Freitag, 30. September 2011

Gewichtige und nebulöse Worte


Im Falle von „Adam´s Rib“ mit Spencer Tracy und Katharine Hepburn hebt Stanley Cavell zum Beispiel hervor, dass die beiden Hauptfiguren per Zeitung vom Kriminalfall erfahren, der dann die Ereignisse ins Rollen bringt: Eine Frau versuchte ihren untreuen Mann umzubringen. Katharine Hepburn ist Rechtsanwältin und Spencer Tracy  Staatsanwalt. Wenig später wird sie die Täterin vor Gericht verteidigen, während er die Anklage übernommen hat.
Für Cavell offenbart die Zeitungsszene: Damit Menschen intensiv an einem Ereignis teilhaben, braucht es nicht auf komplizierte oder unmittelbare Weise in ihr Leben eingeführt zu werden. Es genügt eine bloße Zeitungsnachricht, deren Inhalt für die Leser eigentlich bloß so real ist wie die Zeitung selbst. An der Glaubwürdigkeit wird in keinem Moment gezweifelt. Die Auseinandersetzung der Leser verliefe kaum anderes, wenn es weitere Belege für den Fall gäbe.  Hier sieht Cavell einen interessanten Hinweis darauf, welche Philosophie wir in der alltäglichen Kommunikation eigentlich anwenden. Nämlich die, Wort und Wirklichkeit stark in Übereinstimmung zu bringen, sofern keine offensichtlichen Widersprüche auftauchen.
Wir gehen also eher – oder lieber – davon aus, nicht angelogen zu werden? Sprachlicher Ausdruck besitzt für uns etwas Gesetzmäßiges und wir vertrauen ihm ähnlich „blind“ wie einer Straßenverkehrsordnung, solange die Ampeln von „Rot“ auf „Grün“ schalten? Oder nehmen die Hauptfiguren den Artikel aus ganz anderen Gründen sofort ernst – weil sie in vielen Jahren die Erfahrung machten, dass auf ihre Abo-Zeitung Verlass ist? Cavells Assoziationen und philosophischen Nebenwege haben oft etwas Hauchzartes.  Mal entsteht  plastisch eine neue Idee, mal verwischt sich alles, je länger man darüber nachdenkt. Und dies liegt natürlich auch am Leser.  Ein besonders starkes Beispiel ist seine Deutung zweier aufeinanderfolgender Szenen in der US-Komödie „It happened one night“  (1934) von Regisseur Frank Capra. Denn Cavell hatte, wie er schreibt, selbst lange Schwierigkeiten, ihren „Sinn“ zu entdecken…

