Montag, 10. Oktober 2011

James Dickeys "Flussfahrt" und die Moral


Stanley Cavell rätselt wie gesagt selbst darüber, wie lebensnah Kants moralische Maximen eigentlich sind. Stellt man Moralphilosophien, die er in „Cities of Words“ beschreibt, dem Roman „Flussfahrt“ von James Dickey gegenüber, drängt sich die Frage auf: Ähneln diese Gedankengebäude nicht den Theorien über die Entstehung des Universums? Schlüssig, teilweise belegbar, aber niemals deckungsgleich mit der Erfahrung.
Ein Grund dafür scheint zu sein, dass Moraltheorien es auf eine ganzheitliche Gerechtigkeit anlegen. Auf ein ideales Gesellschaftssystem. In dem gerechte Strukturen und staatliche Einrichtungen perfekt mit dem gerecht handelnden Einzelnen zusammenspielen. Die Allgemeinheit und das Individuum werden von den gleichen Maximen oder moralischen Ideen durchdrungen. Sollte eine staatliche Ordnung diesen Ideen nicht mehr entsprechen, haben die Individuen das Recht zur Rebellion.
Die vier Kanuten der „Flussfahrt“ rebellieren auf ihre Weise. Nachdem sie sich gegen gemeingefährliche Bösewichter zur Wehr setzten, vertrauen sie sich aus Angst vor Unrecht niemandem an. Vielmehr lassen sie den Körper des ausgeschalteten Übeltäters verschwinden. Sie vertuschen die Tat als seien sie Mörder und stellen sich damit gegen die gesetzliche Ordnung.
Dabei glauben sie gar nicht, in einem Unrechtsstaat zu leben. Ihre Überlegungen sind einfach und leicht nachzuvollziehen – für einen Moraltheoretiker jedoch schwer in einer philosophischen Diskussion unterzubringen, die Widersprüche auflösen will. 
Am ehesten lassen sich die Konflikte der „Flussfahrt“ mit Cavells Mitteln des „Moralischen Perfektionismus“ begreifen.

Kantianische Maximen machen sich die Protagonisten am wenigsten zur Richtschnur. Denn sonst hätten sie die Tötung des ersten Bösewichtes nicht geheimgehalten. Und hätten den zweiten nicht auf die beschriebene Weise ins Jenseits befördert. Denn dabei bleibt fraglich, ob es sich um eine Notwehr-Situation handelte und ob er gar verwechselt wurde.
Gleichwohl darf Kant in Gestalt des armen Drew kurz mitreden. Drew plädiert einige Zeit leidenschaftlich dafür, sich den allgemeinen Werten von Recht und moderner Gesellschaft zu unterwerfen. Als er später überstimmt wird, folgt er prinzipientreu dem Votum und hilft gegen seine Überzeugung den anderen Kanuten.

