Montag, 21. November 2011

Mann gegen Mann am Fluß oder: Wo versteckt sich die Gerechtigkeit?


Die Moralphilosophie von Stanley Cavell hat keinen formalen, akademischen Charakter. Es geht ihr nicht um Regeln und Definitionen, sondern darum, was unsere Entscheidungen authentisch und wahrhaftig machen kann. Wie gelingt es in einer Gemeinschaft, das persönliche Empfinden für „richtig“ und „falsch“ in die Tat umzusetzen? Auf eine Weise zu leben, die wir als „richtig“ empfinden? Was etwa bedeutet: Zielen nachgehen, die einem selbst und anderen wirklich nützen, keinen Täuschungen erliegen, sich nicht auf zerstörerische Weise anpassen. Sich nicht korrumpieren lassen, aber auch andere respektieren und ihre Bedürfnisse ernst nehmen…
Diese Art von Moral – und was sie inspiriert – beschreibt Cavell. Es ist eine Moral des ständigen Prüfens und der Auseinandersetzung, sie ist emotional und erfordert von einem Menschen die Überlegung, was er ist und will. Es gibt in ihr keine „Spielregeln“ wie Cavell in seiner Auseinandersetzung mit John Rawls Klassiker „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) herausstellt. Rawls hat ein interessantes Regelwerk für moderne, aufgeklärte Gemeinschaften proklamiert. Mit Regeln erster und nachrangiger Ordnung, die wie ein Uhrwerk ineinandergreifen. So haben die Mitglieder einer Gemeinschaft Anspruch auf gleichmäßige Verteilung von Gütern. Eine ungleiche Verteilung ist jedoch dann angezeigt, wenn dadurch die am wenigsten Begünstigten profitieren.
Gerechtigkeit in eine Art naturgesetzliche Ordnung bringen, oder, besser gesagt, klare Spielregeln für eine moderne, gerechte Gesellschaft aufzustellen, ist ein faszinierendes Unterfangen, das Cavell mit seinen Mitteln des „moralischen Perfektionismus“ auszuhebeln versucht. Beim Lesen entsteht da öfter der Eindruck, zwei völlig unterschiedliche Moralphilosophen redeten aneinander vorbei. Als seien ihre Interessen zu weit voneinander entfernt, um sich ernsthaft gegenseitig kritisieren zu können. Aber solche vermeintlichen Unvereinbarkeiten prägen die Wirklichkeit – etwa in dem, was jemand privat denkt und beruflich tut, was er anderen empfiehlt und wie er selber handelt…
Cavells Resumé ist einfach: Die Auseinandersetzung über „richtig“ und „falsch“ hört nie auf. Selbst wenn die Gesellschaft nach Regeln geordnet wäre, wie sie Rawls vorschweben, könnte keiner der Beteiligten einer Diskussion mit den Worten entgehen, „über jeden Tadel erhaben“ zu sein. Es gibt keine noch so perfekte Regulierung, die aus der persönlichen Verantwortung entlässt und Zweifel über das eigene Tun, die eigenen Privilegien und Lebensumstände überflüssig macht. Spinnt man diesen Gedanken weiter, müsste die Schlussfolgerung heißen: Es kann keine Theorie der Gerechtigkeit geben, wenn es zu ihrem Wesen gehört, die Lage ständig neu einzuschätzen. Zumindest ist es dann nicht möglich, einfach einer Prämisse zu folgen, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun.

Gesetze oder „Spielregeln“ sollen a la Rawls die größtmögliche Gerechtigkeit bewirken. Wie von einem neutralen Beobachter ersonnen. Oder von Spielern, bevor sie wissen, welche Stärken und Schwächen beide Mannschaften haben, ob es einen Heimvorteil gibt oder nicht. Die gesellschaftlichen „Mitspieler“ sollen in einer Welt leben, die sie sich ausgesucht hätten, wenn ihnen ihre eigenen Fähigkeiten, Beziehungen und Güter unbekannt wären.  Nach Cavell wären in dieser Welt die moralischen Fragen und Probleme aber keineswegs gelöst. Ebenso wenig wie für die vier Kanuten in James Dickeys „Flussfahrt“. Sie fechten den Konflikt zwischen den beiden philosophischen Haltungen blutig aus. Dieser Krimi eignet sich besonders gut zur Illustration, weil die Protagonisten die Regeln ihrer Gesellschaft im Kopf haben und sie akzeptieren. Das Geschehen auf dem Fluss zwingt sie aber zu einer beständigen Auseinandersetzung damit. Immer wieder entscheiden sie sich gegen die allgemein geltenden staatlichen und moralischen Gesetze. Gleichzeitig kommen sie aber nicht auf die Idee, diese Gesetze umstürzen oder reformieren zu wollen. Die Männer sind im Grunde Cavellsche Helden, indem sie zeigen, wo eine Gesellschaft trotz zufriedenstellender Normen unvollkommen, verlogen, eigensüchtig ist. Danach finden die Überlebenden wieder ihr kleines Glück  – Depression und Freude sieht auch Cavell als Gradmesser für eine Gesellschaft und ihre Moral.   


Montag, 10. Oktober 2011

James Dickeys "Flussfahrt" und die Moral


Stanley Cavell rätselt wie gesagt selbst darüber, wie lebensnah Kants moralische Maximen eigentlich sind. Stellt man Moralphilosophien, die er in „Cities of Words“ beschreibt, dem Roman „Flussfahrt“ von James Dickey gegenüber, drängt sich die Frage auf: Ähneln diese Gedankengebäude nicht den Theorien über die Entstehung des Universums? Schlüssig, teilweise belegbar, aber niemals deckungsgleich mit der Erfahrung.
Ein Grund dafür scheint zu sein, dass Moraltheorien es auf eine ganzheitliche Gerechtigkeit anlegen. Auf ein ideales Gesellschaftssystem. In dem gerechte Strukturen und staatliche Einrichtungen perfekt mit dem gerecht handelnden Einzelnen zusammenspielen. Die Allgemeinheit und das Individuum werden von den gleichen Maximen oder moralischen Ideen durchdrungen. Sollte eine staatliche Ordnung diesen Ideen nicht mehr entsprechen, haben die Individuen das Recht zur Rebellion.
Die vier Kanuten der „Flussfahrt“ rebellieren auf ihre Weise. Nachdem sie sich gegen gemeingefährliche Bösewichter zur Wehr setzten, vertrauen sie sich aus Angst vor Unrecht niemandem an. Vielmehr lassen sie den Körper des ausgeschalteten Übeltäters verschwinden. Sie vertuschen die Tat als seien sie Mörder und stellen sich damit gegen die gesetzliche Ordnung.
Dabei glauben sie gar nicht, in einem Unrechtsstaat zu leben. Ihre Überlegungen sind einfach und leicht nachzuvollziehen – für einen Moraltheoretiker jedoch schwer in einer philosophischen Diskussion unterzubringen, die Widersprüche auflösen will. 
Am ehesten lassen sich die Konflikte der „Flussfahrt“ mit Cavells Mitteln des „Moralischen Perfektionismus“ begreifen.

