Dienstag, 27. September 2016

Wenn Hamburg etwas Besseres wäre oder: Von Wilhelmsburg nach Charlottenburg-Nord

Für viele hat der Name einer der größten bewohnten Flussinseln Europas keinen guten Klang. Wilhelmsburg wird mit prekären Lebensverhältnissen, Kampfhunden, Kriminalität und schwieriger Integration in Verbindung gebracht. Es scheint, als sei für Festländer die Uhr irgendwann in den 90er Jahren stehengeblieben. Interessiert hören sie zu, wenn man von den eigenen Besuchen im Hamburger Stadtteil berichtet. Über die Veränderungen in den letzten Jahren speziell durch die Internationale Bauausstellung IBA. Neugierde und der Wunsch, selbst einmal die wenigen Autobahnkilometer auf die andere Elbseite zu fahren, sind rasch geweckt. Mit der S-Bahn dauert die Überfahrt vom Hamburger Hauptbahnhof weniger als zehn Minuten.



Blick vom Energieberg. Im Hintergrund die Elbphilharmonie


Wilhelmsburg hat trotz der vielen Neubauprojekte keinen synthetischen, wohl aber vielerorts einen ungeschlachten Charakter. Breite Verkehrsrouten zerschneiden das Land, auf dem Industrieansiedlungen und Brachflächen, Lagerhallen und Wohnblocks oft wie wahllos ausgesetzt erscheinen. Es gibt aber auch Gründerzeithäuser und geschlossene, reizvolle Backsteinsiedlungen, uralte Katen, zahlreiche Parks und viele schöne Plätze am Wasser. Die Nähe zum Großstadtkern und den internationalen Umschlagplätzen und Werften des Hafens ist spürbar. Und zur Elbe, die Wilhelmsburg auf ihrem Weg zum Meer umfließt.
Diese Welt stand nie beschaulich oder einfältig still. Die Arbeit von Generationen, ihre Auseinandersetzungen, kulturellen Einflüsse und ihr Miteinander scheinen in der Luft zu liegen. Auch eine selbstbewusste Freude am Vorhandenen.



Bauformen in Wilhelmsburg


Der "Energiebunker" kann 1000 Haushalte mit Öko-Strom versorgen
                                        

Nicht repräsentative Befragungen unter Bekannten offenbaren trotzdem Skepsis. Wer in Hamburg dringend eine neue Wohnung sucht oder in Norderstedt wegen der peripheren, 45 Zugminuten vom Stadtzentrum entfernten Lage unglücklich ist, erwägt mitunter nicht einmal die Möglichkeit, nach Wilhelmsburg zu ziehen. Natürlich gibt es andere, die es tun – auch aus begehrten Stadtvierteln wie Eimsbüttel, Winterhude und Eppendorf. Gesucht und in seinem Ruf mit vergleichbar zentralen Quartieren gleichberechtigt ist die nahezu innerstädtische Insel aber noch lange nicht. Kein Wunder: Soziale Probleme prägten das Image über Jahrzehnte derart, dass der Senat die jetzigen Veränderungen unter dem Motto "Sprung über die Elbe" als große Kehrtwende feiert.



IBA-Geschäfsführerin Karen Pein weist über die Elbinsel



Oberbaudirektor Jörn Walter, Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt
Laut Dr. Dorothee Stapelfeldt, Hamburger Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, wurden immer wieder viele Millionen Steuergelder in die Problemregion investiert, ohne Entscheidendes zu erreichen. Erst seit versucht wird, den Stadtteil fundamental durch Ausbau von Verkehrswegen, Freizeitflächen im Grünen und am Wasser, Bildungseinrichtungen und attraktive Architektur zu erneuern, verbessere sich die soziale Situation. 2006 begann die Arbeit für die Internationale Bauausstellung "IBA": Staatliche Planung, Ausschreibung und Förderung in Verbindung mit privaten Investitionen und Ausführungen. Laut IBA- Geschäftsführerin Karen Pein lassen sich im Zuge der Projekte ein Rückgang der Schulabbrecher- und Arbeitslosenquote feststellen. Mehr Wohnqualität ging einher mit Mitbestimmung der Bewohner, deren Wünsche und Sorgen ernst genommen werden sollen. Ärgernisse wie der Giftberg Georgswerder wurden zum begrünten "Energieberg" mit Aussichtswanderwegen umfunktioniert. Mit Wegnahme der alten Zollzäune ist den Wilhelmsburgern endlich ein ungehinderter Zugang zur Elbe möglich.