Dienstag, 27. September 2011

Cities of Words: Welt aus doppelten Böden


Stanley Cavell deutet in seinem 2004 erschienenen, im weitesten Sinne moralphilosophischem Werk Cities of Words  Hollywood-Klassiker wie „Die Nacht vor der Hochzeit“, „Adams Rib“ oder „It Happened one Night“ überaus originell. Verblüfft folgt man den akribischen und hochfliegenden Versuchen des Autors, in den Filmen eine philosophische Parallelwelt zu erkunden. Sein Ausgangspunkt ist griffig, nahezu banal. Einige Filme – der Philosoph nennt sie „Wiederverheiratungskomödien“ – zeigen, wie ein Paar aufgrund verschiedener Probleme die Alltäglichkeit seines Zusammenlebens infrage stellt, auflöst und neu begründet. Wie es den Konflikt nutzt, einander neu zu entdecken, um eine wahrhaftigere und bessere Partnerschaft zu entwickeln. Eine Art dialektischer Diskurs. Cavell nennt es nicht so, erkennt aber im Verhalten der Protagonisten philosophische Relevanz. Und zwar nicht einfach nur platt im Sinne einer Darstellung, wie Kommunikation produktiv funktionieren kann. Sondern darüber hinaus, wie sie ein Ideal befördern und Menschen glücklich machen kann. Die Filme bilden den Ausgangspunkt für die Erörterung verschiedener Philosophien, angefangen mit den Gedankengebäuden von Emerson, Locke und Mill.
Cavell schätzt die logischen Sprachtheoretiker wie Wittgenstein und Austin. Und zugleich die „idealistischen“ Jäger nach verborgenen Schätzen in uns selbst wie Emerson und Thoreau. Seine eigene Philosophie erscheint wie eine Mixtur aus akribischer Analyse und Theorien über die Möglichkeit, tiefe Sehnsüchte zu verwirklichen, auf umfassende Weise der Mensch zu sein, zu dem man bestimmt ist. Dies aber gleichzeitig in einer gerechten, diskutierenden Gesellschaft, für die man die eigenen Antriebe hinterfragt, für die man auf vernünftige Weise Kompromisse macht, dazulernt und über sich hinauswächst.
Dies versucht Cavell auch bei seiner Beschäftigung mit Filmen herauszuarbeiten – so weit, so gut und auch etwas banal. Gerade in Filmen wird ja gerne eine Art höhere Moral ins Auge gefasst. In jedem X-beliebigem Reißer, jeder durchschnittlichen Vorabendserie stößt man auf Motive wie: „Mensch stellt sich gegen die allgemeine Konvention, hat deshalb viele Nachteile, ist aber zum Schluss der wahre Sieger". Unentwegt führt Cavell solche und ähnliche Modelle vor Augen, die er aus den Streifen entnimmt. So what? Faszinierend sind seine mäandernden Gedankengänge weil sie immer wieder  blitzartig Zusammenhänge erhüllen – ob in Bezug auf die Philosophie oder auf das „reale Leben“ – und trotz mancher unbefriedigender Passagen inspirieren. Mitunter erscheinen Cavells Worte wie ein Strom aus Gequatsche und subjektiver Deuteleien. Doch immer wieder schafft er es, den Strom in Form und zu einem interessanten Abschluss zu bringen. ´
Erstaunlich sind wie gesagt seine Interpretationen. Festhalten! Viele kennen und hassen das aus dem Deutschunterricht oder Germanistikseminar. Alles soll einen tieferen Sinn haben. Ob die Hauptfigur Eier mit Speck isst oder lieber die Fensterläden öffnet.  Sie darf keine Bedürfnisse haben, ohne dass ungemein wichtige Botschaften darin erkennt werden, mit denen uns der Autor angeblich die Welt und seine Ansichten über das Leben mitteilen will. Wie öde, aus einem Roman ein verkapptes Sachbuch machen zu wollen!
Stanley Cavells Interpretationen fallen auf den ersten Blick extremer aus, als es jede Lektion im Deutschunterricht sein könnte. Die Autoren der Filme können niemals all das im Sinn gehabt haben, was Cavell aufspürt, sondern wollten wahrscheinlich oft einfach nur den Plot vorantreiben. Doch darum geht es natürlich nicht. Stanley Cavell ist kein Deutschlehrer.  Es geht nicht nur darum, was der Autor eines Buches, Filmes etc.  zum Ausdruck bringen wollte. Genauso wichtig ist, dass er es tut. Er ist Werkzeug von Ideen und Wirklichkeiten, die ihm überhaupt nicht bewusst sein müssen…

Mittwoch, 21. September 2011

Die schlimmsten Fragen

 Kant und Cavell berühren einige der schlimmsten Fragen, die Menschen sich selbst stellen können:
„Wie würde ich in jener Situation handeln?“
und
„Warum handle ich wie ich handle?“
Eine „gute“ Tat kann für den Handelnden schlimmer sein als eine „schlechte.“
Angenommen er hilft einem Kranken. Vielleicht bereitet er ihm nur deshalb eine Tasse Kamillentee, weil eine Belohnung sicher ist. Dann handelt er also in Wahrheit aus Habgier. Angenommen aber, er überlässt die Krankenpflege anderen, weil ihn der Patient nicht interessiert…womöglich sogar, obwohl er von der Belohnung weiß. Dann hat der Handelnde für sich „reiner“ entschieden. Zumindest nicht verlogen.