Kantianische Maximen machen sich die Protagonisten am wenigsten zur Richtschnur. Denn sonst hätten sie die Tötung des ersten Bösewichtes nicht geheimgehalten. Und hätten den zweiten nicht auf die beschriebene Weise ins Jenseits befördert. Denn dabei bleibt fraglich, ob es sich um eine Notwehr-Situation handelte und ob er gar verwechselt wurde.
Gleichwohl darf Kant in Gestalt des armen Drew kurz mitreden. Drew plädiert einige Zeit leidenschaftlich dafür, sich den allgemeinen Werten von Recht und moderner Gesellschaft zu unterwerfen. Als er später überstimmt wird, folgt er prinzipientreu dem Votum und hilft gegen seine Überzeugung den anderen Kanuten.

Am ehesten handeln die Männer nach den Prinzipen des Utilitarismus, der nach dem größtmöglichen Nutzeffekt einer Handlung fragt. (Nur Drew nicht, der ja keinen Nutzen darin sieht und nur wegen seiner kantianischen Auffassung dem Utilitarismus dient…)
Erlaubt ist, was am meisten Glück und am wenigsten Schmerz verspricht. Dieser Maßstab gilt aber nur für die Kanuten selbst, für niemanden sonst. Also auch nicht für die Gesellschaft, für die Utilitaristen wie Mill ihre Moraltheorien eigentlich gezimmert haben.
Die Kanuten stehen also in Konflikt mit der Gesellschaft, obwohl sie sie eigentlich akzeptieren. Sie wollen sich keiner gesellschaftlichen Instanz offenbaren, denn:
- Sie fürchten Scherereien und Ärger. Selbst wenn sie zum Schluss Recht bekommen würden, könnte die Offenbarung der Ereignisse unangenehme Folgen haben und ihnen schaden. Diese Argumente sind moralphilosophisch am leichtesten zu entkräften.
- Sie fürchten korrupte Beamte und falsche Zeugenaussagen. Hier spielt eine Rolle, dass sich die Städter auf dem Land, in der Wildnis befinden, wo – das wird gleich zu Anfang beschrieben – andere und wenig vertrauenerweckende Regeln gelten. Im Kantischen Sinne wäre dies wohl kein Grund, sich dem Konflikt nicht zu stellen. Im Gegenteil, es ginge darum, für sein Recht zu kämpfen und Missstände aufzudecken.
- Sie sind sich nicht sicher, ob sie wirklich völlig im Recht sind, bzw. dies selbst einem fairen Beobachter von außen so erscheinen würde. Immerhin wurde dem ersten Täter von hinten in den Rücken geschossen und der zweite wurde vorbeugend und „auf Verdacht“ ausgeschaltet. Hier wäre die moralphilosophische Interpretation wiederum eindeutig – gerade wegen ihrer Zweifel müssten sich die Männer einer Untersuchung stellen. Sie selbst allerdings fühlen sich im Großen und Ganzen im Recht. Wenn sie an ihren Handlungen zweifeln, dann weniger aus der Furcht, moralisch-gesellschaftlich falsch gehandelt zu haben, sondern aus Angst vor Entdeckung. Vielleicht wäre der erste Übeltäter auch anders auszuschalten gewesen. Aber nachdem, was er ihnen angetan hat und angesichts der extremen Bedrohung, die von ihm und seinem Kumpan ausging, spürt keiner ein schlechtes Gewissen. Schwierig wird es nur, die eigenen Erlebnisse und Motive der Gesellschaft und ihren Institutionen verständlich zu machen. Und sie dazu zu bewegen, das Verhalten der Kanuten ebenso zu akzeptieren, wie diese selbst es tun.

Wie gehen Moralphilosophen damit um, wenn es ein Zutrauen in ein Rechtssystem gibt, aber nicht in die Kommunikation? Und wenn berechtigte Zweifel darin bestehen, dass Vertreter einer an sich fairen Ordnung nicht unbedingt ihr entsprechend handeln?
Das größte Problem liegt hier: Dem ersten Verbrecher hätte nicht unbedingt in den Rücken geschossen werden müssen. Wäre es von vorne geschehen, wäre eine Situation der Selbstverteidigung eindeutiger gewesen. Die Männer wissen aber, dass sie sich selbst verteidigt haben und sind froh, sich von dem Bösewicht befreit haben zu können. Sollen sie sich trotzdem aus moralisch-gesellschaftlicher Prinzipientreue einem Verfahren stellen, dass möglicherweise zu ihrem Nachteil ausfällt?
Der „moralische Perfektionismus“ sucht nicht nach Antworten auf solche Fragen, obwohl er sie für wichtig hält. Ihm geht es darum, in Gespräch und Auseinandersetzung herauszufinden, wie ein Mensch sich innerhalb der Gesellschaft ortet. Wie er mit ihr harmoniert und divergiert, wie er und die Mitmenschen zusammenspielen und sich in einer Gemeinschaft erkennen, deren Verbesserung in Angriff genommen werden kann. Die Auseinandersetzung beleuchtet die eigenen Fehler und Wünsche ebenso wie die Unvollkommenheit und erstrebenswerte Veränderung der Umwelt. Hieraus könnte eine Inspiration entspringen. Soweit kommt es bei der „Flussfahrt“ nicht. Die Abenteurer ziehen sich wieder in ihr Privatleben zurück. Die Erlebnisse haben sie gezeichnet, aber nur noch stärker in ihrem biedemeierlichen Alltag verhaftet. Von Fluchtinstinkten keine Spur mehr. Moralphilosophie, wie sie donnernd aus den Werken Immanuel Kants, John Lockes, John Stuart Mills und auch Stanley Cavells dröhnt, wirkt am Ende der Flussfahrt seltsam fern der Realität. Wie der Versuch, den Sternenhimmel zu ordnen, indem man Planquadrate auf die Fensterscheibe malt. Oder wie die Highwaybrücken, die am Schluss über dem Fluss auftauchen. Sie kündigen die Rückkehr in die Zivilisation an, die aber nach der Lektüre fragil und trügerisch erscheint

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Die Rätsel von James Dickeys "Flussfahrt"