 Blick von einem IBA-Wohnhaus zur Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen


Nach Ende der Bauausstellung im Jahr 2013 werden ihre Konzepte von der IBA Hamburg GmbH weitergeführt. Auch in anderen Stadtteilen soll sie innovative Projekte entwickeln und Investoren schmackhaft machen. Die Wilhelmsburger Reichstraße wird versetzt, um mehr Platz für Wohnraum, Grün und eine bessere Verkehrsanbindung bei weniger Schmutz und Lärm zu erreichen. Etwa 1200 neue Wohnungen sind bereits geschaffen und weitere Quartiere entstehen. Höchste Umweltverträglichkeit wird angestrebt.                
                         


Die neue Wilhelmsburger Reichstraße soll neben Bahngleisen verlaufen


Die Neubauten sorgen für ihren Bedarf an Strom und Wärme möglichst erneuerbar und "passiv", aus Solarzellen und gar einem Algenreaktor. Kühne, hochmoderne Technik kam zum Einsatz, die manche Gebäude wie Mischkonstruktionen aus Science Fiction und Märchenbuch aussehen lassen. Angestrebt wird, dass die Insel in naher Zukunft ihren gesamten Energiebedarf aus eigenen Quellen produzieren kann.



IBA-Infotafel, Fassadenmalerei, Algenfassade


Die IBA GmbH kümmert sich aber auch um Altbauten: Für die Modernisierung und Erweiterung einer Wohnanlage aus den 30er Jahren kooperierte sie mit dem städtischen Wohnungsbaukonzern SAGA. Über 100 Millionen Euro wurden für die Gebäude im Reiherstiegviertel ausgegeben.
Auch, um Wünsche der Mieter für ihre zukünftige Wohnsituation zu realisieren. Denn "Wohnen heißt bleiben", lautete hier das IBA-Motto. Sogenannte "Heimatforscher" interviewten die Altmieter und gaben die Antworten an eine "Interkulturelle Planungswerkstatt" weiter. Bessere Raumaufteilungen, Vergrößerungen sowie neue Balkone zählten zu den wichtigsten Anliegen. Bei Berücksichtigung des künftig geringeren Energieverbrauchs wurden den Mietern nur moderat steigende Wohnkosten garantiert.



Neue Balkone im "Weltquartier"
 Moderne Anbauten für alte Häuser





















Etwa ein Drittel der Bewohner kehrte nach der Modernisierung aus ihren nahen ausweichquartieren zurück. Ein vergleichsweise hoher Wert. Da sie aus 31 Nationen stammen, heißt der Straßenzug nun "Weltquartier". Die Energieversorgung funktioniert hocheffizient, wenn man sich an die Regeln hält. Den Mietern blieb aus psychologischen Gründen zwar die Freiheit, ihre Heizung noch selber zu regulieren. Unter sieben Grad Celsius sollte jedoch niemand mehr ein Fenster öffnen, um die sich selbst steuernden, äußerst sparsamen Wärmungsprozesse nicht zu stören. Und bitte nicht die Luftschächte verkleben. Sonst entstehen ungute Druckverhältnisse im Haus, die im konkreten Fall einer Nachbarin den Zugang zu ihrer Wohnung unmöglich machten.



"Neue Hamburger Terrassen"


Im Vorzeigeprojekt "Neue Hamburger Terrassen" wurden frei finanzierte und geförderte Wohnungen  entlang von begrünten Sträßchen angelegt, die einen entspannten Alltag und nachbarschaftlichen Kontakt unabhängig von Generation und sozialem Status unterstützen sollen. Vorbild sind Häuser aus dem 19. Jahrhundert (wie am Falkenried in Hoheluft-Ost), die sich an Gemeinschaftsflächen gegenüberstehen. Wohnungen deutlich unterschiedlicher Größen ob für Singles oder Familien gibt es unter einem Dach. Immer mehr wohlhabende Akademiker möchten hier wohnen. Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter wirbt temperamentvoll für den Umzug über die Elbe, wenn er etwa vom benachbarten Inselpark schwärmt, der ein begehrtes Ausflugsziel geworden sei. Überall entstehen neue Kaffees und Geschäfte und die Hoffnung ist groß, dass auf heute noch öden Flecken bald buntes Leben herrscht.


