Montag, 23. April 2012

Robert Edmond Alter: "Sumpfschwester. Ein Florida-Thriller" (Swamp Sister)


Ein Kleinflugzeug stürzt über den Sümpfen ab. Der Pilot und sein Passagier kommen um, werden aber ebenso wenig gefunden wie die kostbare Fracht: Mehrere zehntausend Dollar Lohngelder. Seither machen waghalsige Einheimische immer wieder den Versuch, die Absturzstelle zu finden. Viele kehren von ihren Expeditionen in den unmenschlich heißen, von Raubtieren und Insekten bewohnten Dschungel nie wieder zurück. Auch der Bruder von Shad nicht. Der junge Mann will den Vermissten bergen – und entdeckt eines Tages in einer Baumkrone eine Tragfläche…
Mit Robert Edmond Alter (1925 – 1965) taucht der Leser in eine archaisch-schöne, dumpf-brütende Welt von Menschen ein, die in Holzhütten hausen und Alligatoren jagen. 
Wir befinden uns in den Everglades, im Florida der 50er Jahre. Die junge Hauptfigur Shad besitzt den Charme eines Huckleberry Finn. Er ist verträumt und gerissen, ein Naturkind und klarer Beobachter seines sozialen Biotops. Als der Verdacht aufkommt, er habe den Geldschatz gefunden, gerät er in den Focus der Begehrlichkeiten: Seines trunksüchtigen Vaters, der jeden Cent für Alkohol und Prostituierte ausgibt, der jungen femme fatale Dorrie, des schnieken Brutalo Jort...
Auch zahlreiche andere Krimis erzählen über die Verwandlung von Kleinbürgern in mörderische Krieger ums große Geld, über erotische Verstrickungen und gemeine Intrigen. Robert Edmond Alter schafft etwas Besonderes. Obwohl seine Romanwelt phantastisch anmutet und sein Plot nach allen Regeln der Unterhaltungskunst gestrickt ist, wirken die Gefühle und Beweggründe seiner Protagonisten ernsthaft. Selbst in der Zeichnung von Nebenfiguren überraschen originäre Nuancen, die sie von Abziehbildern unterscheiden. Ihre gewaltige Bühne sind die Everglades. Es gibt kaum eine Szene, die nicht durch urzeitliche Sumpflandschaften, mäandernde Flussläufe, undurchdringliches Grün und exotische Tiere eine besondere Atmosphäre erhält. Robert Edmond Alter schildert die Landschaft poetisch und oft bedrohlich. Die Natur ist präsent in den Schweißperlen der Protagonisten, dem Durst und der Angst, sich tödlich in ihr zu verirren. Der Leser darf die Sumpfwelt sogar aus den Augen eines angeschossenen Alligators betrachten. Nicht nur hier kommt dem Buch der Ideenreichtum eines Autors zugute, der auch zahlreiche Kinderbücher geschrieben hat.
Hauptperson Shad ist deutlich keinem pur kriminalistischen Autorenhirn entsprungen. Seine Konflikte als Heranwachsender schwingen spielerisch mit, während die Jagd nach dem Geldschatz immer spannender wird: Die gewinnsüchtigen Strolche mutieren wie durch einen inneren Sog zu Mördern, der Einzelkämpfer verliebt sich auf der Flucht, die Stimme von Ordnung und Vernunft erweist sich als betrügerisch. Die Konflikte werden mit brutaler Gewalt zuende geführt, doch die Geschichte gerät damit nur wieder an ihren Anfang. 
Robert Edmond Alter gelingt ein Happy End, das wegen seiner Doppelbödigkeit Vergnügen bereitet. Verwunderlich ist trotz seines frühen Todes, warum der Autor nicht bekannter wurde. Thomas Wörtche findet in seinem Nachwort passende Worte (im Bastei Lübbe Taschenbuch, 1991): „Klassiker sind allseits bekannt und beliebt, sie werden gehätschelt und gepflegt und vor lauter Respekt fragt man schon gar nicht mehr nach ihrer Qualität. Andere Autoren und Bücher hatten nie die Chance, Klassiker zu werden. Sie muss man, wenn sie gut sind, hegen und pflegen, indem man sie würdevoll unter die Leute bringt.“