James Dickeys Roman „Flussfahrt“ hat seit seinem Erscheinen viele begeisterte Kritiken und Kommentare erhalten. Ich stieß durch Dieter Paul Rudolphs Seite Watching the detectives auf den Krimi, der jetzt neu auf Deutsch erschienen ist. Die Schönheit und Gewalt eines Flusses beschreibt Dickey so eindringlich, dass ich seit der Lektüre keinen Wasserlauf mehr ohne Gedanken an die Lektüre betrachten kann. Vier Hobby-Kanuten erleben auf dem Strom die Brutalität der Natur und des Menschen – auch ihre eigene. Die Überlebenden haben nach dem grausigen Abenteuer bekommen, was sie sich wünschten: Eine Erfahrung fern von ihrer Alltagswelt, die sie zu anderen Menschen macht. Was auf dem Fluss geschah, vermag ein für alle Mal die Sehnsucht nach Spannung und tiefgehenden Erlebnissen zu verkehren in die Dankbarkeit, einen banalen Alltag führen zu dürfen.
Die vier Hauptfiguren haben während ihrer Flussfahrt einige lebenswichtige Entscheidungen zu treffen und es ist interessant zu sehen, inwiefern sie nach Grundsätzen handeln, die auch in Cavells „Cities of Words“ vorgestellt werden. Sie verfolgen unausgesprochen bestimmte Moralphilosophien, wofür ihnen die Wildnis andere Möglichkeiten lässt, als es die Großstadt täte. Aber es tauchen im Gewebe des Plots auch ganz handgreifliche Fragen auf. Zusammenhänge und Rätsel, die beim Lesen spontan irritieren. Nicht einfach aus Pedanterie, denn beim Lesen nagt es an der perfekten Illusion, die bei der Romanlektüre gleichbedeutend mit dem Gefühl der Wahrhaftigkeit sein kann. Der Kern des Buches bleibt unbeschadet, doch der Genuss ist nicht mehr ungetrübt. Beispiele:

Zwei bösartige Hinterweltler stellen in „Flussfahrt“ den Kanuten nach. In äußerster Not gelingt es, den Fieslingen das Handwerk zu legen, wobei einer der beiden sein Leben lässt. Die Kanuten nehmen große Mühen auf sich, den Unbekannten fern des Ufers im Wald zu verbuddeln. Obwohl sie in Notwehr handelten, wollen sie die Tat aus Angst vor falschen Anschuldigungen und anderen Problemen vertuschen.
Nachdem auf die Kanuten dann im Wildwasser geschossen und einer von ihnen (Drew) vom Fluss mitgerissen wird, verbringen die Überlebenden die Nacht am Ufer. Der Ich-Erzähler glaubt, der unsichtbare Schütze warte mit angelegter Flinte auf dem Steilkliff, um ihnen im Morgengrauen den Garaus machen. Er will den Mann aufspüren, ihm zuvorkommen.

Dem Ich-Erzähler Ed gelingt es unter großen Anstrengungen und Lebensgefahr, dass hohe Steilkliff zu erklimmen. Eine der aufregendsten Szenen des Buches, wobei sich gerade deshalb die Frage stellt: Woher weiß er, dass diese Mühe auch nur einen Schweißtropfen wert ist? Der Schütze könnte sich genauso gut auf dem unerreichbaren anderen Ufer verstecken.  
Laut dem Plan von Ed sollen die beiden anderen Kanuten im ersten Morgenlicht weiterfahren, denn dann könne der Schütze sie nicht treffen. Warum nimmt er dann diese halsbrecherische und ungewisse Kraxelei auf sich? Sollte er nicht besser den beiden beistehen, von denen einer schwer verletzt ist?

Dem Erzähler gelingt es tatsächlich, den Schützen zu stellen und mit einem Pfeil tödlich zu treffen.

Wieso wird die Leiche des zweiten Hinterwäldlers nun einfach im Fluss versenkt? Vielleicht weil sich die Situation extrem zugespitzt hat und Ed die Kräfte fehlen? Zweifelhaft. Immerhin seilt er sich verletzt mit seinem Opfer vom Steilufer zum Wasser ab und müsste es gemeinsam mit dem gesunden Kanu-Kumpel Bobby auch schaffen, einen besseren Ort für den Toten zu finden.

Die gebeutelten Abenteurer paddeln weiter und entdecken wenig später die Leiche ihres in die Fluten gestürzten Kanugefährten Drew im Fluss. Und rätseln, ob er wirklich erschossen wurde. Er könnte auch bloß von einem Streifschuss getroffen worden sein. Ihn versenken sie ebenfalls im Wasser.

Warum kommen die Abenteurer nicht auf die Idee, Drew an Ort und Stelle zu lassen oder mitzunehmen? Indem sie den Körper des verstorbenen Freundes mit Steinen beschwert dem Fluss übergeben, nehmen die Männer ein fremdes Verbrechen indirekt auf sich. Sie führen es gewissermaßen zu Ende. Hintergedanke der Überlebenden scheint zu sein: Käme heraus, dass auf Drew geschossen wurde, würde eventuell nach dem Schützen gesucht. Nun aber gibt es die Hoffnung, dass niemand jemals mehr nach ihm und seinem Kompagnon fragt.
Ist diese Motivation nicht angesichts der sonstigen, feinverästelten Überlegungen übertrieben naiv? Wäre es nicht besser gewesen, sich selbst als Opfer eines Verrückten darzustellen, der auch die beiden Vermissten auf dem Gewissen haben könnte? Zu bedenken ist auch: Lange Zeit mussten die Überlebenden damit rechnen, dass ihr verstorbener Freund nicht von ihnen, sondern von anderen geborgen werden würde. Angesichts dieser Tatsache haben sie bisher geplant und gehandelt. Was hat sich jetzt plötzlich geändert? Ist es nicht ein unverhältnismäßig hohes Risiko, ihren Freund einfach im Fluss zu versenken, obwohl sie seinen Tod auf keinen Fall vertuschen können? Nach ihm wird auf jeden Fall im Fluss gesucht werden. Und bei seiner Entdeckung wären die Männer dringend tatverdächtig.

In der Tat gehen die Spekulationen der Kanuten später nicht auf. Das hätte sich ja jeder denken können! Die Polizei startet eine aufwändige Suchaktion am Fluss. Da wird klar, wie richtig es war, den ersten Toten im Dschungel zu begraben. Der Fluss ist eine eindeutige Spur, der Suchmannschaften bloß folgen müssen ­– wenn sie nicht fündig werden, ist dies reine Glücksache.

Haken oder nicht Haken ist die Frage. Als Autor hätte ich über einige Probleme weiter nachgegrübelt, wenn sie mir bewusst wären. Als Leser würde ich sagen: Einem Roman tut es gut, ihn mit der Wirklichkeit zu verwechseln, oder aber so gebannt von ihm zu sein, als sei er eine Wirklichkeit. Dies passiert mir umso eher, je weniger Verschraubungen ich erkennen kann.

Montag, 3. Oktober 2011

Lachhafter Kitsch oder tiefer Ausdruck?