IBA-Architektur am Inselpark... 
...als besäße die Welt zu wenig Farben
Alles prima – aber ein Gefühl des
Unwirklichen, künstlich Stilisierten wecken die Projekte der IBA Hamburg gleichermaßen wie ihre Sprache. Sie ist auch ein Projekt der gutgemeinten  Schlagworte, kongenial zu den griffigen Bezeichnungen ihrer modernen Bauformen wie "Smart Material Houses", "Smart Price Houses, "Waterhouses" und "Hybrid Houses". Der vieldeutige Begriff "Smart" scheint ein treffender Oberbegriff der Bauausstellung, die viel beeindruckend geplant und umgesetzt hat, um alles richtig zu machen: Enorm umweltfreundlich sein, Naturnähe und Freizeitmöglichkeiten betonen, soziales Miteinander und neue Bildungschancen fördern.
Ähnlich wie die Sprache machen spontan auch die Vielfarben der Projektgebäude gegenüber der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen misstrauisch. Sie erinnen an bunte Verkleidungen von Hochhaussiedlungen, die Trostlosigkeit kaschieren sollen und sie im Gegenteil betonen. Trostlos sind die hypermodernen und komfortablen IBA-Houses Am Inselpark nicht. Aber der Siedlung oder, besser gesagt, Ansammlung von Baukörpern fehlt die Ausstrahlung eines organischen Ganzen – ob eines gewachsenen oder erdachten. Es ist eben ein Ausstellungsgelände, auf dem Architekturbüros Beispiele ihres Könnens präsentierten. Mit dem Unterschied, dass die Präsentation nicht wieder abgebaut, sondern Stadtlandschaft wurde. Aber ist das richtig? Bauprojekte einfach vom grünen Planungstisch in die Realität befördern ohne Rücksicht auf Einflechtung und Miteinander. Widerspricht dies nicht der ganzheitlichen IBA-Philosphie? Oder enttarnt es das Wunschdenken einer Konzeptveranstaltung?



Alles deutet auf eine grüne Bauweise hin


Richtig machen, was richtig zu machen ist – das könnte ein weiteres IBA-Motto sein. Die staatliche Unternehmung wollte auf keinen Fall einen vermuteten Konsens einer aufgeklärten Gesellschaft reizen. Die Architektur ist vielleicht deshalb eher nett-originell als inspirierend. Architektur muss nicht inspirieren, im Vordergrund stehen die Bedürfnisse der Menschen. Aber etwas nagt bei den Fahrten und Spaziergängen durch die Projektgebiete. Die neuen Gebäude bieten Problemlösungen auf hohem Niveau und wecken ein Gefühl der Distance.



Aufwertung von Mietwohnungen durch Solartechnik



Nicht bei den Schülern des Bildungszentrums mit dem großen Namen "Tor zur Welt". Sie sollen  unbändig stolz gewesen sein, in den stilvollen Neubauten "wie im Hotel" lernen zu dürfen. Es gibt ein Gymnasium, Grundschule, Kita, Kindertheater, Elternschule, Volkshochschule und weitere Bildungs- und Beratungsinitiativen. Um Lernen erfolgreicher zu machen und die sozialen Bedingungen zu verbessern, vernetzen sich schulische und außerschulische Stellen.

Wenn die Verantwortlichen auf den Vorbildcharakter dieses wie auch anderer Projekte hinweisen, glaubt man ihnen hinsichtlich der geschaffenen Qualität sofort. Eine andere Frage ist, ob diese sich übertragen lässt. Wilhelmsburg ist historisch eine Insel mit ausgeprägten Arbeiterquartieren, Betrieben und vielen zu gestaltenden Brachflächen. Hier entstanden die IBA-Projekte aufgrund einer mehrjährigen Fokussierung von Städteplanern, Soziologen, Pädagogen, Architekten und Behörden. Also zumindest übertragbar auf ähnliche Problemregionen? Sollten dort ebenfalls genug Engagement und Geld vorhanden sein, dann bestimmt. Offenkundig leiten sich die Hamburger Projekte von der besonderen Situation der Insel und den Möglichkeiten des Stadtstaates ab. 