Am ehesten handeln die Männer nach den Prinzipen des Utilitarismus, der nach dem größtmöglichen Nutzeffekt einer Handlung fragt. (Nur Drew nicht, der ja keinen Nutzen darin sieht und nur wegen seiner kantianischen Auffassung dem Utilitarismus dient…)
Erlaubt ist, was am meisten Glück und am wenigsten Schmerz verspricht. Dieser Maßstab gilt aber nur für die Kanuten selbst, für niemanden sonst. Also auch nicht für die Gesellschaft, für die Utilitaristen wie Mill ihre Moraltheorien eigentlich gezimmert haben.
Die Kanuten stehen also in Konflikt mit der Gesellschaft, obwohl sie sie eigentlich akzeptieren. Sie wollen sich keiner gesellschaftlichen Instanz offenbaren, denn:
- Sie fürchten Scherereien und Ärger. Selbst wenn sie zum Schluss Recht bekommen würden, könnte die Offenbarung der Ereignisse unangenehme Folgen haben und ihnen schaden. Diese Argumente sind moralphilosophisch am leichtesten zu entkräften.
- Sie fürchten korrupte Beamte und falsche Zeugenaussagen. Hier spielt eine Rolle, dass sich die Städter auf dem Land, in der Wildnis befinden, wo – das wird gleich zu Anfang beschrieben – andere und wenig vertrauenerweckende Regeln gelten. Im Kantischen Sinne wäre dies wohl kein Grund, sich dem Konflikt nicht zu stellen. Im Gegenteil, es ginge darum, für sein Recht zu kämpfen und Missstände aufzudecken.
- Sie sind sich nicht sicher, ob sie wirklich völlig im Recht sind, bzw. dies selbst einem fairen Beobachter von außen so erscheinen würde. Immerhin wurde dem ersten Täter von hinten in den Rücken geschossen und der zweite wurde vorbeugend und „auf Verdacht“ ausgeschaltet. Hier wäre die moralphilosophische Interpretation wiederum eindeutig – gerade wegen ihrer Zweifel müssten sich die Männer einer Untersuchung stellen. Sie selbst allerdings fühlen sich im Großen und Ganzen im Recht. Wenn sie an ihren Handlungen zweifeln, dann weniger aus der Furcht, moralisch-gesellschaftlich falsch gehandelt zu haben, sondern aus Angst vor Entdeckung. Vielleicht wäre der erste Übeltäter auch anders auszuschalten gewesen. Aber nachdem, was er ihnen angetan hat und angesichts der extremen Bedrohung, die von ihm und seinem Kumpan ausging, spürt keiner ein schlechtes Gewissen. Schwierig wird es nur, die eigenen Erlebnisse und Motive der Gesellschaft und ihren Institutionen verständlich zu machen. Und sie dazu zu bewegen, das Verhalten der Kanuten ebenso zu akzeptieren, wie diese selbst es tun.

Wie gehen Moralphilosophen damit um, wenn es ein Zutrauen in ein Rechtssystem gibt, aber nicht in die Kommunikation? Und wenn berechtigte Zweifel darin bestehen, dass Vertreter einer an sich fairen Ordnung nicht unbedingt ihr entsprechend handeln?
Das größte Problem liegt hier: Dem ersten Verbrecher hätte nicht unbedingt in den Rücken geschossen werden müssen. Wäre es von vorne geschehen, wäre eine Situation der Selbstverteidigung eindeutiger gewesen. Die Männer wissen aber, dass sie sich selbst verteidigt haben und sind froh, sich von dem Bösewicht befreit haben zu können. Sollen sie sich trotzdem aus moralisch-gesellschaftlicher Prinzipientreue einem Verfahren stellen, dass möglicherweise zu ihrem Nachteil ausfällt?
Der „moralische Perfektionismus“ sucht nicht nach Antworten auf solche Fragen, obwohl er sie für wichtig hält. Ihm geht es darum, in Gespräch und Auseinandersetzung herauszufinden, wie ein Mensch sich innerhalb der Gesellschaft ortet. Wie er mit ihr harmoniert und divergiert, wie er und die Mitmenschen zusammenspielen und sich in einer Gemeinschaft erkennen, deren Verbesserung in Angriff genommen werden kann. Die Auseinandersetzung beleuchtet die eigenen Fehler und Wünsche ebenso wie die Unvollkommenheit und erstrebenswerte Veränderung der Umwelt. Hieraus könnte eine Inspiration entspringen. Soweit kommt es bei der „Flussfahrt“ nicht. Die Abenteurer ziehen sich wieder in ihr Privatleben zurück. Die Erlebnisse haben sie gezeichnet, aber nur noch stärker in ihrem biedemeierlichen Alltag verhaftet. Von Fluchtinstinkten keine Spur mehr. Moralphilosophie, wie sie donnernd aus den Werken Immanuel Kants, John Lockes, John Stuart Mills und auch Stanley Cavells dröhnt, wirkt am Ende der Flussfahrt seltsam fern der Realität. Wie der Versuch, den Sternenhimmel zu ordnen, indem man Planquadrate auf die Fensterscheibe malt. Oder wie die Highwaybrücken, die am Schluss über dem Fluss auftauchen. Sie kündigen die Rückkehr in die Zivilisation an, die aber nach der Lektüre fragil und trügerisch erscheint