Wie bei Kant fällt auch bei Cavell auf, dass er Dinge beschreibt und sogar oft mit großem Aufwand beleuchtet, die man eigentlich schon weiß. Seine Interpretationen von zwei Schlüsselszenen in „It Happened One Night“ liegen „eigentlich“ auf der Hand. Müsste nicht jeder Zuschauer des Filmes sofort selbst darauf kommen? Doch auch Cavell brauchte Jahre, um sich einen Reim auf die zweite Szene zu machen –  unter ihre Oberfläche zu schauen. Unter der Oberfläche mag alles offensichtlich sein, die Kunst liegt wohl darin, sie als Oberfläche zu erkennen.
In der ersten der beiden Szenen verbringen die beiden nicht liierten Hauptfiguren – gespielt von Claudette Colbert und Clark Gable – die Nacht aus Angst vor Entdeckung auf freiem Feld in romantischer Landschaft. Die Hinwendung beider zueinander wird angedeutet. Der Mann nimmt später indirekt Bezug auf diese Nacht, indem er mit ekstatischen Worten von einer fernen Insel schwärmt, auf der eine Art Unschuld und Einheit von Mensch und Natur möglich sei. Er glaube nicht, eine Frau zu finden, die diesen Ort ebenso zu schätzen wisse wie er. Worte, mit denen er das Herz seiner Begleiterin augenblicklich erobert.
Später sehen wir die beiden am frühen Morgen auf einer einsamen Landstraße, um einen Wagen anzuhalten. Während sie ins Ungewisse wandern, meint Colbert sinngemäß, das Wandern (hitch) habe sie ja inzwischen kennengelernt. Wie es denn nun mit dem Anhalten (hike) stünde. Der verbale und visuelle Gehalt dieser Szene erschien Cavell lange Zeit zu leer, um sie begreifen zu können. Sie lässt sich nach seiner Meinung nur richtig verstehen, wenn sie im Lichte der Ideen und Gefühle aus der romantisch-ekstatischen Nachtszene betrachtet wird. Die beiden folgen „on the road“ ihrer Sehnsucht nach einer  anderen Welt. Ihr fortwandernden Gestalten – wie man sie sonst eher am Beginn und nicht wie hier in der Mitte von Filmen beobachtet – zeigen, dass eine Ära in ihrem Leben abgeschlossen ist und eine neue beginnt. Und während am Schluss manch anderer Komödien Mann und Frau symbolhaft erstarren (z.B. zu einem Foto), womit ihre gemeinsame Zukunft angedeutet werden soll, bedeutet auch das gemeinsame, sich vom Zuschauer entfernende Fortgehen eine Art Eheschließung – aber eine, die sich dem Abenteuer, der Sehnsucht und Transzendenz verschreibt. Cavell bemüht weitere Indizien für seine These, räumt aber ein, dass nicht jedem Rezipienten – zumal beim ersten Zuschauen – eine solche Deutung in den Sinn kommen müsste. Clark Gables poetische Verzückung sei im Grunde genommen reiner Kitsch, würde sie nicht im Zusammenhang wahrgenommen. In Cavells Seminaren brächten Gables Worte regelmäßig Studenten zum Lachen. Stanley Cavell beharrt aber darauf, dass vermeintlich banale oder funktionale Szenen oft eine tiefe, vom Urheber auch intendierte Gefühlswelt oder Idee bemänteln.
Er stößt hier in einen Bereich vor, der für Autoren zu den heikelsten gehört. Denn die Gefühle und Motive literarischer Figuren lassen sich oft nicht von ihren Handlungen und einer speziellen Situation trennen. Nur die Einheit aus Gefühl, Gedanken, Ort und Handlung macht das Geschehen wesentlich.
Für sich genommen sind die Elemente banal und wirken möglicherweise kitschig. Wer ihren Zusammenhang nicht erkennt, zuckt zwangsläufig mit den Schultern, wenn ihm vorgeführt wird, wie jemand über eine Straße geht oder sich die Haare frisiert. Nicht wahrgenommen wird eine gewisse Emphase, ein Unterton in den Darstellungen, die an die Stelle von Erklärungen treten. Die Seele der Figur ergibt sich aus einer zarten Welt aus Dingen und Aktionen. In beständig erneuerten Phänomenen, die ihr Leben verleihen, statt in einer Beschreibung von oben herab.  
Wenn der Rezipient dies alles nicht erkennt und nachfühlt, mag der Autor daran Schuld sein. Im Fall von Frank Capras „It Happened One Night“ eine interessante Frage: Warum brauchte Stanley Cavell so lange, um sich eine Meinung über die Straßenszene zu bilden? Der Regisseur kann ja eigentlich nicht bezweckt haben, das Verständnis absichtlich zu behindern.
Womöglich hat er es aber auch nicht befördert, da es ihm um einen  atmosphärischen Subtext ging, der sich nicht in erster Linie der Ratio erschließen soll.

Freitag, 30. September 2011

Gewichtige und nebulöse Worte


Im Falle von „Adam´s Rib“ mit Spencer Tracy und Katharine Hepburn hebt Stanley Cavell zum Beispiel hervor, dass die beiden Hauptfiguren per Zeitung vom Kriminalfall erfahren, der dann die Ereignisse ins Rollen bringt: Eine Frau versuchte ihren untreuen Mann umzubringen. Katharine Hepburn ist Rechtsanwältin und Spencer Tracy  Staatsanwalt. Wenig später wird sie die Täterin vor Gericht verteidigen, während er die Anklage übernommen hat.
Für Cavell offenbart die Zeitungsszene: Damit Menschen intensiv an einem Ereignis teilhaben, braucht es nicht auf komplizierte oder unmittelbare Weise in ihr Leben eingeführt zu werden. Es genügt eine bloße Zeitungsnachricht, deren Inhalt für die Leser eigentlich bloß so real ist wie die Zeitung selbst. An der Glaubwürdigkeit wird in keinem Moment gezweifelt. Die Auseinandersetzung der Leser verliefe kaum anderes, wenn es weitere Belege für den Fall gäbe.  Hier sieht Cavell einen interessanten Hinweis darauf, welche Philosophie wir in der alltäglichen Kommunikation eigentlich anwenden. Nämlich die, Wort und Wirklichkeit stark in Übereinstimmung zu bringen, sofern keine offensichtlichen Widersprüche auftauchen.
Wir gehen also eher – oder lieber – davon aus, nicht angelogen zu werden? Sprachlicher Ausdruck besitzt für uns etwas Gesetzmäßiges und wir vertrauen ihm ähnlich „blind“ wie einer Straßenverkehrsordnung, solange die Ampeln von „Rot“ auf „Grün“ schalten? Oder nehmen die Hauptfiguren den Artikel aus ganz anderen Gründen sofort ernst – weil sie in vielen Jahren die Erfahrung machten, dass auf ihre Abo-Zeitung Verlass ist? Cavells Assoziationen und philosophischen Nebenwege haben oft etwas Hauchzartes.  Mal entsteht  plastisch eine neue Idee, mal verwischt sich alles, je länger man darüber nachdenkt. Und dies liegt natürlich auch am Leser.  Ein besonders starkes Beispiel ist seine Deutung zweier aufeinanderfolgender Szenen in der US-Komödie „It happened one night“  (1934) von Regisseur Frank Capra. Denn Cavell hatte, wie er schreibt, selbst lange Schwierigkeiten, ihren „Sinn“ zu entdecken…

