und Sammler bestimmt? Werden sie weniger durch einen spürbaren Gegenwert als durch Marktgesetze beeinflusst, die alles Begehrte und Rare teuer machen ­– unabhängig von der Qualität?
            Meine Versuche, entzückende Weine ohne Pseudoaufschlag zu entdecken, haben zu vielen Enttäuschungen geführt. Vermeintlich preisgünstige sind allzu oft die wahren Pseudo-Angebote gewesen. Dann gab es eine Menge ehrlich angebotenen Stoff im Bereich zwischen 8 und 16 Euro, der aber oft nur das Bedürfnis nach kulinarisch ansprechender Zerstreuung befriedigte. Keine tollen Schuhe. Keine Aufführung von Richard III., die lange nachwirkt. Also auf zu Pontet-Canet. 

Dienstag, 16. Oktober 2012

Pontet-Canet



Chateau Pontet-Canet scheint sich im ewigen turnaround zu befinden. Mitte der 90er Jahre hieß es, das Weingut habe jahrelang unter seinen Möglichkeiten gewirtschaftet und sei einem Grand Cru Classé kaum würdig gewesen. Jetzt aber sei Besserung in Sicht – fort von zu rustikalen, tanninharten Tropfen hin zu mehr Eleganz und Komplexität. Dann stellte das Weingut auf biodynamischen Betrieb um, und wieder gibt es eine neue Zeitrechnung: Erst ab Mitte der 2000er Jahre – so sieht man es heute auf dem Gut – habe Pontet-Canet eine Stufe der Qualität erreicht, die den heutigen Ruf begründe. Tatsächlich ist das Chateau seither ein ernstzunehmender Konkurrent der besten Produzenten im Haut-Medoc und ergatterte mit seinem 2009er 100 Parker-Punkte.
Meine erste Flasche Pontet-Canet trug die Jahreszahl 1997. Ich hatte eine ganze Kiste äußerst günstig aus einem Karstadt-Keller erstehen können. Bei fast jeder dieser 12 Flaschen hatte ich den Eindruck, einen anderen Wein zu trinken. Manchmal mit großen Genuss und Begeisterung. Häufiger rätselnd, was der Wein mir eigentlich sagen will und oft enttäuscht. Ein Grund dafür kann aber sein, dass ich die Weine viel zu jung getrunken habe.
Es war aufregend, das Chateau jetzt selbst zu besuchen. Über eine schmale Straße, die auch zum Nachbarn Mouton Rothschild führt, und weiter eine Piste in den Reben entlang. Durch ein Tor geht es in einen großen Park, an dessen Ende das schön gelegene, vornehm wirkende Chateau auftaucht.   

Samstag, 13. Oktober 2012

Genieße ich einen Grand Cru anders…

… wenn ich sehe, wie er in Pauillac produziert wird?


Kurz vor der Ernte




Kellertechnik früher


Kellertechnik heute





Hier kommt der Wein in
die Flasche




Nein.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Weinbereitung Bordeaux: Alles rein mechanisch?

Eigentlich hat das Bordelais den Ruf, gegenüber modernen manipulativen Methoden der Weinbereitung sehr aufgeschlossen zu sein. Chaptalisierung (Zusatz von Zucker, um den Alkoholgehalt zu erhöhen) und Mostkonzentration, um den Wein konzentrierter schmecken zu lassen, scheinen laut der Weinliteratur noch die harmlosesten, fast schon traditionellen Hilfsmittel zu sein. Chateau Lynch Bages, das auch mal "Mouton des kleinen Mannes" genannt wurde, steht im Ruf, konsumfreundliche Pauillacs zu bereiten. Auf dem Grand Cru-Gut im Haut Medoc weist man die Unterstellung jedoch weit von sich, dem Wein "etwas zuzusetzen". Chaptalisierung habe es nur früher gegeben und Mostkonzentration schien, als ich bei meinem Besuch danach fragte, nicht einmal bekannt zu sein. Gleichwohl wird moderne Kellertechnik mit stählernen Gärbehältern gepriesen, wodurch natürliche Qualitätsschwankungen der Jahrgänge weit besser ausgeglichen werden könnten als früher. Später kommt der Wein in Holzfässer, in denen sich feinstoffliches Sediment absetzt. Alle drei Monate füllen Chateauarbeiter den Wein in andere Fässer um, um ihn zu klären. Dabei wird der Weinstrahl im Licht einer Kerze (!) beobachtet. Sobald er sich dunkel verfärbt, fließt Sediment durch den Schlauch und der Vorgang wird beendet.