Es gibt eine weitere Schwierigkeit bei der Beurteilung des eigenen Handelns. Der Mensch handelt moralisch pflichtbewusst oft nur, weil er einer Konvention folgt. Nicht aus innerer Überzeugung. Am liebsten wäre es Kant, wir würden weder aufgrund eines Herdentriebes, noch aufgrund rein persönlicher Motive und Gefühle das Richtige tun. Nein, wir sollten aufgrund von Maximen handeln, die unsere Vernunft als notwendig erkannt hat. Etwa nach der Regel, dass unser Tun einer allgemeinen Richtschnur folgen muss. Indem wir uns zum Beispiel fragen: Wäre es richtig, wenn jeder auf dieselbe Weise handeln würde wie ich? Z.B. Kranken nur aus Habgier helfen?
Im Gegensatz zu den Utilitaristen interessieren Kant die Umstände einer Handlung – ihr Geist und Charakter – ebenso sehr wie ihre Wirkung. Ob ich dem Kranken aus wahrer Menschenliebe oder aus Habgier helfe, beschleunigt zwar in jedem Fall die Genesung. Im zweiten Fall wäre das Verhalten nach Kant jedoch moralphilosophisch wertlos. Und er geht noch viel weiter. „Gute“ Taten sind nicht bloß dann fragwürdig, wenn sie wegen eigennütziger Motive geschehen. Kant sieht es ebenfalls nicht gern, wenn sie aufgrund von Rührung, Mitgefühl oder anderen Stimmungslagen und Neigungen vollführt werden.
Nur die vernünftige Einsicht in die Notwendigkeit dient der Moral wirklich und macht sie von Willkür, Launen und Zufällen unabhängig.
Stanley Cavell wendet in „Cities of Words“ ein, dass kaum jemand einem Freund deshalb hilft, weil er oder sie zuvor über eine abstrakte Maxime nachgrübelte. Selbstverständlich leiten Emotionen und persönliche Motive das Engagement. Es deswegen als weniger „gut“ zu bezeichnen, sei im Grunde vermessen.
Tatsächlich unternimmt Kant ja aber auch nicht den Versuch einer psychologischen Bewertung, sondern einer philosophischen Grundlegung von Moral. Selbstverständlich handeln viele Menschen „gut“ und bewundernswert, ohne Kants Philosophie zu kennen. Diese aber versucht im Meer der Antriebe einen festen Halt für die Moral zu finden, der nicht von individuellen Erfahrungen abhängt. Sie versucht zu beantworten, wo der letzte Griff ist, an dem wir uns festhalten können. Anders gesagt: Wenn uns Zweifel überfluten und jeder alltägliche Halt weggespült wird durch die Naturgewalt der Gedanken – gibt es dann trotzdem einen Damm, der widersteht?
Von hier ist es nicht weit zur Frage, was die Identität eines Menschen ausmacht. Wie er sein Selbst ohne Täuschungen und Lüge entfalten kann.  Immanuel Kant ist für Stanley Cavell eine mächtige Instanz bei der Suche nach einem „reinen“ Bewusstsein. Mit sich im Reinen sein. Wer die „Kritik der reinen Vernunft“ gelesen hat, kennt Kants inspirierenden Drang, keiner Selbsttäuschung aufzusitzen. In „Cities of Words“ geht es um mehr – darum, ein selbstbestimmtes und würdiges Leben zu führen. Wie der Weg dorthin aussehen kann, zeigen nach Cavells Meinung Filmklassiker aus Hollywood…