Dienstag, 27. September 2011

Cities of Words: Welt aus doppelten Böden


Stanley Cavell deutet in seinem 2004 erschienenen, im weitesten Sinne moralphilosophischem Werk Cities of Words  Hollywood-Klassiker wie „Die Nacht vor der Hochzeit“, „Adams Rib“ oder „It Happened one Night“ überaus originell. Verblüfft folgt man den akribischen und hochfliegenden Versuchen des Autors, in den Filmen eine philosophische Parallelwelt zu erkunden. Sein Ausgangspunkt ist griffig, nahezu banal. Einige Filme – der Philosoph nennt sie „Wiederverheiratungskomödien“ – zeigen, wie ein Paar aufgrund verschiedener Probleme die Alltäglichkeit seines Zusammenlebens infrage stellt, auflöst und neu begründet. Wie es den Konflikt nutzt, einander neu zu entdecken, um eine wahrhaftigere und bessere Partnerschaft zu entwickeln. Eine Art dialektischer Diskurs. Cavell nennt es nicht so, erkennt aber im Verhalten der Protagonisten philosophische Relevanz. Und zwar nicht einfach nur platt im Sinne einer Darstellung, wie Kommunikation produktiv funktionieren kann. Sondern darüber hinaus, wie sie ein Ideal befördern und Menschen glücklich machen kann. Die Filme bilden den Ausgangspunkt für die Erörterung verschiedener Philosophien, angefangen mit den Gedankengebäuden von Emerson, Locke und Mill.
Cavell schätzt die logischen Sprachtheoretiker wie Wittgenstein und Austin. Und zugleich die „idealistischen“ Jäger nach verborgenen Schätzen in uns selbst wie Emerson und Thoreau. Seine eigene Philosophie erscheint wie eine Mixtur aus akribischer Analyse und Theorien über die Möglichkeit, tiefe Sehnsüchte zu verwirklichen, auf umfassende Weise der Mensch zu sein, zu dem man bestimmt ist. Dies aber gleichzeitig in einer gerechten, diskutierenden Gesellschaft, für die man die eigenen Antriebe hinterfragt, für die man auf vernünftige Weise Kompromisse macht, dazulernt und über sich hinauswächst.
Dies versucht Cavell auch bei seiner Beschäftigung mit Filmen herauszuarbeiten – so weit, so gut und auch etwas banal. Gerade in Filmen wird ja gerne eine Art höhere Moral ins Auge gefasst. In jedem X-beliebigem Reißer, jeder durchschnittlichen Vorabendserie stößt man auf Motive wie: „Mensch stellt sich gegen die allgemeine Konvention, hat deshalb viele Nachteile, ist aber zum Schluss der wahre Sieger". Unentwegt führt Cavell solche und ähnliche Modelle vor Augen, die er aus den Streifen entnimmt. So what? Faszinierend sind seine mäandernden Gedankengänge weil sie immer wieder  blitzartig Zusammenhänge erhüllen – ob in Bezug auf die Philosophie oder auf das „reale Leben“ – und trotz mancher unbefriedigender Passagen inspirieren. Mitunter erscheinen Cavells Worte wie ein Strom aus Gequatsche und subjektiver Deuteleien. Doch immer wieder schafft er es, den Strom in Form und zu einem interessanten Abschluss zu bringen. ´
Erstaunlich sind wie gesagt seine Interpretationen. Festhalten! Viele kennen und hassen das aus dem Deutschunterricht oder Germanistikseminar. Alles soll einen tieferen Sinn haben. Ob die Hauptfigur Eier mit Speck isst oder lieber die Fensterläden öffnet.  Sie darf keine Bedürfnisse haben, ohne dass ungemein wichtige Botschaften darin erkennt werden, mit denen uns der Autor angeblich die Welt und seine Ansichten über das Leben mitteilen will. Wie öde, aus einem Roman ein verkapptes Sachbuch machen zu wollen!
Stanley Cavells Interpretationen fallen auf den ersten Blick extremer aus, als es jede Lektion im Deutschunterricht sein könnte. Die Autoren der Filme können niemals all das im Sinn gehabt haben, was Cavell aufspürt, sondern wollten wahrscheinlich oft einfach nur den Plot vorantreiben. Doch darum geht es natürlich nicht. Stanley Cavell ist kein Deutschlehrer.  Es geht nicht nur darum, was der Autor eines Buches, Filmes etc.  zum Ausdruck bringen wollte. Genauso wichtig ist, dass er es tut. Er ist Werkzeug von Ideen und Wirklichkeiten, die ihm überhaupt nicht bewusst sein müssen…

Mittwoch, 21. September 2011

Die schlimmsten Fragen

 Kant und Cavell berühren einige der schlimmsten Fragen, die Menschen sich selbst stellen können:
„Wie würde ich in jener Situation handeln?“
und
„Warum handle ich wie ich handle?“
Eine „gute“ Tat kann für den Handelnden schlimmer sein als eine „schlechte.“
Angenommen er hilft einem Kranken. Vielleicht bereitet er ihm nur deshalb eine Tasse Kamillentee, weil eine Belohnung sicher ist. Dann handelt er also in Wahrheit aus Habgier. Angenommen aber, er überlässt die Krankenpflege anderen, weil ihn der Patient nicht interessiert…womöglich sogar, obwohl er von der Belohnung weiß. Dann hat der Handelnde für sich „reiner“ entschieden. Zumindest nicht verlogen.