Passivhaus in Wilhelmsburg



"Was Wilhelmsburg für Eppendorf tun kann" war einer der wohlfeilen Sprüche, mit denen die IBA-Macher eine überlegene Wirksamkeit ihrer Planungen propagandierten. Allerdings nützt sparsame Klimatechnik nur noch wenig, wie der Vermieter eines energetisch sanierten Wohnhauses auf der Veddel erzählt, wenn Bewohner bei voller Heizungsleistung die Fenster offenhalten. In der Pressekonferenz zum zehnjährigen IBA-Jubiläum kommt dann Spannung auf, als Oberbaudirektor Jörn Walter Konflikte beschreibt, die das reale Wilhelmsburg ausmachen. Diese Auseinandersetzungen sind übertragbar, selbst bei regional nicht übertragbaren Problemen. Die Insel soll besser bewohnbar gemacht werden, ohne Firmen zu vertreiben. Hierzu braucht es laut Walter Lösungen, wie sie manche Bau- und Lärmverordnungen nicht vorsehen. Neuartige Schutzmaßnahmen für die Bewohner, aber auch Auseinandersetzungen mit der Bürokratie. Einfach nur Gutmeinendes erschaffen, so leuchtet ein, kann nicht funktionieren.

                                                     

Idylle pur: Solarzellen und Pflanzengrün
 


Interessant wäre eine Bauausstellung, die keine ideale Förderung simuliert, sondern sich mit durchschnittlichen Recourcen begnügt. Wie weit ließen sich Lebensbedingungen verbessern, indem bloß Ungewöhnliches getan oder Mittel anders verwendet werden? Die Normalität würde zum Test- und Ausstellungsobjekt - mit eventuell bemerkenswerten Folgen. Ein unfreiwilliges Experiment ließ sich beobachten, als im herrschaftlichen Hamburg-Harvestehude ein idealer und zugleich ungewöhnlicher Standort für Flüchtlinge gefunden zu sein schien. Der Stadtteil an der Alster besitzt eine optimale Infrastruktur. Und doch zeigten einige Villenbesitzer Ressentiments, wie sie aus peripheren Hochhaussiedlungen bekannt sind. Es kam zur monatelangen öffentlichen Debatte und gerichtlichen Entscheidung für die Flüchtlingsunterkünfte. Auch verliert das Harvestehuder Villenviertel nun seinen Status als "besonders geschützt", auf den sich die Kläger beriefen. Verschiebungen innerhalb der Normalität können wirkungsvoller sein, als eine künstliche zu kreieren.
                           

 
Wilhelmsburger Miteinander


Die  Konzepte der IBA sind nicht neu. Seit dem 19. Jahrhundert fordern Stadtplaner, Leben und Arbeiten miteinander zu verschränken, Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten zu Nachbarn zu machen, Luft und Grün, Spielen, Einkaufen und Kultur zu verzahnen. Das Berlin der Nachkriegszeit wollte der Architekt Hans Scharoun (1893-1972) auf Basis dieser Kritieren wiederaufbauen. Seine Projekte wie die Charlottenburg-Nord-Siedlung wurden dann nur in begrenztem Umfang und mit einigen Abstrichen gegenüber den ursprünglichen Plänen realisiert. Die Wohnblocks wurden rundum großer grüner "Höfe" konzipiert, die heute mit ihren Unebenheiten und ungezwungenem Bewuchs heimelig wirken. Innovativ sind diese Gebäudekomplexe  längst nicht mehr – jedoch geblieben und bewohnt.



Wohnsiedlung in Charlottenburg-Nord



Herd von Hans Scharoun
Und seine Küchenspüle
Damals waren nicht die Versorgung mit regenerativer Energie, sondern mit sanitären Einrichtungen für jeden Haushalt sowie Fahrstühlen zukunftsweisend. Im achten Stock eines der Gebäude kann Scharouns Atelierwohnung nahezu im Originalzustand besichtigt werden. Telefon, Küchenkacheln, Zwei-Plattenherd und Badewanne zeigen, was Ende der 50er Jahre als modern galt.
Scharouns umlaufender Balkon bietet eine weite, wenig malerische Aussicht über Betriebsgelände, Hochhäuser und Wälder. Von der großen architektonischen Umwälzung, die Scharoun vorschwebte, zeigen seine Siedlungen bloß Beispiele in einem Meer anderer Wohnformen. Es gibt genug öffentlichen Platz, auch für die Autos, die einst geplanten Gewerberäume im Erdgeschoss wirken allerdings verwaist. Ob die alten Teppichstangen noch benutzt werden?


