Montag, 21. November 2011

Mann gegen Mann am Fluß oder: Wo versteckt sich die Gerechtigkeit?


Die Moralphilosophie von Stanley Cavell hat keinen formalen, akademischen Charakter. Es geht ihr nicht um Regeln und Definitionen, sondern darum, was unsere Entscheidungen authentisch und wahrhaftig machen kann. Wie gelingt es in einer Gemeinschaft, das persönliche Empfinden für „richtig“ und „falsch“ in die Tat umzusetzen? Auf eine Weise zu leben, die wir als „richtig“ empfinden? Was etwa bedeutet: Zielen nachgehen, die einem selbst und anderen wirklich nützen, keinen Täuschungen erliegen, sich nicht auf zerstörerische Weise anpassen. Sich nicht korrumpieren lassen, aber auch andere respektieren und ihre Bedürfnisse ernst nehmen…
Diese Art von Moral – und was sie inspiriert – beschreibt Cavell. Es ist eine Moral des ständigen Prüfens und der Auseinandersetzung, sie ist emotional und erfordert von einem Menschen die Überlegung, was er ist und will. Es gibt in ihr keine „Spielregeln“ wie Cavell in seiner Auseinandersetzung mit John Rawls Klassiker „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) herausstellt. Rawls hat ein interessantes Regelwerk für moderne, aufgeklärte Gemeinschaften proklamiert. Mit Regeln erster und nachrangiger Ordnung, die wie ein Uhrwerk ineinandergreifen. So haben die Mitglieder einer Gemeinschaft Anspruch auf gleichmäßige Verteilung von Gütern. Eine ungleiche Verteilung ist jedoch dann angezeigt, wenn dadurch die am wenigsten Begünstigten profitieren.
Gerechtigkeit in eine Art naturgesetzliche Ordnung bringen, oder, besser gesagt, klare Spielregeln für eine moderne, gerechte Gesellschaft aufzustellen, ist ein faszinierendes Unterfangen, das Cavell mit seinen Mitteln des „moralischen Perfektionismus“ auszuhebeln versucht. Beim Lesen entsteht da öfter der Eindruck, zwei völlig unterschiedliche Moralphilosophen redeten aneinander vorbei. Als seien ihre Interessen zu weit voneinander entfernt, um sich ernsthaft gegenseitig kritisieren zu können. Aber solche vermeintlichen Unvereinbarkeiten prägen die Wirklichkeit – etwa in dem, was jemand privat denkt und beruflich tut, was er anderen empfiehlt und wie er selber handelt…
Cavells Resumé ist einfach: Die Auseinandersetzung über „richtig“ und „falsch“ hört nie auf. Selbst wenn die Gesellschaft nach Regeln geordnet wäre, wie sie Rawls vorschweben, könnte keiner der Beteiligten einer Diskussion mit den Worten entgehen, „über jeden Tadel erhaben“ zu sein. Es gibt keine noch so perfekte Regulierung, die aus der persönlichen Verantwortung entlässt und Zweifel über das eigene Tun, die eigenen Privilegien und Lebensumstände überflüssig macht. Spinnt man diesen Gedanken weiter, müsste die Schlussfolgerung heißen: Es kann keine Theorie der Gerechtigkeit geben, wenn es zu ihrem Wesen gehört, die Lage ständig neu einzuschätzen. Zumindest ist es dann nicht möglich, einfach einer Prämisse zu folgen, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun.

Gesetze oder „Spielregeln“ sollen a la Rawls die größtmögliche Gerechtigkeit bewirken. Wie von einem neutralen Beobachter ersonnen. Oder von Spielern, bevor sie wissen, welche Stärken und Schwächen beide Mannschaften haben, ob es einen Heimvorteil gibt oder nicht. Die gesellschaftlichen „Mitspieler“ sollen in einer Welt leben, die sie sich ausgesucht hätten, wenn ihnen ihre eigenen Fähigkeiten, Beziehungen und Güter unbekannt wären.  Nach Cavell wären in dieser Welt die moralischen Fragen und Probleme aber keineswegs gelöst. Ebenso wenig wie für die vier Kanuten in James Dickeys „Flussfahrt“. Sie fechten den Konflikt zwischen den beiden philosophischen Haltungen blutig aus. Dieser Krimi eignet sich besonders gut zur Illustration, weil die Protagonisten die Regeln ihrer Gesellschaft im Kopf haben und sie akzeptieren. Das Geschehen auf dem Fluss zwingt sie aber zu einer beständigen Auseinandersetzung damit. Immer wieder entscheiden sie sich gegen die allgemein geltenden staatlichen und moralischen Gesetze. Gleichzeitig kommen sie aber nicht auf die Idee, diese Gesetze umstürzen oder reformieren zu wollen. Die Männer sind im Grunde Cavellsche Helden, indem sie zeigen, wo eine Gesellschaft trotz zufriedenstellender Normen unvollkommen, verlogen, eigensüchtig ist. Danach finden die Überlebenden wieder ihr kleines Glück  – Depression und Freude sieht auch Cavell als Gradmesser für eine Gesellschaft und ihre Moral.