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Die Rätsel von James Dickeys "Flussfahrt"


James Dickeys Roman „Flussfahrt“ hat seit seinem Erscheinen viele begeisterte Kritiken und Kommentare erhalten. Ich stieß durch Dieter Paul Rudolphs Seite Watching the detectives auf den Krimi, der jetzt neu auf Deutsch erschienen ist. Die Schönheit und Gewalt eines Flusses beschreibt Dickey so eindringlich, dass ich seit der Lektüre keinen Wasserlauf mehr ohne Gedanken an die Lektüre betrachten kann. Vier Hobby-Kanuten erleben auf dem Strom die Brutalität der Natur und des Menschen – auch ihre eigene. Die Überlebenden haben nach dem grausigen Abenteuer bekommen, was sie sich wünschten: Eine Erfahrung fern von ihrer Alltagswelt, die sie zu anderen Menschen macht. Was auf dem Fluss geschah, vermag ein für alle Mal die Sehnsucht nach Spannung und tiefgehenden Erlebnissen zu verkehren in die Dankbarkeit, einen banalen Alltag führen zu dürfen.
Die vier Hauptfiguren haben während ihrer Flussfahrt einige lebenswichtige Entscheidungen zu treffen und es ist interessant zu sehen, inwiefern sie nach Grundsätzen handeln, die auch in Cavells „Cities of Words“ vorgestellt werden. Sie verfolgen unausgesprochen bestimmte Moralphilosophien, wofür ihnen die Wildnis andere Möglichkeiten lässt, als es die Großstadt täte. Aber es tauchen im Gewebe des Plots auch ganz handgreifliche Fragen auf. Zusammenhänge und Rätsel, die beim Lesen spontan irritieren. Nicht einfach aus Pedanterie, denn beim Lesen nagt es an der perfekten Illusion, die bei der Romanlektüre gleichbedeutend mit dem Gefühl der Wahrhaftigkeit sein kann. Der Kern des Buches bleibt unbeschadet, doch der Genuss ist nicht mehr ungetrübt. Beispiele:

Zwei bösartige Hinterweltler stellen in „Flussfahrt“ den Kanuten nach. In äußerster Not gelingt es, den Fieslingen das Handwerk zu legen, wobei einer der beiden sein Leben lässt. Die Kanuten nehmen große Mühen auf sich, den Unbekannten fern des Ufers im Wald zu verbuddeln. Obwohl sie in Notwehr handelten, wollen sie die Tat aus Angst vor falschen Anschuldigungen und anderen Problemen vertuschen.
Nachdem auf die Kanuten dann im Wildwasser geschossen und einer von ihnen (Drew) vom Fluss mitgerissen wird, verbringen die Überlebenden die Nacht am Ufer. Der Ich-Erzähler glaubt, der unsichtbare Schütze warte mit angelegter Flinte auf dem Steilkliff, um ihnen im Morgengrauen den Garaus machen. Er will den Mann aufspüren, ihm zuvorkommen.

Dem Ich-Erzähler Ed gelingt es unter großen Anstrengungen und Lebensgefahr, dass hohe Steilkliff zu erklimmen. Eine der aufregendsten Szenen des Buches, wobei sich gerade deshalb die Frage stellt: Woher weiß er, dass diese Mühe auch nur einen Schweißtropfen wert ist? Der Schütze könnte sich genauso gut auf dem unerreichbaren anderen Ufer verstecken.  
Laut dem Plan von Ed sollen die beiden anderen Kanuten im ersten Morgenlicht weiterfahren, denn dann könne der Schütze sie nicht treffen. Warum nimmt er dann diese halsbrecherische und ungewisse Kraxelei auf sich? Sollte er nicht besser den beiden beistehen, von denen einer schwer verletzt ist?

Dem Erzähler gelingt es tatsächlich, den Schützen zu stellen und mit einem Pfeil tödlich zu treffen.