Über den Dächern der Siedlung

Die Menschen scheinen hier recht gut zu leben. An einem sonnigen Spätsommersonntag hört man entspannte Stimmen von den Balkonen, Leute gehen mit dem Hund spazieren, ein gutgekleideter Mann sinniert mit ernstem Blick auf einer Bank, eine Bierdose in der Hand. Schwer zu sehen, wie sich die Ideen eines neuen Wohnens und der sozialen Interaktion, die den Bauplänen zugrunde lagen, während der Jahrzehnte entfaltet haben. Die Gebäude und Anlagen erscheinen eher wie Mittel der heute hier lebenden Menschen, die sie mit ihren persönlichen Zwecken und,
je nachdem, positiven oder negativen
Bedeutungen bestücken.
In einem der "Höfe"
Der eine Idee von Offenheit bezweckende Architektursinn wird von Offenheit verschluckt – ein tröstlicher Eindruck.  
Nach der Herrichtung von Hans Scharouns Wohnung zu Ausstellungszwecken erklärte ein langjähriger Nachbar: Alles sei ja gut geglückt und authentisch, doch etwas Wesentliches fehle: Die riesige Rauchwolke aus Scharouns Zigarre, die ihm voranschwebte, noch bevor er den Fahrstuhl verließ.
  















      

                                                                 
              

Dienstag, 5. Juli 2016

"Moselblut" als Ebook

Ab sofort ist der Roman "Moselblut: Ein Weinkrimi" auch als Ebook auf allen gängigen Plattformen erhältlich.




Freitag, 18. März 2016

Becketttreu? WARTEN AUF GODOT im Hamburger Thalia Theater

Samuel Becketts Werk gilt vielen als hochtrabend, weil es vieldeutig ist. Bedeutungsschwer, da es keinen leicht formulierbaren Sinn ergibt. Der irische Schriftsteller (1906-1989) wollte weder das eine noch das andere, weder unverständlich noch griffig einordbar sein. Paradox oder sperrig muten seine Texte mitunter an, weil es ihm um Dichtung und nicht um Illustrationen von Argumenten und Überzeugungen ging. Verschlüsselung zum Zweck der Dechiffrierung war sein Ziel nicht. Eher, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen zu einem Kunstwerk zu formen, das eine Berechtigung und Wirksamkeit ähnlich wie die Innenwelt besitzt, aus der es entstand.  