Dienstag, 20. September 2011

Kants Imperativ und Stanley Cavells Perfektionismus


In Stanley Cavells Gedankenwelt einzutauchen, löst widersprüchliche Gefühle aus. Er schätzt einen labyrinthischen Satzbau mit vielen Einschüben. Begriffe und Erklärungen werden von ihm gerne ganz genau dargelegt und relativiert. Man erfährt, welcher Aggregatzustand eines Arguments ihm mehr als ein anderer vorschwebt. Das sorgt nicht immer für mehr Klarheit. In der Verästelung der Verästelungen ist mitunter intuitives Verstehen zur Orientierung nötig. Es kommt auch ab und zu der Verdacht auf, Cavell seien seine eigenen Thesen nicht ganz greifbar. Als seien seine Sprache und seine Argumentationslinien ein Ausdruck davon, einen wolkigen Gegenstand einfangen zu wollen. Wahrlich philosophisch an Cavells „Cities of Words“ ist  aber, dass sich sein Vorgehen letztlich auszahlt. Im Strom der sich vortastenden, abirrenden Satzkonstruktionen beginnt der Leser, selbst zu denken. Und wenn nur, um zu prüfen, wie ernst Cavell zu nehmen ist. Seine Gedanken richten ihre Sensoren in alle möglichen Richtungen und so auch die Synapsen des Lesers, der sich wie in schwirrenden Bewegungen den Thesen des Philosophen nähert. Wie hochkarätig manche von Cavells Gedankengänge sind, macht mitunter erst das wiederholte Lesen deutlich. Und selbst falls manches unbestimmt bleibt: Am Ende eines Kapitels spürt man den Weg, den man gegangen ist. Vielleicht wurde nicht jeder Aspekt der Landschaft bewusst wahrgenommen, doch es ist ein Ziel erreicht, das die Reise wert war: Man steht mit Haut und Haar an einem neuen Ort.
Komplex und vieldeutig schreibt Cavell, wenn er sich seiner eigenen Philosophie des „moralischen Perfektionismus“ widmet. Viel handfester und in brillianter Präzision deutet er die Gedankengebäude anderer. So Kants Metaphysik der Sitten und dessen vieldiskutierte Vorstellung, eine moralisch gute Handlung sei dann am wertvollsten, wenn sie kaltblütig erfolgt…

Freitag, 16. September 2011

Immanuel Kant und Stanley Cavell

Die Philosophie Kants ist einfach und schwierig. Sie liegt auf der Hand und scheint doch der Alltagserfahrung zu widersprechen. Beim Lesen wächst der Eindruck, der Königsberger Philosoph vermittle kaum zu widerlegende, grundlegende Einsichten. Nach einiger Zeit ohne Beschäftigung mit seinen Werken kann jedoch das Gefühl entstehen, seine Philosophie nur in nebulösen Umrissen zu kennen – oder gar, sie sei nebulös. Die Wiederentdeckung ist immer wieder aufregend. In seinem Buch „Cities of Words“ befasst sich der US-Philosoph Stanley Cavell in einem in mehrfacher Hinsicht interessanten Kapitel mit Kant. Interessant unter anderem, weil er dessen Erkenntnistheorie griffig umreißt und Kants berühmteste Frage einfach erklärt: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“
Wer sich auf die Straße stellt und diese Frage – die den Ausgangspunkt von Kants Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ bildet –Passanten stellt, wird wohl hauptsächlich Kopfschütteln ernten. Was aber so kompliziert und abgehoben klingt, ist etwas –wie alle gute Philosophie –, was man eigentlich bereits weiß und von Cavell auf einfache Weise in Erinnerung gerufen bekommt: Analytische Urteile stützen sich nicht auf Erfahrung, weil sie etwas aussagen, was in ihrem Gegenstand schon enthalten ist. Etwa: In einem Haus ist Raum.
Die Umkehr dieses Urteils würde einen Widerspruch in sich bedeuten: Ein Haus ist ohne Raum. 
Synthetische Urteile fügen dem Gegenstand der Aussage hingegen etwas hinzu, was ihn nicht von vornherein kennzeichnet. Zum Beispiel: Das Haus ist blau. Sie befördern anders als die analytischen eine neue Erkenntnis und sind deshalb für die Metaphysik am wertvollsten. Aber wie ist ein Zugewinn an Erkenntnis möglich, ohne die Erfahrung bemühen zu müssen?  Aussagen wie Jedes Ereignis hat eine Ursache oder auch  Rechenaufgaben wie 7+5=12 beweisen die Existenz synthetischer Urteile a priori in den Bereichen Physik und Mathematik. Nun gilt es herauszufinden, ob sie auch innerhalb der Metaphysik möglich sind. Eines wird sofort klar: Angebliche Beweise von der Unendlichkeit des Alls, der Unsterblichkeit der Seele oder der Existenz Gottes, die von Kants Berufskollegen vorgetragen wurden, sind keine synthetischen Urteile a priori und damit metaphysische Makulatur…