Es gibt eine weitere Schwierigkeit bei der Beurteilung des eigenen Handelns. Der Mensch handelt moralisch pflichtbewusst oft nur, weil er einer Konvention folgt. Nicht aus innerer Überzeugung. Am liebsten wäre es Kant, wir würden weder aufgrund eines Herdentriebes, noch aufgrund rein persönlicher Motive und Gefühle das Richtige tun. Nein, wir sollten aufgrund von Maximen handeln, die unsere Vernunft als notwendig erkannt hat. Etwa nach der Regel, dass unser Tun einer allgemeinen Richtschnur folgen muss. Indem wir uns zum Beispiel fragen: Wäre es richtig, wenn jeder auf dieselbe Weise handeln würde wie ich? Z.B. Kranken nur aus Habgier helfen?
Im Gegensatz zu den Utilitaristen interessieren Kant die Umstände einer Handlung – ihr Geist und Charakter – ebenso sehr wie ihre Wirkung. Ob ich dem Kranken aus wahrer Menschenliebe oder aus Habgier helfe, beschleunigt zwar in jedem Fall die Genesung. Im zweiten Fall wäre das Verhalten nach Kant jedoch moralphilosophisch wertlos. Und er geht noch viel weiter. „Gute“ Taten sind nicht bloß dann fragwürdig, wenn sie wegen eigennütziger Motive geschehen. Kant sieht es ebenfalls nicht gern, wenn sie aufgrund von Rührung, Mitgefühl oder anderen Stimmungslagen und Neigungen vollführt werden.
Nur die vernünftige Einsicht in die Notwendigkeit dient der Moral wirklich und macht sie von Willkür, Launen und Zufällen unabhängig.
Stanley Cavell wendet in „Cities of Words“ ein, dass kaum jemand einem Freund deshalb hilft, weil er oder sie zuvor über eine abstrakte Maxime nachgrübelte. Selbstverständlich leiten Emotionen und persönliche Motive das Engagement. Es deswegen als weniger „gut“ zu bezeichnen, sei im Grunde vermessen.
Tatsächlich unternimmt Kant ja aber auch nicht den Versuch einer psychologischen Bewertung, sondern einer philosophischen Grundlegung von Moral. Selbstverständlich handeln viele Menschen „gut“ und bewundernswert, ohne Kants Philosophie zu kennen. Diese aber versucht im Meer der Antriebe einen festen Halt für die Moral zu finden, der nicht von individuellen Erfahrungen abhängt. Sie versucht zu beantworten, wo der letzte Griff ist, an dem wir uns festhalten können. Anders gesagt: Wenn uns Zweifel überfluten und jeder alltägliche Halt weggespült wird durch die Naturgewalt der Gedanken – gibt es dann trotzdem einen Damm, der widersteht?
Von hier ist es nicht weit zur Frage, was die Identität eines Menschen ausmacht. Wie er sein Selbst ohne Täuschungen und Lüge entfalten kann.  Immanuel Kant ist für Stanley Cavell eine mächtige Instanz bei der Suche nach einem „reinen“ Bewusstsein. Mit sich im Reinen sein. Wer die „Kritik der reinen Vernunft“ gelesen hat, kennt Kants inspirierenden Drang, keiner Selbsttäuschung aufzusitzen. In „Cities of Words“ geht es um mehr – darum, ein selbstbestimmtes und würdiges Leben zu führen. Wie der Weg dorthin aussehen kann, zeigen nach Cavells Meinung Filmklassiker aus Hollywood…

Dienstag, 20. September 2011

Kants Imperativ und Stanley Cavells Perfektionismus


In Stanley Cavells Gedankenwelt einzutauchen, löst widersprüchliche Gefühle aus. Er schätzt einen labyrinthischen Satzbau mit vielen Einschüben. Begriffe und Erklärungen werden von ihm gerne ganz genau dargelegt und relativiert. Man erfährt, welcher Aggregatzustand eines Arguments ihm mehr als ein anderer vorschwebt. Das sorgt nicht immer für mehr Klarheit. In der Verästelung der Verästelungen ist mitunter intuitives Verstehen zur Orientierung nötig. Es kommt auch ab und zu der Verdacht auf, Cavell seien seine eigenen Thesen nicht ganz greifbar. Als seien seine Sprache und seine Argumentationslinien ein Ausdruck davon, einen wolkigen Gegenstand einfangen zu wollen. Wahrlich philosophisch an Cavells „Cities of Words“ ist  aber, dass sich sein Vorgehen letztlich auszahlt. Im Strom der sich vortastenden, abirrenden Satzkonstruktionen beginnt der Leser, selbst zu denken. Und wenn nur, um zu prüfen, wie ernst Cavell zu nehmen ist. Seine Gedanken richten ihre Sensoren in alle möglichen Richtungen und so auch die Synapsen des Lesers, der sich wie in schwirrenden Bewegungen den Thesen des Philosophen nähert. Wie hochkarätig manche von Cavells Gedankengänge sind, macht mitunter erst das wiederholte Lesen deutlich. Und selbst falls manches unbestimmt bleibt: Am Ende eines Kapitels spürt man den Weg, den man gegangen ist. Vielleicht wurde nicht jeder Aspekt der Landschaft bewusst wahrgenommen, doch es ist ein Ziel erreicht, das die Reise wert war: Man steht mit Haut und Haar an einem neuen Ort.
Komplex und vieldeutig schreibt Cavell, wenn er sich seiner eigenen Philosophie des „moralischen Perfektionismus“ widmet. Viel handfester und in brillianter Präzision deutet er die Gedankengebäude anderer. So Kants Metaphysik der Sitten und dessen vieldiskutierte Vorstellung, eine moralisch gute Handlung sei dann am wertvollsten, wenn sie kaltblütig erfolgt…

Freitag, 16. September 2011

Immanuel Kant und Stanley Cavell

Die Philosophie Kants ist einfach und schwierig. Sie liegt auf der Hand und scheint doch der Alltagserfahrung zu widersprechen. Beim Lesen wächst der Eindruck, der Königsberger Philosoph vermittle kaum zu widerlegende, grundlegende Einsichten. Nach einiger Zeit ohne Beschäftigung mit seinen Werken kann jedoch das Gefühl entstehen, seine Philosophie nur in nebulösen Umrissen zu kennen – oder gar, sie sei nebulös. Die Wiederentdeckung ist immer wieder aufregend. In seinem Buch „Cities of Words“ befasst sich der US-Philosoph Stanley Cavell in einem in mehrfacher Hinsicht interessanten Kapitel mit Kant. Interessant unter anderem, weil er dessen Erkenntnistheorie griffig umreißt und Kants berühmteste Frage einfach erklärt: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“
Wer sich auf die Straße stellt und diese Frage – die den Ausgangspunkt von Kants Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ bildet –Passanten stellt, wird wohl hauptsächlich Kopfschütteln ernten. Was aber so kompliziert und abgehoben klingt, ist etwas –wie alle gute Philosophie –, was man eigentlich bereits weiß und von Cavell auf einfache Weise in Erinnerung gerufen bekommt: Analytische Urteile stützen sich nicht auf Erfahrung, weil sie etwas aussagen, was in ihrem Gegenstand schon enthalten ist. Etwa: In einem Haus ist Raum.
Die Umkehr dieses Urteils würde einen Widerspruch in sich bedeuten: Ein Haus ist ohne Raum. 
Synthetische Urteile fügen dem Gegenstand der Aussage hingegen etwas hinzu, was ihn nicht von vornherein kennzeichnet. Zum Beispiel: Das Haus ist blau. Sie befördern anders als die analytischen eine neue Erkenntnis und sind deshalb für die Metaphysik am wertvollsten. Aber wie ist ein Zugewinn an Erkenntnis möglich, ohne die Erfahrung bemühen zu müssen?  Aussagen wie Jedes Ereignis hat eine Ursache oder auch  Rechenaufgaben wie 7+5=12 beweisen die Existenz synthetischer Urteile a priori in den Bereichen Physik und Mathematik. Nun gilt es herauszufinden, ob sie auch innerhalb der Metaphysik möglich sind. Eines wird sofort klar: Angebliche Beweise von der Unendlichkeit des Alls, der Unsterblichkeit der Seele oder der Existenz Gottes, die von Kants Berufskollegen vorgetragen wurden, sind keine synthetischen Urteile a priori und damit metaphysische Makulatur…

