Montag, 9. Juli 2012

Auf der Suche nach der Documenta 13



Das „Buch der Bücher“ nennt sich der offizielle Ausstellungskatalog der Documenta 13. Das klingt ideenlos und pseudoblasphemisch, bekommt beim Streifzug durchs Fridericianum jedoch spontan einen Sinn. Es entsteht das Gefühl, nicht einer Ausstellung von Kunstwerken beizuwohnen, sondern einer ausgestellten Ausstellung. Die Documenta selbst ist eine Installation, was an sich kein Problem wäre. Das Problem ist, wenn die Kunstwerke verblassen. Ich habe spektakuläre Dinge gesehen. Tausende Jahre alte Frauenfiguren, Wandgemälde über den spanischen Bürgerkrieg, zeitlos schöne Stilleben, moderne Papierkonstruktionen und auch eine Skulptur, die es schon bei der ersten Documenta zu sehen gab. Ich habe das Gefühl, dass viele Objekte weniger auf mich wirken, als sie müssten. Und ich gebe der Documenta die Schuld. Sie ist das Regietheater der bildenden Kunst. Von Kunst begeisterte Nicht-Künstler erklären der Welt, mit welchen Augen wir sie sehen sollten. Wer die Zusammenstellung nicht versteht, braucht sich bloß einen der teuren Sekundär-Wälzer zu kaufen. Oder die ausführlichen Darlegungen neben den Objekten durchlesen, die keine Frage offen lassen. Die Documenta stellt Kunst nicht aus, sondern erklärt sie. Überall, in ihrer Struktur wie in ihren Beschilderungen, stiftet sie Sinn und heftet die Kunstwerke ein wie in einer – Dokumentation. Das raubt den Werken Energie. Manche Kunstwerke der Documenta sind nur für das Publikum gemacht, das auf die Documenta geht: 
Beim Entree empfängt den Besucher ein Raum aus Wind und wenige Schritte weiter ein Raum, in dem sich ein Pop-Singsang ewig wiederholt. Ich erinnere mich dabei an die goldenen Regeln der Literatur: Beschreibe, statt Botschaften zu verkünden. Werfe alle schönen Sätze aus dem Manuskript. Warum wirken die Installationen nicht poetisch auf mich? Nach meinem Eindruck, weil die Documenta sie doppelbödig macht. Auf dem doppelten Boden liegt die Interpretation. 
Ich höre Gespräche von anderen Besuchern. Inbrünstig und überhaupt nicht kritisierend gemeint, wird erklärt: "Man muss die Erläuterungen kennen, um es zu verstehen." Es ist als Selbstentschuldigung gemeint. Doch es gibt eine Chance auf der Documenta. Weitergehen, Stock für Stock, damit der Deutungsnebel sich senkt und etwas klar vor Augen erscheint wie die einfachen Strukturen aus Bast und Rattan von Sopheap Pich. Sinnliche Aufklärung nach all den Erklärungen!