Es gibt einige scheinbare Widersprüche in Becketts Werk. Er, der seinem Publikum keine literarischen Gleichungen aufgeben wollte und Rätsel à la "was möchte der Autor uns damit sagen?" verabscheute, neigt in seinen Texten zur Beschreibung von "absurden" Ausnahmesituationen: Menschen kriechen durch Wälder, leben in Mülltonnen oder Urnen oder warten unverdrossen auf Godot, der nie erscheint. Der Zuschauer oder Leser ist versucht, hier Meta-Ebenen zu sehen, die in reale Verhältnisse zu übersetzen seien. Handfest zu interpretieren auch die Wortspiele und gedanklichen Verstiegenheiten, zu denen viele Figuren in Becketts Werk neigen. Ein anderes Verhältnis entsteht, sobald spürbar wird, dass deren Welten bereits deren eigene Interpretationen sind. Mit den Mitteln ihres Verstandes versuchen sie, die Paradoxien ihres Verstandes zu verstehen, sich mit ihm zu arrangieren. In einer als unnormal erlebten Welt normal zu leben. Wie andere Autoren die Kapriolen des physischen Menschen und seiner Umwelt vorführen, dringt Beckett tief in die Abenteuer und Absurditäten des alltäglichen Denkens vor.
Ausgerechnet der stark an den bildenden Künsten und Musik interessierte Beckett wünschte für seine Stücke sparsame Kulissen und Schauspieler, die möglichst wenig betonen. Bei seinen eigenen Inszenierungen verwandte er auf formale Aspekte die meiste Mühe: die Beleuchtung, Anordnung von Figuren und Dingen im Raum, den Rhythmus der gesprochenen Sätze. Mimik und Betonung sollten nicht zu melodramatisch, theatralisch oder pathetisch sein. Denn andernfalls hätten sie den Texten Aussagen verliehen, die sie nie besaßen und ihre Vielstimmigkeit unterlaufen. Schauspieler konnte Beckett durch die Regieanweisung, bitte nüchtern und nach dem Takt eines Metronoms zu sprechen, zur Verzweiflung treiben. 
Zuschauer reagierten nicht selten irritiert und wütend auf die Abwesenheit herkömmlicher Verständlichkeit und Theatralik. Es liegt im Wesen von Becketts Stücken, diese nicht liefern zu können. Sie zeigen Aspekte des Menschen, die gerade dadurch mitteilenswert sind, weil sie sich nicht in gewohnte Aussagesätze fassen lassen. Becketts Arbeiten wie herkömmlich erzählte Texte verstehen, würde ihren größten Wert ignorieren. Sie erscheinen wie die wirkliche Welt oft widersinnig und bizarr und sind ebenso tiefsinnig, traurig und unterhaltsam wie diese.
Der Regisseur Stefan Pucher wählt in seiner Inszenierung von Warten auf Godot im Hamburger Thalia Theater raffinierte Mittel, um Beckett gerecht zu werden, ihn nicht zu verflachen und doch zu modernisieren. http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/warten-auf-godot/
Das Stück durchaus auf dem Hintergrund von Videofilmchen und über die gesamte Bühne gestapelten Europaletten zugreifender und anwenderfreundlicher zu gestalten. Die Hauptfiguren Wladimir (Jens Harzer) und Estragon (Jörg Pohl) treten wie zwei junge Männer aus einem Vorstadtgetto auf. Nach ihrer Körpersprache, Kleidung und Tonart zu schließen, könnten sie Obdachlose, gelangweilte Jugendliche, Kleinkriminelle sein. Dass sie den Text oft rüde und aggressiv ausrufen, als wollten sie eher tief sitzendem Unmut und einer Daseinsstimmung Luft, statt sich verständlich zu machen, verleiht der Inszenierung emotionale Wucht und Komplexität.
Wladimir und Estragon sind in dieser Aufführung starke, tiefe Charaktere, weil sie den Tiefsinn umgehen. Das beim Zuschauer entstehende Gefühl, die beiden Figuren neu kennenzulernen, sabotiert der Regisseur dann und wann durch Effekthascherei und alberne Selbstkommentierungen der Schauspieler. In solchen Momenten verfliegt der Reiz. Dass Wladimir mehrfach sein Geschlechtsteil zeigen muss, soll vielleicht als Reminiszenz an die einst aufrührerischen ersten Aufführungen des Stückes in den frühen 50er Jahren gemeint sein. Das eigentliche Problem ist aber, dass ein anfangs stimmig erscheinendes Konzept nicht für die gesamte Dauer des Stückes aufgeht und dessen Entwicklung letztlich blockiert. Der Halbstarkenschmerz der Protagonisten gibt dem Text zwar über weite Strecken etwas herrlich Selbstverständliches. Es gelingt, die beiden Figuren nicht als Repräsentanten einer von unzähligen Beckett-Inszenierungen zu verstehen, sondern ihre auf der Bühne vorgeführte Welt als einzigartig und authentisch zu begreifen. Doch der Preis dafür ist hoch. Zunehmend wird eklatant, dass die Charaktere und ihre Haltung schlecht zu vielen ihrer Dialoge passen. Sie sind zu konsequent gezeichnet, zu eindeutig, um viele der komplexeren und poetischen Textpassagen glaubwürdig in den Mund nehmen zu können. Im zweiten Akt verliert die Inszenierung so Energie und Aura. Beckett lässt sich nicht austricksen und auch dann nicht durch eine Regiemasche simplifizieren, wenn sie ungewöhnlich raffiniert und "Beckett-nah" gestrickt wurde.
Einen Besuch ist das Stück aber auch wegen der Nebenfiguren Pozzo (Oliver Mallison) und Lucky (Mirco Kreibich) wert. Hier steht die überreizt-expressive Darbietung nie im Widerspruch zum Text, der aus tiefem aufgewühltem Inneren der Figuren gesprochen scheint. Die Akrobatik dieser Figuren, Pozzos Brutalität und irrwitzige Verrenkungen hätten Beckett womöglich gefallen, weil sie wie im Ballett die Figur übersprachlich erfahrbar machen.