Freitag, 9. September 2011

Ed Lacy oder Post aus Schweden


Zwei große Pakete aus Schweden trafen ein. Denn eine 81-jährige Verwandte löst ihr Ferienhaus in Värmland auf. Nachdem sie über Jahrzehnte jeden Sommer 1000 Kilometer zurücklegte, um zur einsamen Holzhütte mitten im Wald zu gelangen, ist es Zeit für andere Ziele. Die Taschenbuchsammlung mit Krimiklassikern, die in langen schwedischen Winternächten seit 1970 für Unterhaltung sorgten, kamen per Post zu mir.
So Ed Lacys, „Zahlbar in Mord“ in einer Goldmann-Ausgabe. Ed Lacy veröffentlichte den Roman unter dem Titel „Enter without Desire“ im Jahr 1954. Er starb 1968 mit 56 Jahren an einem Herzinfarkt.
Ein seltsames Werk. Beginnend mit einem Prolog in Kursiv, der mich das Buch erst einmal im Gefühl zur Seite legen ließ, ich hätte einen X- beliebigen „Groschenkrimi“ in Händen. Ein großer Irrtum. Obwohl das Intro auf lediglich einer Seite die Mordabsichten des Ich-Erzählers schildert, stellt sich danach bald die Frage, ob man es hier überhaupt mit einem Krimi zu tun hat. Erzählt wird die Geschichte eines erfolglosen Bildhauers, der sich in eine einsame Hütte zurückzieht und bei eisiger Kälte den letzten Tag des Jahres erlebt. Seine niederschmetternde Situation verleitet Marsh Jameson zum Ausbruchsversuch gen New York: Ein junger Erfolgsmensch nimmt ihn per Anhalter mit und der Held gerät in eine Wissensshow a la „Wer wird Millionär“. Die gab es also auch schon in der amerikanischen Nachkriegszeit und wenn man den Schilderungen folgt, weitaus phantasievoller als die heute populären Urenkel des Formats.
Marsh Jameson muss sich beim Gewinnspiel mit einer wildfremden Partnerin zusammentun und damit gerät sein Leben in eine neue Umlaufbahn. Mit vereinten Kräften raten sich die beiden zum Hauptgewinn und verlieben sich. Das Geld reicht allerdings nicht bis zur Rente, sondern beschert nur einige materiell sorgenfreie Monate, in denen das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Ed Lacys Roman besitzt eine eigenwillige Architektur. Er häutet sich wie eine Zwiebel: Hat man sich in eine Welt eingelesen, taucht überraschend eine neue auf. In größeren Abständen sind kurze, kursiv gedruckte Passagen eingestreut, die von der Planung und Durchführung eines Gewaltverbrechens berichten und die Neugierde anheizen. In diesen Passagen spielt sich gewissermaßen die Gegenwart des Romans ab. Die größeren Erzähllinien berichten von ihrer Vorgeschichte, ihren Ursachen. Über die Folgen erfährt der Leser zum Schluss wieder im kursiven Epilog.
Die Vorgeschichte beginnt also beim fröstelnden Bildhauer, der unverhofft zu Liebe und Geld kommt. Sie hat allerdings ebenfalls eine Vorgeschichte. Die schweren Jugendjahre des Helden, seine Erlebnisse in Europa während der Kriegs- und Nachkriegszeit, sowie seine späteren Versuche, sich als Werbegraphiker in New York durchzuschlagen, werden so ausführlich berichtet, als habe ein neuer Roman begonnen. In Paris erlernt Marsh Jameson auf skurrile Weise die Bildhauerei von einem Altmeister – es wird sich noch auszahlen, dass er diese Kunst gegen alle Wiederstände beharrlich verfolgt. Die Beschreibungen des New Yorker Agenturbetriebs in den 30er Jahren wirken echt empfunden und sind unterhaltsam.
Allmählich nähern wir uns wieder der Geschichte, die auf den Quizgewinn folgt: Marsh lebt mit Quizpartnerin Elma in einem Haus am Meer und die innige Liebe der beiden scheint unverbrüchlich. Marsh vergöttert seine Geliebte, ist großherzig und verkörpert eine Art idealistische Leidenschaftlichkeit. Von Elma lasst sich Ähnliches sagen. Doch es ziehen Probleme herauf. 
Dass der Leser einen Krimi in der Hand hält, erfährt er wie gesagt lange Zeit nur durch die kurzen Zwischentexte. Und lange verwirrt es, den sympathischen Helden hier mit einer Waffe in der Hand zu erleben. Ed Lacy gelingt der Spagat: Die Haupthandlung nähert sich melodramatisch dem Verbrechen, dessen tragikkomischer Verlauf durch die vorgreifenden Einsprengsel schon lange vorher bekannt ist. Die Liebesidylle gerät in Gefahr, weil Elma von ihrem Ex-Mann geschwängert wurde, bevor sie Marsh kennenlernte. Das wäre noch kein Problem, im Gegenteil – der Bildhauer freut sich unbändig, ein Vater für Elmas Kind zu sein. Aber gesellschaftliche und politische Zwänge entfalten eine verhängnisvolle Wirkung. Beide Partner treffen einsame Entscheidungen, die ihr so felsenfest geglaubtes Glück in den Abgrund treibt.
Ed Lacys Plot ist unglaubwürdig und glaubwürdig zugleich. Alltägliche Sorgen, Hoffnungen und Alltagsbeschreiungen wechseln mit märchenhaften Wendungen, die die Geschichte voranbringen. Manche Episoden scheinen dem Bedürfnis des Autors geschuldet, in der Verpackung eines Krimis sein Leben zu erzählen. Doch das macht er gut und findet die dramatische Kurve. Über die Wandlung des Helden vom liebenswerten Künstler zum Mörder lässt sich streiten. Ein größerer Roman hätte sie besser gelöst. Aber Lacys Können reicht aus, um die Ereignisse zu akzeptieren. 
Ein guter Krimi mit Schwächen, die ihren Sinn haben – sie machen ihn authentisch und originell.