Wieso wird die Leiche des zweiten Hinterwäldlers nun einfach im Fluss versenkt? Vielleicht weil sich die Situation extrem zugespitzt hat und Ed die Kräfte fehlen? Zweifelhaft. Immerhin seilt er sich verletzt mit seinem Opfer vom Steilufer zum Wasser ab und müsste es gemeinsam mit dem gesunden Kanu-Kumpel Bobby auch schaffen, einen besseren Ort für den Toten zu finden.

Die gebeutelten Abenteurer paddeln weiter und entdecken wenig später die Leiche ihres in die Fluten gestürzten Kanugefährten Drew im Fluss. Und rätseln, ob er wirklich erschossen wurde. Er könnte auch bloß von einem Streifschuss getroffen worden sein. Ihn versenken sie ebenfalls im Wasser.

Warum kommen die Abenteurer nicht auf die Idee, Drew an Ort und Stelle zu lassen oder mitzunehmen? Indem sie den Körper des verstorbenen Freundes mit Steinen beschwert dem Fluss übergeben, nehmen die Männer ein fremdes Verbrechen indirekt auf sich. Sie führen es gewissermaßen zu Ende. Hintergedanke der Überlebenden scheint zu sein: Käme heraus, dass auf Drew geschossen wurde, würde eventuell nach dem Schützen gesucht. Nun aber gibt es die Hoffnung, dass niemand jemals mehr nach ihm und seinem Kompagnon fragt.
Ist diese Motivation nicht angesichts der sonstigen, feinverästelten Überlegungen übertrieben naiv? Wäre es nicht besser gewesen, sich selbst als Opfer eines Verrückten darzustellen, der auch die beiden Vermissten auf dem Gewissen haben könnte? Zu bedenken ist auch: Lange Zeit mussten die Überlebenden damit rechnen, dass ihr verstorbener Freund nicht von ihnen, sondern von anderen geborgen werden würde. Angesichts dieser Tatsache haben sie bisher geplant und gehandelt. Was hat sich jetzt plötzlich geändert? Ist es nicht ein unverhältnismäßig hohes Risiko, ihren Freund einfach im Fluss zu versenken, obwohl sie seinen Tod auf keinen Fall vertuschen können? Nach ihm wird auf jeden Fall im Fluss gesucht werden. Und bei seiner Entdeckung wären die Männer dringend tatverdächtig.

In der Tat gehen die Spekulationen der Kanuten später nicht auf. Das hätte sich ja jeder denken können! Die Polizei startet eine aufwändige Suchaktion am Fluss. Da wird klar, wie richtig es war, den ersten Toten im Dschungel zu begraben. Der Fluss ist eine eindeutige Spur, der Suchmannschaften bloß folgen müssen ­– wenn sie nicht fündig werden, ist dies reine Glücksache.

Haken oder nicht Haken ist die Frage. Als Autor hätte ich über einige Probleme weiter nachgegrübelt, wenn sie mir bewusst wären. Als Leser würde ich sagen: Einem Roman tut es gut, ihn mit der Wirklichkeit zu verwechseln, oder aber so gebannt von ihm zu sein, als sei er eine Wirklichkeit. Dies passiert mir umso eher, je weniger Verschraubungen ich erkennen kann.

Montag, 3. Oktober 2011

Lachhafter Kitsch oder tiefer Ausdruck?


