Dienstag, 5. Juli 2016

"Moselblut" als Ebook

Ab sofort ist der Roman "Moselblut: Ein Weinkrimi" auch als Ebook auf allen gängigen Plattformen erhältlich.




Freitag, 18. März 2016

Becketttreu? WARTEN AUF GODOT im Hamburger Thalia Theater

Samuel Becketts Werk gilt vielen als hochtrabend, weil es vieldeutig ist. Bedeutungsschwer, da es keinen leicht formulierbaren Sinn ergibt. Der irische Schriftsteller (1906-1989) wollte weder das eine noch das andere, weder unverständlich noch griffig einordbar sein. Paradox oder sperrig muten seine Texte mitunter an, weil es ihm um Dichtung und nicht um Illustrationen von Argumenten und Überzeugungen ging. Verschlüsselung zum Zweck der Dechiffrierung war sein Ziel nicht. Eher, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen zu einem Kunstwerk zu formen, das eine Berechtigung und Wirksamkeit ähnlich wie die Innenwelt besitzt, aus der es entstand.  

Es gibt einige scheinbare Widersprüche in Becketts Werk. Er, der seinem Publikum keine literarischen Gleichungen aufgeben wollte und Rätsel à la "was möchte der Autor uns damit sagen?" verabscheute, neigt in seinen Texten zur Beschreibung von "absurden" Ausnahmesituationen: Menschen kriechen durch Wälder, leben in Mülltonnen oder Urnen oder warten unverdrossen auf Godot, der nie erscheint. Der Zuschauer oder Leser ist versucht, hier Meta-Ebenen zu sehen, die in reale Verhältnisse zu übersetzen seien. Handfest zu interpretieren auch die Wortspiele und gedanklichen Verstiegenheiten, zu denen viele Figuren in Becketts Werk neigen. Ein anderes Verhältnis entsteht, sobald spürbar wird, dass deren Welten bereits deren eigene Interpretationen sind. Mit den Mitteln ihres Verstandes versuchen sie, die Paradoxien ihres Verstandes zu verstehen, sich mit ihm zu arrangieren. In einer als unnormal erlebten Welt normal zu leben. Wie andere Autoren die Kapriolen des physischen Menschen und seiner Umwelt vorführen, dringt Beckett tief in die Abenteuer und Absurditäten des alltäglichen Denkens vor.
Ausgerechnet der stark an den bildenden Künsten und Musik interessierte Beckett wünschte für seine Stücke sparsame Kulissen und Schauspieler, die möglichst wenig betonen. Bei seinen eigenen Inszenierungen verwandte er auf formale Aspekte die meiste Mühe: die Beleuchtung, Anordnung von Figuren und Dingen im Raum, den Rhythmus der gesprochenen Sätze. Mimik und Betonung sollten nicht zu melodramatisch, theatralisch oder pathetisch sein. Denn andernfalls hätten sie den Texten Aussagen verliehen, die sie nie besaßen und ihre Vielstimmigkeit unterlaufen. Schauspieler konnte Beckett durch die Regieanweisung, bitte nüchtern und nach dem Takt eines Metronoms zu sprechen, zur Verzweiflung treiben. 
Zuschauer reagierten nicht selten irritiert und wütend auf die Abwesenheit herkömmlicher Verständlichkeit und Theatralik. Es liegt im Wesen von Becketts Stücken, diese nicht liefern zu können. Sie zeigen Aspekte des Menschen, die gerade dadurch mitteilenswert sind, weil sie sich nicht in gewohnte Aussagesätze fassen lassen. Becketts Arbeiten wie herkömmlich erzählte Texte verstehen, würde ihren größten Wert ignorieren. Sie erscheinen wie die wirkliche Welt oft widersinnig und bizarr und sind ebenso tiefsinnig, traurig und unterhaltsam wie diese.
Der Regisseur Stefan Pucher wählt in seiner Inszenierung von Warten auf Godot im Hamburger Thalia Theater raffinierte Mittel, um Beckett gerecht zu werden, ihn nicht zu verflachen und doch zu modernisieren. http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/warten-auf-godot/
Das Stück durchaus auf dem Hintergrund von Videofilmchen und über die gesamte Bühne gestapelten Europaletten zugreifender und anwenderfreundlicher zu gestalten. Die Hauptfiguren Wladimir (Jens Harzer) und Estragon (Jörg Pohl) treten wie zwei junge Männer aus einem Vorstadtgetto auf. Nach ihrer Körpersprache, ihre Kleidung und ihrer Tonart zu schließen, könnten sie Obdachlose, gelangweilte Jugendliche, Kleinkriminelle sein. Dass sie den Text oft rüde und aggressiv ausrufen, als wollten sie eher tief sitzendem Unmut und einer Daseinsstimmung Luft, statt sich verständlich zu machen, verleiht der Inszenierung emotionale Wucht und Komplexität.
Wladimir und Estragon sind in dieser Aufführung starke, tiefe Charaktere, weil sie den Tiefsinn umgehen. Das beim Zuschauer entstehende Gefühl, die beiden Figuren neu kennenzulernen, sabotiert der Regisseur dann und wann durch Effekthascherei und alberne Selbstkommentierungen der Schauspieler. In solchen Momenten verfliegt der Reiz. Dass Wladimir mehrfach sein Geschlechtsteil zeigen muss, soll vielleicht als Reminiszenz an die einst aufrührerischen ersten Aufführungen des Stückes in den frühen 50er Jahren gemeint sein. Das eigentliche Problem ist aber, dass ein anfangs stimmig erscheinendes Konzept nicht für die gesamte Dauer des Stückes aufgeht und dessen Entwicklung letztlich blockiert. Der Halbstarkenschmerz der Protagonisten gibt dem Text zwar über weite Strecken etwas herrlich Selbstverständliches. Es gelingt, die beiden Figuren nicht als Repräsentanten einer von unzähligen Beckett-Inszenierungen zu verstehen, sondern ihre auf der Bühne vorgeführte Welt als einzigartig und authentisch zu begreifen. Doch der Preis dafür ist hoch. Zunehmend wird eklatant, dass die Charaktere und ihre Haltung schlecht zu vielen ihrer Dialoge passen. Sie sind zu konsequent gezeichnet, zu eindeutig, um viele der komplexeren und poetischen Textpassagen glaubwürdig in den Mund nehmen zu können. Im zweiten Akt verliert die Inszenierung so Energie und Aura. Beckett lässt sich nicht austricksen und auch dann nicht durch eine Regiemasche simplifizieren, wenn sie ungewöhnlich raffiniert und "Beckett-nah" gestrickt wurde.
Einen Besuch ist das Stück aber auch wegen der Nebenfiguren Pozzo (Oliver Mallison) und Lucky (Mirco Kreibich) wert. Hier steht die überreizt-expressive Darbietung nie im Widerspruch zum Text, der aus tiefem aufgewühltem Inneren der Figuren gesprochen scheint. Die Akrobatik dieser Figuren, Pozzos Brutalität und irrwitzige Verrenkungen hätten Beckett womöglich gefallen, weil sie wie im Ballett die Figur übersprachlich erfahrbar machen.