Freitag, 9. September 2011

Ed Lacy oder Post aus Schweden


Zwei große Pakete aus Schweden trafen ein. Denn eine 81-jährige Verwandte löst ihr Ferienhaus in Värmland auf. Nachdem sie über Jahrzehnte jeden Sommer 1000 Kilometer zurücklegte, um zur einsamen Holzhütte mitten im Wald zu gelangen, ist es Zeit für andere Ziele. Die Taschenbuchsammlung mit Krimiklassikern, die in langen schwedischen Winternächten seit 1970 für Unterhaltung sorgten, kamen per Post zu mir.
So Ed Lacys, „Zahlbar in Mord“ in einer Goldmann-Ausgabe. Ed Lacy veröffentlichte den Roman unter dem Titel „Enter without Desire“ im Jahr 1954. Er starb 1968 mit 56 Jahren an einem Herzinfarkt.
Ein seltsames Werk. Beginnend mit einem Prolog in Kursiv, der mich das Buch erst einmal im Gefühl zur Seite legen ließ, ich hätte einen X- beliebigen „Groschenkrimi“ in Händen. Ein großer Irrtum. Obwohl das Intro auf lediglich einer Seite die Mordabsichten des Ich-Erzählers schildert, stellt sich danach bald die Frage, ob man es hier überhaupt mit einem Krimi zu tun hat. Erzählt wird die Geschichte eines erfolglosen Bildhauers, der sich in eine einsame Hütte zurückzieht und bei eisiger Kälte den letzten Tag des Jahres erlebt. Seine niederschmetternde Situation verleitet Marsh Jameson zum Ausbruchsversuch gen New York: Ein junger Erfolgsmensch nimmt ihn per Anhalter mit und der Held gerät in eine Wissensshow a la „Wer wird Millionär“. Die gab es also auch schon in der amerikanischen Nachkriegszeit und wenn man den Schilderungen folgt, weitaus phantasievoller als die heute populären Urenkel des Formats.
Marsh Jameson muss sich beim Gewinnspiel mit einer wildfremden Partnerin zusammentun und damit gerät sein Leben in eine neue Umlaufbahn. Mit vereinten Kräften raten sich die beiden zum Hauptgewinn und verlieben sich. Das Geld reicht allerdings nicht bis zur Rente, sondern beschert nur einige materiell sorgenfreie Monate, in denen das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Ed Lacys Roman besitzt eine eigenwillige Architektur. Er häutet sich wie eine Zwiebel: Hat man sich in eine Welt eingelesen, taucht überraschend eine neue auf. In größeren Abständen sind kurze, kursiv gedruckte Passagen eingestreut, die von der Planung und Durchführung eines Gewaltverbrechens berichten und die Neugierde anheizen. In diesen Passagen spielt sich gewissermaßen die Gegenwart des Romans ab. Die größeren Erzähllinien berichten von ihrer Vorgeschichte, ihren Ursachen. Über die Folgen erfährt der Leser zum Schluss wieder im kursiven Epilog.
Die Vorgeschichte beginnt also beim fröstelnden Bildhauer, der unverhofft zu Liebe und Geld kommt. Sie hat allerdings ebenfalls eine Vorgeschichte. Die schweren Jugendjahre des Helden, seine Erlebnisse in Europa während der Kriegs- und Nachkriegszeit, sowie seine späteren Versuche, sich als Werbegraphiker in New York durchzuschlagen, werden so ausführlich berichtet, als habe ein neuer Roman begonnen. In Paris erlernt Marsh Jameson auf skurrile Weise die Bildhauerei von einem Altmeister – es wird sich noch auszahlen, dass er diese Kunst gegen alle Wiederstände beharrlich verfolgt. Die Beschreibungen des New Yorker Agenturbetriebs in den 30er Jahren wirken echt empfunden und sind unterhaltsam.
Allmählich nähern wir uns wieder der Geschichte, die auf den Quizgewinn folgt: Marsh lebt mit Quizpartnerin Elma in einem Haus am Meer und die innige Liebe der beiden scheint unverbrüchlich. Marsh vergöttert seine Geliebte, ist großherzig und verkörpert eine Art idealistische Leidenschaftlichkeit. Von Elma lasst sich Ähnliches sagen. Doch es ziehen Probleme herauf. 
Dass der Leser einen Krimi in der Hand hält, erfährt er wie gesagt lange Zeit nur durch die kurzen Zwischentexte. Und lange verwirrt es, den sympathischen Helden hier mit einer Waffe in der Hand zu erleben. Ed Lacy gelingt der Spagat: Die Haupthandlung nähert sich melodramatisch dem Verbrechen, dessen tragikkomischer Verlauf durch die vorgreifenden Einsprengsel schon lange vorher bekannt ist. Die Liebesidylle gerät in Gefahr, weil Elma von ihrem Ex-Mann geschwängert wurde, bevor sie Marsh kennenlernte. Das wäre noch kein Problem, im Gegenteil – der Bildhauer freut sich unbändig, ein Vater für Elmas Kind zu sein. Aber gesellschaftliche und politische Zwänge entfalten eine verhängnisvolle Wirkung. Beide Partner treffen einsame Entscheidungen, die ihr so felsenfest geglaubtes Glück in den Abgrund treibt.
Ed Lacys Plot ist unglaubwürdig und glaubwürdig zugleich. Alltägliche Sorgen, Hoffnungen und Alltagsbeschreiungen wechseln mit märchenhaften Wendungen, die die Geschichte voranbringen. Manche Episoden scheinen dem Bedürfnis des Autors geschuldet, in der Verpackung eines Krimis sein Leben zu erzählen. Doch das macht er gut und findet die dramatische Kurve. Über die Wandlung des Helden vom liebenswerten Künstler zum Mörder lässt sich streiten. Ein größerer Roman hätte sie besser gelöst. Aber Lacys Können reicht aus, um die Ereignisse zu akzeptieren. 
Ein guter Krimi mit Schwächen, die ihren Sinn haben – sie machen ihn authentisch und originell.