François Mauriac: "Fleisch und Blut"

Wie gut war der Wein-Jahrgang in der Gegend um Toulenne, südlich von Bordeaux, 1914? Claude, eine Hauptfigur in François Mauriacs Roman „Fleisch und Blut“ („La chair et le sang“) prognostiziert noch vor der Ernte, er sei dem 1911er mindestens ebenbürtig. Die Handlung spielt sich zum größten Teil in südfranzösischer Weinlandschaft am Vorabend des ersten Weltkrieges ab. Hier bewirtschaftet  Claudes Vater für seinen „Herrn“ Dupont-Gunther die Reben von Chateau Lur.

Edward schaute auf die Ebene hinaus, über der die Hitze zitterte:
"Was ist das eigentlich für ein leuchtender Fleck dort unten?“
Und Claude mit einem herzlichen Lachen:
„Aber das ist doch die Garonne!“



Der Wein steht in diesem Buch nicht im Mittelpunkt, er gehört schlicht zum Alltag und Claudes Vater hat schon beim Frühstück einen halben Liter geleert.


„Die Zeitung sagt, man müsse den Weinberg einschwefeln, wenn er in der Blüte steht. Ich habe es schon vorher getan“. Er hatte ein absolutes Vertrauen in sich selbst und eine unbegrenzte Verachtung für die „Gelehrten“.


Gleichzeitig erscheint der Weinbau in Mauriacs Buch wie ein Malocher-Handwerk. Die Rebenarbeiter schuften sich ab, kämpfen gegen Frost und Schädlinge und ließen sich auch in ein Bergwerk oder in eine Fabrik versetzen. Von Romantik keine Spur, doch immer präsent und eindringlich geschildert wird das „Terroir“ an der Garonne: Mystische Morgende und Dämmerungen, brennende Sommertage und die immer wieder aufziehenden, schweren Gewitter erlebt man mit Haut und Haar.

Nobelpreisträger Mauriac (11.10. 1885 Bordeaux – 1.9. 1970 Paris) war ein „katholischer“ Autor, der sich in der Résistance gegen Nazi-Deutschland engagiert hat. Doch egal welche Leidenschaften und Weltanschauungen seine Figuren bewegen – es ist meist spannend, ihren Gedanken zu folgen. Obwohl oft nah am Klischee gezeichnet, wirken sie in sich komplex und immer wieder überraschend. Im zweiten Teil erweist Mauriac sich zudem als raffinierter Plot-Konstrukteur.
Wer die Landschaft um Bordeaux mag und sich für „Zeitzeugnisse“ der damaligen Weinproduktion interessiert, wird „Fleisch und Blut“ genießen. Die menschlichen Dramen, mal bitter wahrhaftig, mal wie in einer Seifenoper, wühlen auf.

Und noch einmal das Thema Nr. 1:

Er verbreitete sich über die Weine: Man würde 12 Flaschen Jahrgang 1906 haben.
„Und dann 1893er, es gibt kein besseres Jahr.“
Die Männer stimmten Favereau bei. Unermüdlich tauschten sie im Dialekt ihre liturgischen Sätze über den Wein aus. Sie diskutierten nicht; alle waren der gleichen Ansicht; es bestand keine Meinungsverschiedenheit über das Dogma der besten Jahrgänge.



PS: Ich habe das Buch in einem Wiener Antiquariat entdeckt, eine Ausgabe von 1949, aus dem Französischen übersetzt von Carl August Weber. Wahrscheinlich gibt es inzwischen modernere Übertragungen. Diese fand ich trotz mancher altertümlicher Ausdrücke nicht verstaubt.

Donnerstag, 8. September 2011

Beckett was here

Der irische Schriftsteller Samuel Beckett unternahm 1936/37 eine große Deutschlandreise. Zuerst fuhr er mit dem Schiff nach Hamburg, wo er die meiste Zeit verbrachte (9 Wochen). Von seinem „german diary“ erschien auch nur der Hamburger Teil in einer Auflage von 150 Exemplaren. Roswitha Quadflieg zeichnet in ihrem Buch „Beckett was here“(Hoffmann und Campe) seine Erlebnisse, Begegnungen, Trink-und Esserfahrungen in der Stadt anhand von vielen Originalzitaten, Fotos und persönlichen Recherchen nach. "Aalsuppe&Roquefort&Trittenheimer. Aalsuppe excellent but the plums perhabs a mistake… "Im Ringhaus (zum Elefanten) ate colossal lunch for 1 RM." "Then wild feier with Frau Hoppe (aus Posen) dabei Rheinpfalz&the ewige Kuchen."
Es bewegt und erschreckt, die eigene Heimatstadt durch die Augen eines Reisenden zu sehen, der lange vor der eigenen Geburt vor Ort war und Gebäude und Straßen, die ich täglich sehe, in der Nazi-Zeit kennenlernte: „H H ohne Unterlass“ … „alle Klowärter sagen Heil Hitler.“
Nach der Ankunft an den Landungsbrücken mit dem Schiff aus Cóbh war Zeit für „shave, bath, whisky“. Dann gings zum „Adolf Hitler Platz (once Ratsmarkt)“ und auf die Reeperbahn „Extraordinary, long boulevard running west with kinos, bars, cafés, dancings, etc.all along the way both sides (…)A rise to Montparnasse to nth.“Wo manchmal aber „No Stimmung“ herrscht. Gegen seinen Frust „very dull&dissapointing“ – „Pouring rain&bitter cold&dog tired“trank Beckett – der seinen ersten Roman „Murphy“ geschrieben hatte, aber von Verlagen nur Absagen erhielt „Excellent Bottle Mosel“ – oft in der Weinstube Dölle am Stephansplatz. Bei einem Besuch im Weinhaus Rheinpfalz machte er sich folgende Degustationsnotizen: „drank 5/20 litre of 1935er Duttweilerer Siederich Riesling u. Traminer, a nervous &tasteless article, &do. of 1935er Leistädter Kirchenstück Riesling Spätlese, much better (…) next time try 1934er Deidesheimer Lettler Spätlese“ – „Angenehme Stimmung“.
Die Autorin konnte noch einen Zeitzeugen aufspüren, der zur gleichen Zeit wie der spätere Nobelpreisträger in einer Pension an der Schlüterstraße logierte und abends mit ihm die Mahlzeiten einnahm. Beckett überlieferte die Gespräche mit ihm („explains all about Leicas, Vergrößerungsobjekte&Gott was was sonst“). Als der Tischnachbar von früher auf einen gewissen Beckett angesprochen wird, erinnert er sich jedoch an einen Mann, der von 1118 bis 1170 gelebt hat: Den Erzbischof von Canterbury Thomas Becket.