Wie bei Kant fällt auch bei Cavell auf, dass er Dinge beschreibt und sogar oft mit großem Aufwand beleuchtet, die man eigentlich schon weiß. Seine Interpretationen von zwei Schlüsselszenen in „It Happened One Night“ liegen „eigentlich“ auf der Hand. Müsste nicht jeder Zuschauer des Filmes sofort selbst darauf kommen? Doch auch Cavell brauchte Jahre, um sich einen Reim auf die zweite Szene zu machen –  unter ihre Oberfläche zu schauen. Unter der Oberfläche mag alles offensichtlich sein, die Kunst liegt wohl darin, sie als Oberfläche zu erkennen.
In der ersten der beiden Szenen verbringen die beiden nicht liierten Hauptfiguren – gespielt von Claudette Colbert und Clark Gable – die Nacht aus Angst vor Entdeckung auf freiem Feld in romantischer Landschaft. Die Hinwendung beider zueinander wird angedeutet. Der Mann nimmt später indirekt Bezug auf diese Nacht, indem er mit ekstatischen Worten von einer fernen Insel schwärmt, auf der eine Art Unschuld und Einheit von Mensch und Natur möglich sei. Er glaube nicht, eine Frau zu finden, die diesen Ort ebenso zu schätzen wisse wie er. Worte, mit denen er das Herz seiner Begleiterin augenblicklich erobert.
Später sehen wir die beiden am frühen Morgen auf einer einsamen Landstraße, um einen Wagen anzuhalten. Während sie ins Ungewisse wandern, meint Colbert sinngemäß, das Wandern (hitch) habe sie ja inzwischen kennengelernt. Wie es denn nun mit dem Anhalten (hike) stünde. Der verbale und visuelle Gehalt dieser Szene erschien Cavell lange Zeit zu leer, um sie begreifen zu können. Sie lässt sich nach seiner Meinung nur richtig verstehen, wenn sie im Lichte der Ideen und Gefühle aus der romantisch-ekstatischen Nachtszene betrachtet wird. Die beiden folgen „on the road“ ihrer Sehnsucht nach einer  anderen Welt. Ihr fortwandernden Gestalten – wie man sie sonst eher am Beginn und nicht wie hier in der Mitte von Filmen beobachtet – zeigen, dass eine Ära in ihrem Leben abgeschlossen ist und eine neue beginnt. Und während am Schluss manch anderer Komödien Mann und Frau symbolhaft erstarren (z.B. zu einem Foto), womit ihre gemeinsame Zukunft angedeutet werden soll, bedeutet auch das gemeinsame, sich vom Zuschauer entfernende Fortgehen eine Art Eheschließung – aber eine, die sich dem Abenteuer, der Sehnsucht und Transzendenz verschreibt. Cavell bemüht weitere Indizien für seine These, räumt aber ein, dass nicht jedem Rezipienten – zumal beim ersten Zuschauen – eine solche Deutung in den Sinn kommen müsste. Clark Gables poetische Verzückung sei im Grunde genommen reiner Kitsch, würde sie nicht im Zusammenhang wahrgenommen. In Cavells Seminaren brächten Gables Worte regelmäßig Studenten zum Lachen. Stanley Cavell beharrt aber darauf, dass vermeintlich banale oder funktionale Szenen oft eine tiefe, vom Urheber auch intendierte Gefühlswelt oder Idee bemänteln.
Er stößt hier in einen Bereich vor, der für Autoren zu den heikelsten gehört. Denn die Gefühle und Motive literarischer Figuren lassen sich oft nicht von ihren Handlungen und einer speziellen Situation trennen. Nur die Einheit aus Gefühl, Gedanken, Ort und Handlung macht das Geschehen wesentlich.
Für sich genommen sind die Elemente banal und wirken möglicherweise kitschig. Wer ihren Zusammenhang nicht erkennt, zuckt zwangsläufig mit den Schultern, wenn ihm vorgeführt wird, wie jemand über eine Straße geht oder sich die Haare frisiert. Nicht wahrgenommen wird eine gewisse Emphase, ein Unterton in den Darstellungen, die an die Stelle von Erklärungen treten. Die Seele der Figur ergibt sich aus einer zarten Welt aus Dingen und Aktionen. In beständig erneuerten Phänomenen, die ihr Leben verleihen, statt in einer Beschreibung von oben herab.  
Wenn der Rezipient dies alles nicht erkennt und nachfühlt, mag der Autor daran Schuld sein. Im Fall von Frank Capras „It Happened One Night“ eine interessante Frage: Warum brauchte Stanley Cavell so lange, um sich eine Meinung über die Straßenszene zu bilden? Der Regisseur kann ja eigentlich nicht bezweckt haben, das Verständnis absichtlich zu behindern.
Womöglich hat er es aber auch nicht befördert, da es ihm um einen  atmosphärischen Subtext ging, der sich nicht in erster Linie der Ratio erschließen soll.