François Mauriac: "Fleisch und Blut"

Wie gut war der Wein-Jahrgang in der Gegend um Toulenne, südlich von Bordeaux, 1914? Claude, eine Hauptfigur in François Mauriacs Roman „Fleisch und Blut“ („La chair et le sang“) prognostiziert noch vor der Ernte, er sei dem 1911er mindestens ebenbürtig. Die Handlung spielt sich zum größten Teil in südfranzösischer Weinlandschaft am Vorabend des ersten Weltkrieges ab. Hier bewirtschaftet  Claudes Vater für seinen „Herrn“ Dupont-Gunther die Reben von Chateau Lur.

Edward schaute auf die Ebene hinaus, über der die Hitze zitterte:
"Was ist das eigentlich für ein leuchtender Fleck dort unten?“
Und Claude mit einem herzlichen Lachen:
„Aber das ist doch die Garonne!“



Der Wein steht in diesem Buch nicht im Mittelpunkt, er gehört schlicht zum Alltag und Claudes Vater hat schon beim Frühstück einen halben Liter geleert.


„Die Zeitung sagt, man müsse den Weinberg einschwefeln, wenn er in der Blüte steht. Ich habe es schon vorher getan“. Er hatte ein absolutes Vertrauen in sich selbst und eine unbegrenzte Verachtung für die „Gelehrten“.


Gleichzeitig erscheint der Weinbau in Mauriacs Buch wie ein Malocher-Handwerk. Die Rebenarbeiter schuften sich ab, kämpfen gegen Frost und Schädlinge und ließen sich auch in ein Bergwerk oder in eine Fabrik versetzen. Von Romantik keine Spur, doch immer präsent und eindringlich geschildert wird das „Terroir“ an der Garonne: Mystische Morgende und Dämmerungen, brennende Sommertage und die immer wieder aufziehenden, schweren Gewitter erlebt man mit Haut und Haar.

Nobelpreisträger Mauriac (11.10. 1885 Bordeaux – 1.9. 1970 Paris) war ein „katholischer“ Autor, der sich in der Résistance gegen Nazi-Deutschland engagiert hat. Doch egal welche Leidenschaften und Weltanschauungen seine Figuren bewegen – es ist meist spannend, ihren Gedanken zu folgen. Obwohl oft nah am Klischee gezeichnet, wirken sie in sich komplex und immer wieder überraschend. Im zweiten Teil erweist Mauriac sich zudem als raffinierter Plot-Konstrukteur.
Wer die Landschaft um Bordeaux mag und sich für „Zeitzeugnisse“ der damaligen Weinproduktion interessiert, wird „Fleisch und Blut“ genießen. Die menschlichen Dramen, mal bitter wahrhaftig, mal wie in einer Seifenoper, wühlen auf.

Und noch einmal das Thema Nr. 1:

Er verbreitete sich über die Weine: Man würde 12 Flaschen Jahrgang 1906 haben.
„Und dann 1893er, es gibt kein besseres Jahr.“
Die Männer stimmten Favereau bei. Unermüdlich tauschten sie im Dialekt ihre liturgischen Sätze über den Wein aus. Sie diskutierten nicht; alle waren der gleichen Ansicht; es bestand keine Meinungsverschiedenheit über das Dogma der besten Jahrgänge.



PS: Ich habe das Buch in einem Wiener Antiquariat entdeckt, eine Ausgabe von 1949, aus dem Französischen übersetzt von Carl August Weber. Wahrscheinlich gibt es inzwischen modernere Übertragungen. Diese fand ich trotz mancher altertümlicher Ausdrücke nicht verstaubt.

Donnerstag, 8. September 2011

Beckett was here

Der irische Schriftsteller Samuel Beckett unternahm 1936/37 eine große Deutschlandreise. Zuerst fuhr er mit dem Schiff nach Hamburg, wo er die meiste Zeit verbrachte (9 Wochen). Von seinem „german diary“ erschien auch nur der Hamburger Teil in einer Auflage von 150 Exemplaren. Roswitha Quadflieg zeichnet in ihrem Buch „Beckett was here“(Hoffmann und Campe) seine Erlebnisse, Begegnungen, Trink-und Esserfahrungen in der Stadt anhand von vielen Originalzitaten, Fotos und persönlichen Recherchen nach. "Aalsuppe&Roquefort&Trittenheimer. Aalsuppe excellent but the plums perhabs a mistake… "Im Ringhaus (zum Elefanten) ate colossal lunch for 1 RM." "Then wild feier with Frau Hoppe (aus Posen) dabei Rheinpfalz&the ewige Kuchen."
Es bewegt und erschreckt, die eigene Heimatstadt durch die Augen eines Reisenden zu sehen, der lange vor der eigenen Geburt vor Ort war und Gebäude und Straßen, die ich täglich sehe, in der Nazi-Zeit kennenlernte: „H H ohne Unterlass“ … „alle Klowärter sagen Heil Hitler.“
Nach der Ankunft an den Landungsbrücken mit dem Schiff aus Cóbh war Zeit für „shave, bath, whisky“. Dann gings zum „Adolf Hitler Platz (once Ratsmarkt)“ und auf die Reeperbahn „Extraordinary, long boulevard running west with kinos, bars, cafés, dancings, etc.all along the way both sides (…)A rise to Montparnasse to nth.“Wo manchmal aber „No Stimmung“ herrscht. Gegen seinen Frust „very dull&dissapointing“ – „Pouring rain&bitter cold&dog tired“trank Beckett – der seinen ersten Roman „Murphy“ geschrieben hatte, aber von Verlagen nur Absagen erhielt „Excellent Bottle Mosel“ – oft in der Weinstube Dölle am Stephansplatz. Bei einem Besuch im Weinhaus Rheinpfalz machte er sich folgende Degustationsnotizen: „drank 5/20 litre of 1935er Duttweilerer Siederich Riesling u. Traminer, a nervous &tasteless article, &do. of 1935er Leistädter Kirchenstück Riesling Spätlese, much better (…) next time try 1934er Deidesheimer Lettler Spätlese“ – „Angenehme Stimmung“.
Die Autorin konnte noch einen Zeitzeugen aufspüren, der zur gleichen Zeit wie der spätere Nobelpreisträger in einer Pension an der Schlüterstraße logierte und abends mit ihm die Mahlzeiten einnahm. Beckett überlieferte die Gespräche mit ihm („explains all about Leicas, Vergrößerungsobjekte&Gott was was sonst“). Als der Tischnachbar von früher auf einen gewissen Beckett angesprochen wird, erinnert er sich jedoch an einen Mann, der von 1118 bis 1170 gelebt hat: Den Erzbischof von Canterbury Thomas Becket.